Ukraine-Konflikt auf der Krim Zündeln am Pulverfass

Die Krim debattiert eine Abspaltung von Kiew, Russland überprüft demonstrativ die Gefechtsbereitschaft seiner Armee. Die Halbinsel wird mehrheitlich von Russen bewohnt, Politiker aus Moskau beanspruchen das Gebiet für sich. Doch die Tataren leisten Widerstand.

Von , Moskau

Vor dem Regionalparlament der Krim: Zusammenstöße zwischen Tataren und Russen
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Vor dem Regionalparlament der Krim: Zusammenstöße zwischen Tataren und Russen


Wieder standen sie sich Auge in Auge gegenüber, Gegner und Befürworter der ukrainischen Revolution, nur lag der Ort der Auseinandersetzung nicht mehr in Kiew, auf dem Maidan, sondern 700 Kilometer südlich, auf der Halbinsel Krim. "Russland, Russland", donnerten Rufe über den Platz vor dem Regionalparlament, das noch immer offiziell Oberster Rat heißt, als wäre die Sowjetunion niemals untergegangen. "Ruhm der Ukraine", schallte der Schlachtruf der Revolution von der anderen Seite und mischte sich gelegentlich mit der Parole "Allahu Akbar - Allah ist groß".

Die Krise in der Ukraine hat sich vorerst verlagert, von der Hauptstadt Kiew in die südlichste Provinz des Landes. Am Mittwoch zogen Zehntausende Gegner und Anhänger der neuen Ordnung vor das Parlament in Simferopol. Die Gegner fordern die Abspaltung der Halbinsel und eine Wiedervereinigung mit Russland. Die Krim war Teil der Russischen Sowjetrepublik, bis sie 1954 der Ukraine zugeschlagen wurde, ausgerechnet von Kreml-Chef Nikita Chruschtschow, einem gebürtigen Ukrainer.

Das ist inzwischen 60 Jahre her, bewegt Russlands politische Eliten aber noch immer wie kaum ein zweites Thema. Dass die Krim von Kiew aus regiert wird und nicht aus Moskau, hält etwa Stanislaw Goworuchin für eine historische Ungerechtigkeit. Goworuchin, 77, ist Abgeordneter und Regisseur, 2012 hat er als Wahlkampfchef Wladimir Putins Rückkehr in den Kreml orchestriert.

Moskau grollt gegen die Ukraine wegen der Krim

Die Ukraine hätte sich nach dem Zerfall des roten Imperiums als wahre Schwester Russlands beweisen "und eine Möglichkeit finden sollen, Russland die Krim wiederzugeben", hat Goworuchin einmal gesagt. "Dann würden wir der Ukraine unser letztes Hemd geben. Niemand würde jemals mit ihr über Gaspreise verhandeln."

So aber schwingt, wann immer es direkt oder indirekt um die Halbinsel im Schwarzen Meer geht, alter Groll in Moskaus Ton mit. Russen stellen rund 60 Prozent der Krim-Einwohner. Sie schauen russisches Fernsehen und sie sprechen von Rubeln, selbst wenn sie mit ukrainischen Griwna zahlen. Viele auf der Krim teilen Moskaus Einschätzung, dass der Sturz von Präsident Wiktor Janukowitsch nicht auf das Konto von Demokraten und couragierter Zivilgesellschaft geht, sondern das Werk hartgesottener Nationalisten ist.

Als sich Teile der Janukowitsch-treuen Polizeieinheit Berkut auf die Krim zurückzogen, wurden sie wie Helden empfangen. Die Kämpfer baten die Bürger um Verzeihung, aber nicht etwa für den Gewalteinsatz, sondern "weil wir die Faschisten nicht aufhalten konnten".

Die Maidan-Revolution hat Kiew und die Zentralukraine erfasst, auch den Westen des Landes. Selbst die Industriereviere im Osten - eigentlich Janukowitschs Hochburgen - halten sich mit Sympathiebekundungen für den Gestürzten zurück. Der Schießbefehl und die Fotos aus seinen Protzvillen haben Janukowitsch auch dort Zustimmung gekostet.

Separatisten wittern ihre Chance

Doch die Sezessionsbestrebungen auf der Krim bereiten den neuen Machthabern in Kiew großes Kopfzerbrechen. Im Hafen Sewastopol liegen die Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte vor Anker. In Russland kennt jedes Kind Sewastopol, die Heldenstadt. Während Belagerung und Sturm durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg kamen Zehntausende ums Leben, nur neun Häuser in der ganzen Stadt blieben unversehrt. Während die neue Führung in Kiew noch damit beschäftigt ist,eine stabile Regierung auf die Beine zu stellen, wittern Separatisten auf der Krim ihre Chance. "Eine solch gute Gelegenheit gab es noch nie", sagt Tatjana Jermakow, Chefin der russischen Gemeinde in Sewastopol. Sie hat sich schon an Russlands Präsidenten Putin gewandt, mit der Bitte um Beistand gegen die Revolution und "die Zerstörung der russischen Welt", wie sie es sieht.

Während sich das Krim-Parlament am Mittwoch zu einer mit Spannung erwarteten Sitzung versammelte, ließ Moskau schon einmal die Muskeln spielen und die Gefechtsbereitschaft von Armee und Luftwaffe überprüfen. Auf Putins Anweisung wurden "die Truppen in Westrussland um 14 Uhr in Alarmbereitschaft versetzt". Alle "Panzer werden schießen, alle Flugzeuge im Kampfmodus fliegen", sagte Verteidigungsminister Sergej Schoigu, ein Freund von Großmanövern ohne Ankündigung. Nicht nur in der Ukraine verstanden sie das so, wie es gemeint war: als drohendes Rasseln mit dem Säbel.Die Nato versicherte im Gegenzug, das Bündnis werde die "territoriale Unversehrtheit" der Ukraine unterstützen.

Tataren kündigen "würdigen Widerstand" gegen Sezession an

Russland verhält sich wie ein Pyromane, der an einem Pulverfass zündelt. Das Manöver könnte die Sezessionsbefürworter ermutigen, die Krim aber auch leicht in einen Bürgerkrieg stürzen. Denn die Russen bilden dort zwar die Bevölkerungsmehrheit, stehen aber einer wachsenden Minderheit von Tataren gegenüber. Stalin hatte die Tataren der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt und nach Zentralasien deportieren lassen. Seit 1988 dürfen die muslimischen Tataren zurückkehren, ihr Zorn auf Moskau aber ist nicht verflogen. Sie stellen inzwischen rund 15 Prozent der Bevölkerung - und sind das Rückgrat der Gegner einer Anlehnung an Russland. Man werde "würdigen Widerstand" leisten, sagte ihr Anführer Refat Tschubarow.

Am Mittwoch schreckte das Parlament noch vor dem Bruch mit Kiew zurück. Die Frage einer Abspaltung stehe nicht zur Debatte, erklärte Wladimir Konstantinow, der Sprecher des Parlaments.

Vor dem Gebäude aber lieferten Tataren und Russland-Anhänger schon einmal eine Kostprobe davon, was die Halbinsel in den nächsten Wochen erwarten könnte: Als sich die Polizei zurückzog, kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen beiden Seiten.

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insgesamt 94 Beiträge
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kappesstepp 26.02.2014
1. Schreiben Sie
Zitat von sysopREUTERSDie Krim debattiert eine Abspaltung von Kiew, Russland überprüft demonstrativ die Gefechtsbereitschaft seiner Armee. Die Halbinsel wird mehrheitlich von Russen bewohnt, Politiker aus Moskau beanspruchen das Gebiet für sich. Doch die Tataren leisten Widerstand. http://www.spiegel.de/politik/ausland/konflikt-in-der-ukraine-russen-und-tataren-streiten-auf-der-krim-a-955869.html
bitte von *Krimtataren* - es gibt mehrere Ethnien in Russland, die sich "Tataren" nennen - alle sind miteinander sprachlich und kulturell miteinander verwandt, sehen sich aber nicht als miteinander identisch an - so wurden die *Tataren* der Republik Tatarstan an der Wolga (Kazan') *nicht* unter Stalin deportiert - dies traf die Krimtataren. Ich nehme zur Kenntnis, dass die Krimtataren im jetzigen Konflikt gegen die russische Position auftreten und sich für die Ukraine auszusprechen scheinen - werden die Nationalisten im Westen sie denn sein lassen, was sie sein wollen? Man darf das bezweifeln.
agua 26.02.2014
2.
Dieser Konflikt war zu befürchten. Ich kann empfehlen die Artikel in "Stimme Russlands" zum Thema zu lesen, einige Artikel haben eine realistische Einschätzung der Situation. Ich denke, dass EU und USA diese kommenden Konflikte einkalkuliert haben. Man gewinnt den Eindruck, dass das Ziel eine Destabilisierung ist.
doubletrouble2 26.02.2014
3. Putin lässt durchladen.
Die Gefechtsübung ist so etwas wie ein Warnschuss der Polizei für einen Straftäter. Die nato und vor allem die Bundesregierung sollten die banken an die Kette nehmen, bevor sich unabsichtlich eine Salve aus einer Kalaschnikow löst. Die krim als Abfindung an Russland ist aber eine Möglichkeit um die Ukraine der westlichen Schuldknechtschaft zu unterwerfen. Da lässt Putin sicher mit sich reden.
fizmat 26.02.2014
4. Pyromanen
"Russland verhält sich wie ein Pyromane, der an einem Pulverfass zündelt." Ach so, wie ist es denn zu diesem Pulverfass gekommen? Wer hat denn da auf dem "Euromaidan" das "Volk" unterstützt, das jetzt seiner Russophobie gegen die eigenen Mitbürger freien Lauf lässt. Waren das die Russen?
Fridolin_Forenfleiß 26.02.2014
5. Bis jetzt ...
Zitat von sysopREUTERSDie Krim debattiert eine Abspaltung von Kiew, Russland überprüft demonstrativ die Gefechtsbereitschaft seiner Armee. Die Halbinsel wird mehrheitlich von Russen bewohnt, Politiker aus Moskau beanspruchen das Gebiet für sich. Doch die Tataren leisten Widerstand. http://www.spiegel.de/politik/ausland/konflikt-in-der-ukraine-russen-und-tataren-streiten-auf-der-krim-a-955869.html
... läuft alles nach dem Kreml-Strickmuster Georgien/Südossetien.
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