Konflikt in Gaza: Israel hofft auf Deeskalation per Raketenabwehr

Von Gil Yaron, Tel Aviv

Israels Luftwaffe schlägt in Gaza zu, radikale Palästinenser schießen Raketen auf Israels Ballungszentren, daraufhin gibt es neue Vergeltungsschläge - die Gewalt in Nahost eskaliert. Nun soll ein neues Abwehrsystem die Wende bringen. Erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen.

Raketenabwehr Iron Dome: Trefferquote 85 Prozent Zur Großansicht
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Raketenabwehr Iron Dome: Trefferquote 85 Prozent

Die Späher der israelischen Luftwaffe kündigten sich mit einem Surren an. Am Freitagnachmittag sollen die Motoren von Aufklärungsdrohnen über Gaza zu hören gewesen sein. Wenig später raste eine Rakete ins Heck des VW Lupo von Suheir Qaisi. Die Wucht der Explosion tötete den Anführer der Volkswiderstandskomitees (Popular Resistance Committees - PRC) auf der Stelle, neben ihm kam auch sein Beifahrer Ahmad Hanini ums Leben, ein weiterer Kommandant der PRC. Der Raketenangriff leitete eine neue Eskalation der Gewalt rund um den Gaza-Streifen ein.

Qaisi sei ein "Terrorgenie" gewesen, begründete Israels Premierminister Benjamin Netanjahu den Präventivschlag am Sonntag. Er habe sich "mitten in der letzten Planungsphase für ein neues Attentat" befunden. Im vergangenen August, so behauptet Israel, habe Qaisis Vorgänger einen schweren Anschlag an Israels Grenze zum Sinai organisiert, bei dem acht Israelis ums Leben kamen. Israel hatte ihn kurz darauf ebenfalls per Luftangriff getötet.

Nach dem Angriff auf Qaisi eskalierte die Gewalt. Seit Freitag wurden mehr als 130 Raketen auf israelische Ballungszentren abgefeuert. Dabei sollen mindestens 15 Menschen verletzt worden sein. Israel reagierte mit Luftangriffen bei denen palästinensischen Angaben zufolge 18 Menschen ums Leben kamen, darunter ein zwölfjähriger Junge. Eine Quelle des israelischen Militärs behauptete gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass der Junge dabei zugeschaut haben soll, wie Aktivisten Raketen für den Abschuss gegen Israel vorbereiteten.

"Es gibt nicht genügend Schutzräume"

Auf israelischer Seite herrschte am Sonntag Ausnahmezustand: Im Süden des Landes erhielten mehr als 200.000 Schüler schulfrei und wurden angewiesen, sich in der Nähe von Schutzräumen aufzuhalten. Immer wieder heulten Luftschutzsirenen auf. "Die Lage in Beer Scheba ist unhaltbar", sagte die stellvertretende Bürgermeisterin der Provinzhauptstadt der Negev-Wüste, Hefzi Sohar. "In unseren Schulen gibt es nicht genügend Schutzräume. Das Leben hier steht still."

Noch ist unklar, ob die Lage rund um Gaza weiter ausufert. Beide Seiten wollen am Waffenstillstand festhalten: "Israel hat kein Interesse an einer Eskalation", sagte Generalstabschef Benni Gantz, doch werde man auf Beschuss hart reagieren. Ismail Haniyah, der als Premier der radikalislamischen Hamas den Gaza-Streifen seit einem blutigen Putsch 2007 regiert, erklärte in einer Verlautbarung: "Unsere höchste Priorität ist es, Israels Aggression zu stoppen und palästinensische Zivilisten zu schützen." Ägypten schaltete sich als Vermittler ein. Bereits am Samstag traf eine hochrangige Delegation der Hamas zu Gesprächen in Kairo ein.

415 Raketen und 244 Mörsergranaten auf Israels Ballungszentren

Doch die Entscheidung, ob an der Grenze zwischen Israel und Gaza Ruhe herrscht oder aus Scharmützeln ein ausgewachsener Krieg wird, liegt in Händen des Islamischen Dschihad und des PRC. Sie wollen die Hamas - ihren politischen Rivalen - mit Angriffen auf Israel und den darauf folgenden Vergeltungsschlägen kompromittieren. Mit kaum verhüllter Geringschätzung äußerte ein Sprecher der PRC am Sonntag seine Enttäuschung darüber, dass "nur wir und der Dschihad Raketen auf Israel abschießen. Was macht Widerstand für einen Sinn, wenn nicht alle mitmachen?" Seit Januar 2011 schossen palästinensische Organisationen laut israelischen Angaben mehr als 415 Raketen und 244 Mörsergranaten auf israelische Ballungszentren ab.

Das erzeugt auf israelischer Seite hohen politischen Druck. Die Regierung sah sich gezwungen zurückzuschlagen, um der Bevölkerung zu zeigen, dass sie etwas für ihre Sicherheit unternimmt - so die offizielle Lesart. Die Einführung der "Iron Dome"-Raketenabwehr soll helfen, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen. Vor wenigen Monaten stationierte die Armee in Israels Süden drei Einheiten, die Kurzstreckenraketen abschießen und Todesopfer auf israelischer Seite verhindern sollen. Das Radar ist so differenziert, dass nur Raketen abgeschossen werden, die über Wohnorten niedergehen würden. Geschosse, die auf Felder stürzen, lässt Iron Dome passieren, um Geld zu sparen. Eine der von Iron Dome genutzten Abfangraketen vom Typ "Tamir" kostet angeblich rund 70.000 Dollar.

Fehlbare Raketenabwehr

Beim jüngsten Schlagabtausch übertraf die Raketenabwehr alle Erwartungen: "Bisher gelang es uns, 37 von 43 Raketen abzuschießen", sagte Armeesprecher Arye Shalicar SPIEGEL ONLINE. Kritiker des Systems wie der Militärexperte Reuven Pedazur zeigen sich überrascht: "Wenn diese Angaben stimmen, handelt es sich um einen Riesenerfolg."

Verteidigungsminister Ehud Barak forderte, Iron Dome zu einem "nationalen Notstandsprojekt" zu erklären. Bis Mitte 2013 sollen sechs weitere Batterien aufgebaut werden, um Bürgern sowohl an der Nord- als auch an der Südgrenze Israels Schutz vor Raketenbeschuss bieten zu können.

Iron Dome könnte eine weitere Eskalation rund um Gaza verhindern helfen. Doch das System bietet keinen perfekten Schutz. Das zeigte sich Sonntagnachmittag, als Raketen ein Wohnviertel und eine leere Schule in Beer Scheba trafen und hohen Sachschaden verursachten. So hält der Zivilschutz Israels Bürger weiter dazu an, sich nicht auf die Raketenabwehr zu verlassen und in der Nähe von Schutzräumen zu bleiben. Sollte durch einen Zufallstreffer eine große Zahl von Zivilisten getötet werden, dann wäre ein Einmarsch Israels in Gaza nicht mehr unwahrscheinlich.

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