Konflikt mit Nordkorea: Obamas China-Problem

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Obama und Xi Jinping bei einem Treffen im Jahr 2012: "Aggressive Sammler" Zur Großansicht
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Obama und Xi Jinping bei einem Treffen im Jahr 2012: "Aggressive Sammler"

Würden die USA und China gemeinsam handeln, wäre Nordkoreas Regime schon morgen am Ende. Doch stattdessen wachsen die Konflikte zwischen Supermacht und Riesenreich. Klassische Spionage, Cyber-Attacken und neue Machtansprüche säen Misstrauen.

Es gibt da diesen einen Satz über die Führungsrolle Amerikas, der zum Standardrepertoire eines jeden US-Politikers gehört, egal ob Demokrat oder Republikaner: Wenn nicht die Welt im freiheitlich-demokratischen Sinne von Amerika geführt werde, drohe eine andere, autokratische Macht diesen Job zu übernehmen. Und damit ist stets China gemeint.

Gegenwärtig aber wird Amerikas Macht von ganz anderer Seite auf die Probe gestellt: von der atomar bewaffneten Hunger-Diktatur Nordkoreas. Und weil sich Herrscher Kim Jong Un bisher nicht abschrecken lässt und auf Risiko geht, wünscht sich die US-Regierung mehr Engagement von China. Zuletzt herrschte zwischen Peking und Washington ein reger Austausch, US-Präsident Barack Obama soll mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping telefoniert haben.

Obama oder Xi Jinping - wer kann Kim stoppen?

"Es ist ja kein Geheimnis, dass China Einfluss auf Nordkorea hat", sagt Jay Carney, Sprecher von Obama. Die Chinesen sollten dies doch bitteschön nutzen, "um Nordkoreas Verhalten zu ändern". Weil Obama nicht ohne Vorbedingungen mit Kim verhandeln will - die Nordkoreaner haben ja all die Jahre auf Zugeständnisse stets nur mit neuen Drohungen reagiert - sieht man den Schlüssel zur Lösung der Krise bei China.

Die "Washington Post" kommentiert: "Die Chinesen könnten jetzt eine große internationale Rolle spielen, die ihrer Regierung Bewunderung einbrächte und - wenn China Nordkoreas Regime entmachtet und die Wiedervereinigung Koreas einleitet - die amerikanische Militärpräsenz in Asien reduzieren." Klingt hübsch, ist aber reichlich realitätsfern.

Denn auch wenn Chinas neue Führung um Xi Jinping zunehmend genervt auf die kommunistischen Brüder aus Pjöngjang reagiert - warum sollten sie sich eines ihrer wenigen Verbündeten in der Region entledigen? Mehr noch: Unter Chinas Nachbarn findet sich ansonsten kein anderes wirklich freundschaftlich gesonnenes Land; vielmehr sind darunter US-Verbündete. In ihrem jüngst erschienenen Buch "China's Search for Security" weisen Andrew J. Nathan und Andrew Scobell darauf hin, dass das Land mit allein fünf seiner Nachbarn innerhalb der letzten 70 Jahre Krieg geführt hat: Indien, Japan, Russland, Südkorea, Vietnam. Die USA derweil stellten in Pekings Wahrnehmung eine "revisionistische Macht dar, die Chinas politischen Einfluss schmälern und seine Interessen nicht achten will".

Von Partnerschaft zwischen der Supermacht und dem roten Riesenreich kann da keine Rede sein. Der Fall Nordkorea wird daran kaum etwas ändern. Im Gegenteil, hinterm Vorhang diplomatischer Höflichkeiten wachsen die Gegensätze. Insbesondere die USA sehen sich mittlerweile massiven chinesischen Spionage-Attacken ausgesetzt - von klassisch bis digital. Galt einst die ganze Aufmerksamkeit der US-Behörden den Spionen des KGB, haben sie sich auf einen neuen Gegner einstellen müssen: die Chinesen. Egal ob im Rüstungs-, Technologie- oder Medizin-Bereich, überall hat das FBI in den vergangenen Jahren rote Agenten aufgespürt.

Misstrauen zwischen den USA und China

Ende März etwa wurde ein aus China stammender Mitarbeiter des "Medical College of Wisconsin" festgenommen: Der Mann soll Material aus der Krebsforschung entwendet haben, um damit an einer chinesischen Universität aufgenommen zu werden. Etwa zur gleichen Zeit wurde der Chinese Sixing Liu in New Jersey zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt, nachdem er unter anderem ein Navigationsinstrument für Drohnen, Raketen und Lenkwaffen gestohlen hatte.

In den vergangenen vier Jahren, so hat es die "Washington Post" recherchiert, sind in den USA nahezu hundert mutmaßliche China-Spione offiziell angeklagt worden. China gehöre zu den "aggressivsten Sammlern sensibler US-Technologie", erklärte die Generalstaatsanwaltschaft. Anders als früher das KGB zahle China nicht für die Informationen und werbe auch keine Agenten an, die sich an Amerika rächen wollten, schreibt David Wise in seinem Buch "Tiger Trap - America's Secret Spy War with China". Vielmehr handele es sich meist um unauffällige chinesische Staatsbürger: Studenten, Touristen, Geschäftsleute, Handelsdelegationen, Wissenschaftler.

Zugleich werfen die USA den Chinesen Unterstützung von zunehmenden Cyber-Angriffen auf US-Unternehmen und Regierungsstellen vor. Wurde dies bisher indirekt und verklausuliert formuliert, herrscht seit Mitte März ein anderer Ton. Da erklärte Obama: "Wir erwarten von China und anderen staatlichen Akteuren, dass sie die internationalen Regeln befolgen." Schon unterhält das US-Militär ein Cyber-Command mit 900 Mitarbeitern. Dessen Chef, General Keith Alexander, hat angekündigt, bis 2015 mindestens 13 Einheiten mit "Offensiv-Fähigkeiten" für den Fall einer Attacke auf die USA geschaffen zu haben. Das zielt natürlich nicht allein auf China; aber die Regierung in Peking ist gewarnt.

Chinas Angst vor Einkreisung, Spionage, Cyberwar - es ist dieses Klima des Misstrauens, das ein gemeinsames Handeln von Chinesen und Amerikanern in Sachen Nordkorea so unwahrscheinlich macht. China glaubt, die USA würden ihre Führungsrolle gegen seinen Aufstieg einsetzen. Obama wiederum erwartet von China zwar durchaus die Übernahme internationaler Verantwortung, aber eben unter jenen Regeln, die der Westen gesetzt hat: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, universelle Menschenrechte.

Das geht nicht zusammen. Der Risikospieler aus Pjöngjang weiß diesen Gegensatz zu nutzen.

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insgesamt 177 Beiträge
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1. Zeitenwende
Klaus aus Bavaria 06.04.2013
Das mächtige China versucht die Weltordnung zu verändern. was ist daran ungewöhnlich? Die USA haben es ja auch so gemacht. Nur das deren Blütezeit eben um ist.
2. Oh weh...
yallayalla 06.04.2013
Zitat von sysopDPAWürden die USA und China gemeinsam handeln, wäre Nordkoreas Regime schon morgen am Ende. Doch stattdessen wachsen die Konflikte zwischen Supermacht und Riesenreich. Klassische Spionage, Cyber-Attacken und neue Machtansprüche säen Misstrauen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/konflikt-mit-nordkorea-obamas-china-problem-a-892858.html
Der Satz sagt sehr viel aus. Wenn ein Riesenreich wie China tatsächlich solche Verbündete benötigt, dann ist es wohl um den inneren Zusammenhalt in China auch nicht gut bestellt. Wann werden die Betonkommunisten in China endlich den Weg frei machen für ein China des 21. Jahrhunderts? Dieses ganze alberne Getue um die rote Partei und ähnlicher Käse ist doch wirklich von vorgestern.
3. Stellverteter Konflikt
blauer-planet 06.04.2013
die Figuren auf dem Schachbrett rotieren... die Frage bleibt Schach matt in wie viel Zügen und welche Farbe..
4. Keineswegs
Nevermeind 06.04.2013
Zitat von Klaus aus BavariaDas mächtige China versucht die Weltordnung zu verändern. was ist daran ungewöhnlich? Die USA haben es ja auch so gemacht. Nur das deren Blütezeit eben um ist.
Die militaerische Macht der USA ist ungebrochen, und daran wird sich sobald nichts aendern, es sei denn, die USA zahlen ihre Schulden bei China nicht mehr und China pfaendet die Flugzeugtraeger - allerdings muesste man den Pfaendungsbeschluss dann auch durchsetzen;-)
5. diplomatisch abgehoben...
kstbremen 06.04.2013
bei aller Gefahr und Meinungsverschiedenheit beider Supermächte, sowie der Gefahr eines finanz- und cyberkrieges, ist vielleicht die ganz profane menschliche Gefahr, irgendein idiot in der armee, der auf den falschen knopf drückt. idiologisch verblendete gibt es in nord Korea genug.
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Industriepark Kaesong in Nordkorea: Lange geöffnet, jetzt geschlossen

Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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