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Alltag in Seoul: "Nordkorea ist nicht total bescheuert"

Von Malte E. Kollenberg, Seoul

Abgeriegelte Zufahrt nach Kaesong: Teufelskreis aus Drohungen und Sanktionen Zur Großansicht
REUTERS

Abgeriegelte Zufahrt nach Kaesong: Teufelskreis aus Drohungen und Sanktionen

Provokation folgt auf Provokation: Das Regime in Nordkorea hat jetzt die Industriezone Kaesong gesperrt. Doch die Menschen in Seoul bleiben entspannt: Sie rechnen nicht mit Krieg.

Es ist die nächste Eskalationsstufe: Nordkorea hat die gemeinsam mit dem Süden betriebene Industriezone Kaesong abgeriegelt. Ein riesiges Areal, auf dem 50.000 Nordkoreaner in 123 südkoreanischen Fabriken arbeiten. Es sind Unternehmen wie das von Moon Sun Jong, der dort eine Kleiderfabrik betreibt. Der Südkoreaner lässt T-Shirts und Hemden vom Klassenfeind nähen. Auch sein Lastwagen konnte am Mittwochmorgen die so dringend benötigten Rohmaterialien nicht in den Industriepark bringen. Doch Moon bleibt gelassen: "Wir haben früher schon ähnliche Situationen durchgestanden."

Die Produktion in seiner Fabrik laufe trotz des Zwischenfalls normal und könne auch die nächsten Tage weiterlaufen, erklärt er. "Aber wenn wir eine Woche keinen Nachschub liefern können, dann können wir nicht weiter produzieren." Seine Kollegen von anderen Unternehmen sehen die Situation genauso, versichert er.

Ähnlich ruhig bleibt auch der 22-jährige Park Jung Hyun - obwohl er gerade Post vom südkoreanischen Militär bekommen hat. Es könne sein, dass er als Reservist bald wieder eingezogen werde, teilte die Armee ihm mit. Dabei hat er erst vor wenigen Monaten seinen zweijährigen Militärdienst beendet.

Zwei Jahre lang stand er an der Grenze zum Norden und hat sein Land bewacht. Sollte er nun eingezogen werden, wäre er an vorderster Front wieder dabei. Ein etwas flaues Gefühl hat er aber doch im Bauch. "Als ich meinen Wehrdienst gemacht habe, gab es jedes zweite Wochenende ähnliche Drohungen aus dem Norden", erinnert er sich. "Auf einmal wird nun überall darüber berichtet", sagt Student Park. Dafür, dass die Situation so eskaliert, gibt er auch den Medien eine Mitschuld.

Und tatsächlich: Im Rest der Welt bewegt die Lage in Südkorea offenbar die Menschen mehr als im Land selbst. In der Hauptstadt Seoul geht alles den gewohnten Gang. Von den Drohungen des Regimes in Pjöngjang lassen sich die Südkoreaner nicht aus dem Konzept bringen. Die Regierung setzt jedoch sichtbar auf Sicherheit: An wichtigen Autobahnen, speziell in Richtung Norden, hat die südkoreanische Armee Posten bezogen. Seit zwei Wochen hat auch die Polizeipräsenz auf den Straßen der Hauptstadt zugenommen.

Angst vor einem Krieg ist in der Bevölkerung jedoch nicht zu spüren. Die Coffeeshops in Seoul sind voll wie eh und je. Die 40-jährige Lee Eun Kyeong sitzt in einem der Cafés in der Nähe des Seouler Rathauses, schlürft sorglos ihren Caffè Latte. "Ich arbeite bei einer Versicherung. Um meine Arbeit richtig zu machen, muss ich meine Kunden fragen, wie sie sich mit der momentanen Situation fühlen. Und je mehr ich mit meinen Kunden rede, desto weniger mache ich mir Sorgen um einen Krieg."

Auch der 41-jährige Moon Yeon Seok, der für eine südkoreanische Zeitung arbeitet, tut das Säbelrasseln aus dem Norden mit einem Schulterzucken ab. "Die reden doch bloß. Nordkorea beginnt keinen Krieg, wenn sie nicht total bescheuert sind."

"Nur psychologische Kriegsführung"

Der Nordkoreaexperte und Büroleiter der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul, Bernhard Seliger, wertet die Schließung des Zugangs zum Industriekomplex Kaesongals weiteren Schritt in der psychologischen Kriegsführung. "Ich denke nicht, dass sie das Ziel haben, Kaesong gänzlich zu schließen. Das könnten sie ja einfacher haben." Seliger hält den Einreisestopp lediglich für eine Reaktion auf die jüngsten Machtdemonstrationen der Amerikaner, die Zerstörer und weiteres Kriegsgerät vor die koreanische Küste verlegt haben.

Seliger sieht nur eine Gefahr, dass aus dem bisherigen Krieg der Worte ein echter Krieg wird: ein spontaner Fehler auf einer der beiden Seiten. Mit einem Beispiel erläutert er die brenzlige Situation. "Letzte Woche hat ein südkoreanischer Soldat eine Handgranate geworfen, weil sich etwas im Busch bewegt hat." Beide Seiten seien nervös, und das trage nicht zur Entspannung der Lage bei.

Student Park Jung Hyun sieht in der Reaktion seiner eigenen Regierung eine klare Parallele zum Verhalten des Regimes von Kim Jong Un. "Ähnlich wie in Nordkorea wird auch hier von der Regierung ein Bedrohungspotential erzeugt, damit die Bevölkerung hinter Park Geun Hye steht. Das stabilisiert auch die neue Regierung in Südkorea."

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insgesamt 71 Beiträge
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1. optional
Harlekinmann 03.04.2013
"Der Nordkoreaexperte und Büroleiter der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul, Bernhard Seliger..." wenn ich das Wort "Experte" schön höre....Um das zu erkennen, was der Herr Seliger gesagt hat, muss man kein Experte sein.
2. Die Macht der Medien
dunkelmerkel 03.04.2013
"Als ich meinen Wehrdienst gemacht habe, gab es jedes zweite Wochenende ähnliche Drohungen aus dem Norden", erinnert er sich. "Auf einmal wird nun überall darüber berichtet", sagt Student Park. Dafür, dass die Situation so eskaliert, gibt er auch den Medien eine Mitschuld." So isses. Amerika will diesen Krieg und alle Medien lassen sich hübsch einspannen. Hört auf mit dieser Hetze. Außer den USA will dort niemand Krieg und der kleine Kim schon gar nicht.
3. Zitatverfälschung
Tom Joad 03.04.2013
Jetzt muss ich SpON auch mal einen Vorwurf machen. Heißt es in der Überschrift "Nordkorea ist nicht total bescheuert" (durch Anführungszeichen als Zitat gekennzeichnet!), so findet man im Text folgendes Zitat: "Nordkorea beginnt keinen Krieg, wenn sie nicht total bescheuert sind." 10 Intelligenzpunkte für jeden, der den Unterschied erkennt ...
4. Nicht total bescheuert?
mwinter 03.04.2013
Wenn sich die lieben Südkoreaner da mal nicht verrechnen. 1939 haben die Polen bestimmt auch geglaubt, Adolf wäre nicht "total bescheuert". Wie die Geschichte ausgeht, sieht man immer erst im Nachgang...
5. Sieh an.
Olaf 03.04.2013
Zitat von dunkelmerkel"Als ich meinen Wehrdienst gemacht habe, gab es jedes zweite Wochenende ähnliche Drohungen aus dem Norden", erinnert er sich. "Auf einmal wird nun überall darüber berichtet", sagt Student Park. Dafür, dass die Situation so eskaliert, gibt er auch den Medien eine Mitschuld." So isses. Amerika will diesen Krieg und alle Medien lassen sich hübsch einspannen. Hört auf mit dieser Hetze. Außer den USA will dort niemand Krieg und der kleine Kim schon gar nicht.
Der kann sich aber gut verstellen, der kleine Kim.
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Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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