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Konflikt-Studie 2011: Das Jahr der Kriege

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Die Straßenschlachten des Arabischen Frühlings, der blutige Konflikt im Sudan, die mordenden Drogenkartelle in Mexiko - 2011 war ein Jahr der Gewalt. In ihrem "Konflikt-Barometer" zählen Heidelberger Forscher so viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr. Auch auf 2012 blicken sie mit Sorge.

Übersicht: Wo 2011 Kriege tobten Fotos
REUTERS

Hamburg - Es ist eine Weltkarte des Schreckens. Tiefschwarz sind die Elfenbeinküste und der Sudan eingefärbt. Gleiches gilt im Westen für Mexiko, im Osten für Pakistan und Burma. Mehr als ein Dutzend Länder haben die Forscher des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK) so markiert. Die schwarze Farbe bedeutet: Krieg. 20 Auseinandersetzungen der höchsten Stufe listet das "Konflikt-Barometer 2011" auf - es ist nach Angaben des Instituts die höchste Zahl seit dem Jahr 1945.

Im Vorjahr hatten die Experten "nur" sechs Kriege der schwersten Kategorie ausgemacht. Ein entscheidender Grund für diese Entwicklung: die dramatischen Ereignisse des Arabischen Frühlings. "Das hat uns schon überrascht", sagt Stephan Giersdorf, Vorstandsmitglied beim HIIK. Dass binnen so kurzer Zeit so viele gewalttätige Konflikte entstünden, sei außergewöhnlich. "Beeindruckend war aber vor allem die Intensität mit der die Auseinandersetzungen etwa in Libyen oder Syrien geführt wurden und noch geführt werden", so Giersdorf.

Entsprechend mussten die Forscher diese Gewaltherde direkt in die höchsten Kategorien ihrer Konfliktskala einordnen - auch dies ein Sonderfall. "Normalerweise schaukeln sich solche Ereignisse hoch, bis es schließlich zur Eskalation kommt", sagt der Forscher.

Bei ihren Erhebungen verlassen sich die Heidelberger Wissenschaftler auf ein fünfstufiges System. Vom Disput über die gewaltlose und gewaltsame Krise bis zum begrenzten Krieg und schließlich zum Krieg, Stufe fünf, reicht die Skala. "Wir bewerten verschiedene Faktoren, um die Grenzen so klar wie möglich zu ziehen", erklärt Giersdorf. Welche Mittel werden eingesetzt? Das umfasst schwere und leichte Waffen sowie die Zahl der Soldaten und anderer Kämpfer.

Ebenso entscheidend sind jedoch die Folgen dieses Einsatzes. Wie viele Tote und Verletzte sind durch den Konflikt zu beklagen? Wie viele Flüchtlinge? Welche Schäden sind an der Infrastruktur im Krisengebiet entstanden? Aus diesen Variablen errechnen die Forscher Schwellenwerte zur Klassifizierung. Dabei helfen ihnen mehr als 120 meist freiwillige Konfliktbeobachter, die ständig Presseberichte und Datenbanken auswerten.

Das größte Risiko sehen die Kriegsstatistiker in der "schwachen Staatlichkeit" vieler Krisenregionen. Selbst wenn Konfliktherde erkannt und lokalisiert sind, verhindert in solchen Fällen ein Mangel an finanziellen Mitteln, Ausrüstung, Personal und/oder Infrastruktur ein Eingreifen.

Neben den Ereignissen des Arabischen Frühlings führt der Bericht zahlreiche weitere Beispiele für Gewalteskalationen im vergangenen Jahr an.

  • Die Krise im Sudan: Dort tobte gleich eine Reihe gewaltsamer Konflikte, die auch nach der Abspaltung des Südsudan im Juli 2011 nicht gelöst sind. Immer wieder gab es militärische Auseinandersetzungen, vor allem um die ölreichen Grenzgebiete. Noch im November vergangenen Jahres bombardierten sudanesische Kampfflugzeuge Flüchtlingslager im Süden - die Vereinten Nationen warnten vor einem "internationalen Verbrechen".

  • Seit Jahren als Kriegsgebiet zählt das HIIK Pakistan, wo vor allem die Großoffensiven der Regierung gegen die Taliban im afghanischen Grenzgebiet viele Tote forderten.

  • Erneut auf der Liste steht auch Mexiko, wo sich Drogenkartelle und Regierungseinheiten seit Jahren gewaltsame Auseinandersetzungen liefern. Auch diesen Konflikt werten die Heidelberger Forscher als Krieg, der sich inzwischen auf nahezu alle Regionen des Landes auswirkt.

  • Von einem hochgewaltsamen Konflikt in 2010 zum Krieg eskalierte in 2011 laut dem Bericht dagegen der Kampf der Türkei gegen die kurdische Arbeiterpartei (PKK). Diese hatte im Februar ihren Waffenstillstand beendet und erneut Anschläge durchführt. Darauf reagiert die türkische Regierung mit einer großangelegten Offensive im August.

  • Als alarmierendes Signal werten die Forscher die Entwicklung in der Elfenbeinküste, wo nach den Wahlen im November 2010 fast ein halbes Jahr lang ein blutiger Bürgerkrieg gewütet hatte. Trotz seiner Abwahl hatte sich Präsident Laurent Gbagbo geweigert, aus seinem Amt zu scheiden. Beobachter vermuten mehrere tausend Tote durch die Auseinandersetzungen.

Ein solcher Bürgerkrieg könnte im laufenden Jahr auch anderen afrikanischen Staaten bevorstehen. Denn auch wenn die Heidelberger Forscher im laufenden Jahr eine erneute Ballung gewalttätiger Konflikte wie im Arabischen Frühling nicht erwarten - droht 2012 gerade im Afrika südlich der Sahara Gefahr. Ob Senegal, Simbabwe, Gambia oder Kenia: Dem Kontinent steht ein Superwahljahr bevor.

"Betrachtet man den jüngsten Verlauf der Urnengänge in der Elfenbeinküste oder in Nigeria birgt die Vielzahl von Wahlen ein hohes Potential für weitere Eskalationen", warnt Natalie Hoffmann, Vorstandsmitglied des HIIK und Leiterin der Arbeitsgruppe "Konflikte im subsaharischen Afrika".

So könnte auch 2012 zu einem weiteren Jahr der Kriege werden.

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1. 2012
Nonvaio01 23.02.2012
Zitat von sysopDPADie Straßenschlachten des Arabischen Frühlings, der blutige Konflikt im Sudan, die mordenden Drogenkartelle in Mexiko - 2011 war ein Jahr der Gewalt. In ihrem "Konflikt-Barometer" zählen Heidelberger Forscher so viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr. Auch auf 2012 blicken sie mit Sorge. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817170,00.html
hat gerade erst angefangen, und wir haben einen Buergerkrieg (Syrien) und reden schon ueber den naechsten Krieg im Iran. 2012 wird zum rekord jahr fuer Kriege.
2. Punkt
beutzemann 23.02.2012
Zitat von Nonvaio01hat gerade erst angefangen, und wir haben einen Buergerkrieg (Syrien) und reden schon ueber den naechsten Krieg im Iran. 2012 wird zum rekord jahr fuer Kriege.
Und statt uns zu Rüsten pflegen wir die Banken - die Banken finanzieren die Waffenkäufe... usw. etc. pp. Der Kreis wird sich rund um das Mittelmeer schließen. Und wirhaben Westerwelle... Dann geht es fröhlich weiter Richtung Norden...
3. Kein Wunder
Bundeskanzler Ackermann 23.02.2012
Schwelende Finanzkrise, umsichgreifender Islamo-Faschismus... Da steht uns noch mehr bevor.
4. Afgh
Nonvaio01 23.02.2012
Zitat von sysopDPADie Straßenschlachten des Arabischen Frühlings, der blutige Konflikt im Sudan, die mordenden Drogenkartelle in Mexiko - 2011 war ein Jahr der Gewalt. In ihrem "Konflikt-Barometer" zählen Heidelberger Forscher so viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr. Auch auf 2012 blicken sie mit Sorge. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817170,00.html
das forum zum AFGH artikel wurde nach nur einem post wieder geschlossen, scheint so als wenn man beim durchlesen der posts vor dem posten gemerkt hat welche art von kommentaren da folegn, also besser schliessen..;-)
5.
plasmopompas 23.02.2012
Zitat von sysopDPADie Straßenschlachten des Arabischen Frühlings, der blutige Konflikt im Sudan, die mordenden Drogenkartelle in Mexiko - 2011 war ein Jahr der Gewalt. In ihrem "Konflikt-Barometer" zählen Heidelberger Forscher so viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr. Auch auf 2012 blicken sie mit Sorge. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817170,00.html
Ich befürchte 2012 wird nicht besser.
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