Konflikt um Afghanistan-Protokolle: US-Behörden setzen WikiLeaks-Aktivisten unter Druck

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Die Regierung Obama macht Ernst mit ihrer Offensive gegen WikiLeaks. Ein US-Programmierer wurde mehrere Stunden am Flughafen Newark festgesetzt und befragt - kürzlich hatte er bei einer Konferenz Plattformgründer Assange vertreten.

WikiLeaks-Aktivist Appelbaum (auf Wikipedia-Seite): Schuhe ausziehen, Telefone abgeben Zur Großansicht
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WikiLeaks-Aktivist Appelbaum (auf Wikipedia-Seite): Schuhe ausziehen, Telefone abgeben

Schon seine Abreise aus den Vereinigten Staaten vor zwei Wochen glich einer Flucht. Der US-Programmierer Jacob Appelbaum hatte bei der Hackerkonferenz "Hope" in New York den WikiLeaks-Gründer Julian Assange vertreten und sich so öffentlich als Aktivist der Plattform präsentiert, sich selbst als "Freiwilligen" bezeichnet - und erklärt, zum Archiv der Whistleblower und deren Einsendetechnologie habe er keinen Zugang.

Nach seinem Vortrag bei der "Hope"-Konferenz legte er einen filmreifen Abgang hin: Ein Doppelgänger lenkte die Konferenzbesucher ab, er selbst entwich zum Flughafen. Und flog eilig außer Landes - nach Deutschland.

Am vergangenen Wochenende dann veröffentlichte WikiLeaks im Internet rund 77.000 überwiegend als geheim eingestufte US-Militärdokumente zum Krieg in Afghanistan (siehe Fotostrecke) - und die Regierung von Präsident Barack Obama kündigte an, mit aller Härte des Gesetzes gegen jene vorzugehen, die das Material WikiLeaks zugespielt haben. Auch juristische Schritte gegen die Plattform und Assange würden geprüft.

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Die Afghanistan-Protokolle: 91.731 Dokumente - fünf Probleme
Und das hatte nun offenbar Folgen für Appelbaum, heißt es in WikiLeaks-Kreisen. Der US-Programmierer, der für den Internet-Anonymisierungsdienst "Tor" arbeitet (mehr auf Wikipedia...), sei am Donnerstag über Amsterdam nach Newark in New Jersey geflogen. Dort, bei der Einreisekontrolle, sei seine Rückreise in die Heimat jäh unterbrochen worden.

Nach Angaben aus dem WikiLeaks-Umfeld tasteten Grenzpolizisten den Mann am ganzen Körper ab, dann musste er seine Schuhe ausziehen, wurde in einen separaten Raum geführt, zwei US-Behördenvertreter befragten ihn dort. Einer habe sich als Vertreter der U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE) zu erkennen gegeben, einer dem Heimatschutzministerium unterstellten Behörde. Der andere habe sich als Mitglied der US-Armee vorgestellt, heißt es weiter.

Der Darstellung zufolge beschlagnahmten die Männer drei Mobiltelefone und den Laptop des Mannes, um die Geräte zu untersuchen. Außerdem sei seine Geldbörse durchsucht worden, Quittungen seien kopiert worden. Als Grund für die Festsetzung hätten die Behördenvertreter auf den Auftritt bei der Hackerkonferenz "Hope" verwiesen. Ein Anruf bei einem Anwalt sei dem WikiLeaks-Aktivisten zunächst verwehrt worden, heißt es weiter.

Die beiden US-Behördenvertreter hätten Appelbaum unter anderem nach dem aktuellen Aufenthaltsort von WikiLeaks-Gründer Assange und dem Krieg in Afghanistan befragen wollen. Auch Bradley Manning soll ein Thema gewesen sein - jener US-Soldat, dem das Militär vorwirft, unter anderem das Video eines US-Hubschrauberangriffs in Bagdad mit zahlreichen toten Zivilisten an eine "unberechtigte Person" weitergegeben zu haben. WikiLeaks hatte das Video unter dem Titel "Collateral Murder" im April veröffentlicht und damit weltweit Aufsehen erregt.

Nach mehr als drei Stunden sei die Befragung dann beendet worden. Appelbaum habe seinen Laptop zurückbekommen, die drei Telefone zunächst nicht.

Das Interesse der US-Behörden an Appelbaum hält offenbar an: Am Samstag sprach er in Las Vegas bei der Hackerkonferenz Def Con über das "Tor"-Projekt. Nach dem Vortrag kamen zwei FBI-Agenten auf ihn zu. Doch Appelbaum weigerte sich offenbar, mit ihnen zu sprechen.

Geheimnisvolle Datei "Insurance" auf WikiLeaks-Server aufgetaucht

Inzwischen ist auf der Plattform WikiLeaks eine 1,4 Gigabyte große Datei hochgeladen worden, die "Insurance" heißt - "Versicherung". Sie liegt im Bereich der Afghanistan-Dokumente, ist passwortgeschützt und kann deshalb nur heruntergeladen, aber nicht gelesen werden. Die Plattform Cryptome mutmaßt laut dem US-Magazin "Wired", es könnte sich um eine Absicherung handeln, falls die US-Behörden gegen WikiLeaks oder Assange vorgehen. Demnach könnte die Datei Datensätze enthalten, die WikiLeaks bisher zurückgehalten hat - und die bei einer Sperrung oder anderen staatlichen Aktionen veröffentlicht würden, indem ein Aktivist das Passwort zum Entschlüsseln verbreitet.

Erst am Donnerstag hatte US-Verteidigungsminister Robert Gates eine "aggressive" Fahndung nach der Quelle der Afghanistan-Dokumente angekündigt und die Bundespolizei FBI eingeschaltet. Mitarbeiter des Justizministeriums prüfen, ob sie unter dem "Espionage Act" von 1917 juristische Schritte gegen WikiLeaks und dessen Mitarbeiter einleiten.

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Gefechtszone Afghanistan: Bilder eines Krieges

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1. .
Kassian 01.08.2010
Hoffen wir mal das WikiLeaks dies heil übersteht.
2. zu spät - herr obama
schwarzer Schmetterling 01.08.2010
Zitat von sysopDie Regierung Obama macht Ernst mit ihrer Offensive gegen WikiLeaks. Ein US-Programmierer wurde mehrere Stunden Stunden am Flughafen Newark festgesetzt und befragt - kürzlich hatte er bei einer Konferenz Plattformgründer Assange vertreten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709446,00.html
die lichtgestalt lässt nun ihre maske fallen. die mediale falschinformation der eigenen bevölkerung neigt sich dem ende zu - da wird versucht einer hydra den nachwachsenden kopf abzuschlagen und eine mediendiktatur aufzubauen. und dies alles im namen der freiheit - pfui teufel!
3. was ist mit insurance.aes256
SkaFan 01.08.2010
Was ja mal interessant wäre zu wissen: Was hat es mit dieser 1,4GB grossen Datei namen "insurance.aes256" auf sich, welches Wikileaks.org auf der Seite Afghan War Diary mit anbietet. Sind das Orginal Unterlage? Sollen die bzw. das Passwort dafür erst freigegeben werden wenn der CIA zugeschlagen hat? Wikileaks sagt doch immer das alles veröffentlich wird, warum weden diese Informationen zurückgehalten?
4. <->
silenced 01.08.2010
Zitat von KassianHoffen wir mal das WikiLeaks dies heil übersteht.
Selbst wenn nicht, die Wahrheit lässt sich in der heutigen Zeit nicht mehr unterdrücken. Im zweiten Weltkrieg siegte sich die Wehrmacht von Schlacht zu Schlacht bis der Russe in Berlin stand, heute geht sowas nicht mehr. Und das ist auch gut so! Auf der einen Seite werden die Informationen auf WikiLeaks von den Behörden als 'nicht wirklich neu' abgetan, auf der anderen Seite versucht man mit aller Macht das ganze zu unterbinden. Das alles sind nicht wirklich demokratische Methoden, das ist mehr und mehr Diktatur und Unterdrückung.
5. Obama ... alles nur PR
bürgerschreck 01.08.2010
Zitat von sysopDie Regierung Obama macht Ernst mit ihrer Offensive gegen WikiLeaks. Ein US-Programmierer wurde mehrere Stunden Stunden am Flughafen Newark festgesetzt und befragt - kürzlich hatte er bei einer Konferenz Plattformgründer Assange vertreten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709446,00.html
Obama war nie der Messias, zu dem die Medien ihn lange gemacht haben. Er läßt die CIA-Folterer unbehelligt, führt den Krieg in Afghanistan härter denn je weiter, unterdrückt die Opposition im Land mit fragwürdigen Methoden, häuft Schulden ohne Ende an und am Ende werden genau wie bei Bush wieder andere Schuld sein.... z.B. wir, weil wir ja ganz schlimme Exporteure sind...
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