Konflikt zwischen Nord- und Südkorea Seoul ignoriert Kims Drohgebärden

Nordkorea testet Raketen und Atombomben, doch die Nachbarn in Südkorea nehmen die Drohgebärden kaum wahr. Die Nation ist wie erstarrt in Trauer um ihren Ex-Präsidenten Roh Moo Hyun.

Von Raimund Wördemann, Seoul


Auf den Straßen weinende Menschen, Tausende bewaffnete Polizisten patrouillieren zwischen City Hall und Blue House, der Residenz des Präsidenten. Veranstaltungen wie die feierliche Eröffnung der neuen National Digital Library oder die neue Show von Modezar André Kim werden kurzfristig abgesagt, Behörden schließen.

Angst vor der Attacke aus dem Norden? Nein, Trauer um Roh Moo Hyun, der sich vergangene Woche von einer Klippe gestürzt hatte.

Totenwache in Seoul: Die Nation trauert um ihren Ex-Präsidenten Roh Moo Hyun
REUTERS

Totenwache in Seoul: Die Nation trauert um ihren Ex-Präsidenten Roh Moo Hyun

Der Selbstmord des Ex-Präsidenten hat das Land erschüttert und weite Teile der Bevölkerung in eine Schreckstarre versetzt, von der manche meinen, dass sie auch nach der Beerdigung am Freitag dieser Woche anhalten werde.

"Wie steht Korea nun da in der Welt. Erst die schrecklichen Ereignisse um Roh, dann die seltsamen Eskapaden von Kim Jong Il!", sagt ein Bildungsexperte in der Caféteria der Namsan-Bibliothek. Aber Angst? "Wir sprechen überhaupt nicht über Nordkorea", sagt Cho Mee Won, Dozentin an der Hanyang-Universität. "Wir sagen nur: schon wieder!" Die Drohungen aus Nordkorea sind zwar von einer anderen Qualität als in den vergangenen Jahren, doch vielen Koreanern klingt das alles sehr bekannt.

Die Wolken sind dunkel, derzeit sind sie eben dunkler als sonst.

"Krieg beunruhigt uns nicht, entweder er kommt, oder er kommt nicht", meint Cho, "erstes Thema ist der Tod von Roh." Und dieser werde auch weniger politisch betrachtet, sondern "mit Gefühl", wobei keiner so genau wisse, warum so viele gleich dermaßen intensiv traurig seien und dies auch öffentlich zeigten. Vielleicht versammelt sich in dieser Trauer eine allgemeine Befindlichkeit, die viele Sorgen dieser Tage auffängt, mit denen man ansonsten nicht so betroffen, manchmal eher in geduldigem Gleichmut umgeht. Die Wirtschaftslage, das ist das Thema, das existentiell näher liegt als die Kriegsgefahr.

Roh war gegen Ende seiner bis 2008 dauernden Amtszeit in Finanzskandale verwickelt. Zum Zeitpunkt seines Todes liefen Korruptionsermittlungen gegen den liberalen Politiker, weil seine Frau von einem Schuhhersteller umgerechnet 715.000 Euro erhalten haben soll. Außerdem soll eine Nichte von Roh aus gleicher Quelle umgerechnet 3,6 Millionen Euro bekommen haben. Roh wurde in der Sache Ende April 13 Stunden lang befragt. Er wirkte deswegen tief beschämt.

Roh hatte sich öffentlich für die Verstrickung seiner Familie in die Affäre entschuldigt, aber kein eigenes Fehlverhalten eingestanden. Am Samstag stürzte er sich bei einer Bergwanderung in den Tod.

Demonstration für die Lebensleistung Roh Moo Hyuns

Ein Bahnhof in einer Kleinstadt, ca. 160 Kilometer von Seoul entfernt. Reisende vor dem Nachrichtenmonitor sehen Bilder vom Raketenstart aus Nordkorea. "Was für ein seltsamer Zufall", sagt einer von ihnen. "Will Kim Jong Il unserem Präsidenten Lee Myung Bak helfen?"

Hintergrund dieser eigenwilligen Interpretation, die von den Umstehenden sogleich geteilt wird: Die Aufmerksamkeit habe sich durch das Zünden des Atomsprengkopfs, das doch eigentlich für später zu erwarten gewesen sei, ablenken lassen von den anstehenden großen Demonstrationen für die Lebensleistung Roh Moo Hyuns, die manche als Protest gegen die Politik von Staatspräsident Lee Myung Bak gedeutet sehen wollen. Immerhin seien unter dessen amtierender Regierung die Ermittlungen gegen seinen Vorgänger vorangetrieben worden.

Als wolle Kim Jong Il nicht nur die Aufmerksamkeit der USA ertrotzen, sondern nebenbei die Politik im Süden grollend kommentieren. Klingt nach Verschwörungstheorie, äußert sich aber als Volkes Stimme immer wieder, so dass es viele Südkoreaner gibt, die auch rückblickend jeder Drohung aus dem Norden eine vorausgehende innenpolitische Geschichte im Süden zuordnen.

Ein Riss geht durch die südkoreanische Gesellschaft

Aber das Altbekannte, die wütenden Drohungen aus Nordkorea, verliert dann auch schnell wieder an Gewicht, und so berichten die großen Nachrichtensender schon bald wieder über erbittert bestrittene Fragen wie solche, wer am Freitag zur Beerdigung zugelassen werde (und welche Gruppierung besser nicht), und was anschließend mit der Asche des Ex-Präsidenten passieren soll.

"Vielleicht", sagt die Veranstaltungsmanagerin Lee Herim*, "werden wir nach der Trauerzeit um Roh mehr über die neue Situation in Nordkorea sprechen", aber an einen wirklichen Krieg will auch sie nicht glauben. "Wir hören es, wir lesen es, und wir lesen auch die Kommentare aus dem Westen", sagt sie, "aber wir sind ja im Land und haben unseren Alltag, deshalb sind wir nicht so betroffen. Solange wir unsere Ruhe haben, ist uns egal, wer regiert und was die da machen. Kein Kommunismus, kein Krieg, das ist die Hauptsache!"

Und so kommt es derzeit zu einem eigenartigen Paradoxon in Südkorea: Es ist unentwegt von der Einheit des Landes die Rede, aber - zumindest in dieser Woche - kaum einer meint die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea. Der Tod des Expräsidenten Roh Moo Hyun, schreibt die Tageszeitung "JoongAng Ilbo", berge Chancen für die Überwindung der Teilung. Gemeint ist ein sozialer Riss, der durch die südkoreanische Gesellschaft gehe. Fehler der Vergangenheit könnten nun überwunden werden. "Ich kann mir gut vorstellen", schreibt Autor Moon Chang Keuk, "dass sein Tod das Ende von Koreas Teilung bedeutet."

* Name von der Redaktion geändert

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