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Chronologie der russisch-türkischen Eskalation: Abschuss mit Ansage

Von , Moskau

Ein russischer Kampfjet wird vom Himmel geholt - und lässt die Lage im Nahen Osten noch weiter eskalieren. Doch wie liefen die denkwürdigen Stunden um die türkische Attacke auf die Su-24 genau ab?

DAS VORSPIEL

Im Syrienkonflikt stehen Russland und die Türkei seit langem auf unterschiedlichen Seiten. Moskau unterstützt Präsident Assad, Ankara dagegen will ihn loswerden. Mit dem Beginn der russischen Luftangriffe hat sich die Lage weiter zugespitzt: Die Jets operieren von Latakia aus, keine 50 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Und einen Schwerpunkt der Angriffe bildet ausgerechnet der Norden der an die Türkei grenzenden Provinz Idlib. Dadurch sind Verletzungen des türkischen Luftraums laut russischen Experten fast unumgänglich. "Die Grenze mäandert, man kann sie leicht überschreiten, vor allem bei einer Geschwindkeit von 20 Kilometer pro Minute", so Michail Chodarenok, Militärjournalist und Oberst der Reserve. Am 16. Oktober schoss die Türkei eine Drohne über ihrem Territorium ab. Moskau stritt ab, dass es sich um ein russisches Flugobjekt gehandelt habe - obwohl die Trümmer große Ähnlichkeit mit einer Drohne aufwiesen, die 2014 über der Ostukraine abgeschossen worden war.

Am vergangenen Wochenende dann eskaliert der Konflikt diplomatisch. Die Türkei rief den Uno-Sicherheitsrat an, weil Moskaus Luftwaffe nicht nur den "Islamischen Staat" bombardiert, sondern auch Gruppen, die Ankara als gemäßigte Opposition, Verbündete und sogar "Verwandte" bezeichnet. Gemeint waren vor allem die Turkmenen in Syrien. "Assad schlachtet Turkmenen mit russischer Hilfe ab", lautete eine Schlagzeile von der Tageszeitung "Sabah".

Premier Ahmet Davutoglu warnte Russland schon zu diesem Zeitpunkt vor weiteren Angriffen. Es sei unzulässig, "Massaker an unseren Brüdern mit angeblichem Anti-Terror-Kampf zu rechtfertigen". Moskau ignorierte die Warnung, obwohl Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Kampfjets öffentlich Schießbefehl gegeben hatte.

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8  Bilder
Syrisch-türkische Grenze: Der Absturz der Su-24

DER ZWISCHENFALL

Dienstag, 24. November, am Morgen

Luftwaffenbasis Hmeimim, Syrien

Mehrere russische Kampfjets steigen auf. Der Flughafen Hmeimim befindet sich nahe Latakia, die syrische Hafenstadt liegt keine 40 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Zwei russische Frontbomber vom Typ Su-24 fliegen Richtung Südosten. Ihr Ziel liegt nur rund 50 Kilometer von Russlands Stützpunkt entfernt: Im Hügelland an der Grenze zur Türkei operieren Milizen. Viele davon werden den Turkmenen zugeordnet. Die ethnische Minderheit - einige Hunderttausend leben in Syrien - besteht überwiegend aus sunnitischen Muslimen. Sie sprechen kein Arabisch, sondern türkisch. Die Turkmenen unterhalten eigene Rebellengruppen in Syrien, manche kämpfen für die Nusra-Front, den syrischen Ableger von al-Qaida.

Türkischer Luftraum nahe der Grenze zu Syrien

Zeitgleich befinden sich zwei türkische Jagdflieger des Typs Falcon F-16 nahe der Grenze zu Syrien in der Luft. Russlands Generalstab veröffentlicht später eine Karte mit den Flugbewegungen der türkischen Jäger. Demnach kreisen sie über der Region - bis eine F-16 genau auf die Grenze zuhält.

9.24 Uhr Ortszeit

Das türkische Militär registriert nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt eine Verletzung des Luftraums durch zwei Su-24 Maschinen, genauer gesagt: um 9 Uhr, 24 Minuten und 5 Hundertstel Sekunden. So steht es in einem Brief, mit dem die Türkei den Vorsitzenden des Uno-Sicherheitsrats informiert, den Briten Matthew Rycroft. Während die Su-24-Flieger sich dem türkischen Luftraum näherten seien sie "10 Mal während einer Periode von fünf Minuten via "`Emergency´-Channel gewarnt" worden. Beide Jets hätten den türkischen Luftraum verletzt, "in einer Tiefe von 1,36 Meilen und einer Länge von 1,17 Meilen". Die Dauer des Grenzübertritts ist auch festgehalten: 17 Sekunden.

9.25 Uhr Ortszeit

Eines der russischen Flugzeuge wird von einer türkischen Rakete getroffen. Die Maschine trudelt zu Boden. Beide Besatzungsmitglieder retten sich zunächst mit den Schleudersitzen. Syrische Rebellen nehmen die Fallschirme der russischen Besatzung unter Feuer, beide Piloten landen auf syrischem Territorium. Das Flugzeug zerschellt mehrere Kilometer von der Grenze entfernt auf syrischem Territorium. US-Militärs kommen später nach Angaben der Agentur Reuters zu dem Schluss, der russische Jet sei in syrischem Luftraum getroffen worden. Das gehe aus einer Analyse von Wärmedaten hervor.

9.52 Uhr Ortszeit

Die erste Nachricht vom Abschuss wird bekannt. Der türkische TV-Sender Habertürk berichtet, auf Twitter veröffentlicht der Kanal ein Video, das den Sturzflug der brennenden Maschine zeigt.

Die Russen werten die Anwesenheit der Fernsehcrew später als Indiz dafür, die Türkei habe gezielt Jagd auf einen russischen Jet gemacht. Präsident Recep Tayip Erdogan betont dagegen, seine Piloten hätten nicht gewusst, ob es sich um ein russisches oder syrisches Flugzeug handle.

Kurz darauf an der Luftwaffenbasis Hmeimim

Russlands Streitkräfte rüsten einen Rettungstrupp aus. Rebellen veröffentlichen später Aufnahmen zweier russischer Helikopter, die sich zur Absturzstelle vortasten: ein eher leichter vom Typ Mi-8 sowie ein schwer bewaffneter Mi-24-Kampfhubschrauber. Beide geraten unter Beschuss. Laut russischem Verteidigungsministerium wird der Mi-8-Hubschrauber beschädigt und muss notlanden. Syrische Rebellen laden im Laufe des Tages ein Video hoch, auf dem zu sehen ist, wie ein Mi-8-Hubschrauber von einer Panzerfaust zerstört wird. Das russische Verteidigungsministerium bestätigt den Tod eines Marineinfanteristen während des Helikoptereinsatzes.

Sotschi am Schwarzen Meer, Residenz des russischen Präsidenten, 15:49 Uhr Ortszeit

Wladimir Putin tritt vor die Presse. Der russische Jet sei bereits eine Meile von der türkischen Grenze entfernt gewesen, als er angegriffen wurde, erklärt er. Das Wrack liege sogar vier Kilometer weit in syrischem Gebiet. Die Türkei sei Russlands Piloten in ihrem "heldenhaften Kampf" gegen den Terror "in den Rücken gefallen", so der aufgebrachte Kreml-Chef.

Moskau, 22 Uhr Ortszeit

Generalleutnant Sergej Rudskoi trägt in Moskau die Lesart des russischen Generalstabs vor. Er legt Karten vor, die seine These stützen sollen, beide Su-24-Maschinen hätten den Luftraum der Türkei gar nicht verletzt, sondern weiträumig umflogen.

(die rote Linie ist das russische Flugzeug, die blaue die türkische F-16). Kontaktversuche oder Warnungen seitens der Türken seien "nicht fixiert worden". Das Schaubild steht aber in Widerspruch zu einer Karte, die er später einblenden lässt. Darauf scheint die Su-24 der Grenze extrem nah zu kommen.

Mittwoch, 25. November 2015

Russland, Nischnij Tagil im Ural-Gebirge, 11.50 Uhr Moskauer Zeit

Wladimir Putin schafft an einem symbolträchtigen Ort Klarheit über das Schicksal der Besatzung des russischen Jets: Der Präsident tritt in der Stadt Nischnij Tagil vor Journalisten, hier ist die Rüstungsfabrik beheimatet, die Russlands Kampfpanzer produziert. Dem getöteten Piloten werde posthum der Titel "Held Russlands" verliehen. Der Navigationsoffizier sei gerettet worden. Er sei bereits zurück auf der Luftwaffenbasis Hmeimim. Russischen Journalisten gegenüber sagte der Mann, er und sein Kollege seien nicht von den Türken gewarnt worden.


DAS NACHSPIEL

Russlands Außenminister Sergej Lawrow beteuert zwar, sein Land wolle nicht "Krieg gegen die Türkei führen". Der Kreml aber reagiert deutlich und verlegt schwere Flugabwehrraketen nach Latakia, die das militärische Gleichgewicht in der gesamten Region verändern könnten. In Moskau greifen Demonstranten die Botschaft der Türkei an.

Die Beziehungen zu Ankara werden auf lange Frist angespannt bleiben, glaubt der Moskauer Außenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow. Moskau werde mit gezielten Schlägen gegen Ankaras Verbündete in Syrien antworten. Putins Reaktion sei so scharf gewesen, "dass praktisch keine Alternative bleibt, außer Vergeltung".

Im Video - Der Abschuss der russischen Maschine:




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