Hongkong und die Festland-Chinesen: Bloß keine Nudeln in der U-Bahn

Von Andreas Lorenz, Hongkong

Immer mehr reiche Festland-Chinesen besuchen Hongkong - zum Leidwesen der Einheimischen. Der Verkehr nimmt zu, Wohnungen werden unerschwinglich, kleine Läden weichen schicken Boutiquen, schwangere Frauen reisen zum Geburtstermin ein. Nun regt sich Kritik an der Hongkonger Regierung.

China: Hongkongs reiche Besucher Fotos
AFP

Am Hongkonger Times Square im Bezirk Wanchai, wo es zu jeder Tages- und Nachtzeit geschäftig summt und brummt, gibt es einen winzigen Ort der Stille. Er liegt in einem schmalen Hauseingang, ein paar Stufen hoch: das "Volks-Buch-Café". Es hat nur wenige Plätze, denn der meiste Raum ist für Bücher und Zeitschriften reserviert.

Sie alle handeln von Pekings korrupten Politikern, von Machtkämpfen in den Zirkeln der KP, von Skandalen und Affären, etwa der vermeintlichen Geliebten des früheren Staats- und Parteichefs Jiang Zemin. "90 Prozent der Kunden kommen vom Festland", sagt die Angestellte an der Kaffeemaschine. Da ist etwa der Herr mit schütterem Haar, der mit Frau und Tochter die Stiegen hinaufsteigt und sich sofort auf die Bücher stürzt. Woher er stammt, möchte er nicht sagen. Nur so viel: "Freunde haben mir von dem Laden erzählt."

Die Familie gehört zu den vielen Chinesen aus der Volksrepublik, die jedes Jahr nach Hongkong strömen. Seitdem die britische Kronkolonie 1997 an die Volksrepublik zurückgegeben wurde, dürfen viele ihrer Bewohner ohne große Formalitäten in den "Duftenden Hafen" reisen. Und sie kommen in Scharen, 28,1 Millionen Touristen waren es im vorigen Jahr, fast ein Viertel mehr als 2010.

Die Hongkonger profitieren von dem Ansturm. Denn jeder Festländer gibt im Schnitt über 730 Euro pro Aufenthalt aus, das ist viel mehr, als sich Amerikaner und Europäer in Hongkong leisten können - und so viel, dass Edelgeschäfte mit Marken wie Rolex, Chanel oder Gucci im Stadtteil Kowloon die Kunden sogar auf der Straße warten lassen, damit nicht so viele hineindrängen. Ein "persönliches Einkaufserlebnis" verspricht ein Zettel an der Eingangstür des Uhrenladens von Cartier in der Peking-Straße.

"Die Hongkonger haben es satt"

Doch die Chinesen aus der Volksrepublik bringen nicht nur viel Geld, manchmal nerven sie auch. Eine Gruppe anonymer Hongkonger schaltete jüngst in einer großen Tageszeitung eine Anzeige, die eine Heuschrecke über der Stadt-Silhouette zeigte: "Die Hongkonger haben es satt." Umfragen bestätigen wachsende Antipathien gegenüber der Volksrepublik. Knapp 15 Jahre nach der Übergabe Hongkongs an Peking sinkt etwa die Zahl der Bürger, die sich selbst als "Chinesen" bezeichnen. Der Anteil jener, die sich lieber "Hongkonger" oder "Hongkong-Chinesen" nennen, steigt dagegen.

"Es herrscht das Gefühl vor, dass wir von den Festländern überrollt werden", sagt Christine Loh, eine respektierte Bürgerrechtlerin und wichtige Stimme der Hongkonger Zivilgesellschaft. Zuweilen sind Kleinigkeiten Anlass zum Streit. Als jüngst eine Festland-Touristin trotz des Verbots in der U-Bahn Nudeln aß und dabei auch noch kleckerte, beschwerten sich die Umstehenden und holten das Personal: "Verdammt, das hier ist Hongkong!"

Einheimische Fahrgäste zwangen die Gäste, sich zu entschuldigen. Der Vorfall wurde durch das Internet bekannt - und löste nationalistisch verbrämte Beschimpfungen aus. Kong Qingdong, Professor an der Pekinger Universität, bezeichnete jene Hongkonger, die sich nicht als Chinesen fühlten, als "Hunde": "Sie sind keine Menschen." Rund 300 Hongkonger protestierten vor dem Pekinger Verbindungsbüro.

Festlandtouristen werfen mit Geld um sich

Zum Unbehagen der Hongkonger trägt wohl auch ein Quäntchen Neid bei. Waren die Hongkonger früher in der Regel wohlhabender als die Bewohner der Volksrepublik, hat sich die Situation mittlerweile gewendet. Manche Festlandtouristen werfen mit Geld um sich und haben einen Verdrängungswettbewerb ausgelöst: Kleine Kinos und Läden für die Einheimischen mussten mittlerweile Edel-Boutiquen für die reichen Brüder und Schwestern weichen. "Höhere Mieten, geschlossene Geschäfte und weniger Zugang zu notwendigen Gütern und Dienstleistungen", machte der Politiker und Geschäftsmann Bernard Chan in der "South China Morning Post" aus.

Die Festländer treiben mit dicken Brieftaschen zudem die Preise für Wohnungen und Häuser hoch und machen sie für die Einheimischen unerschwinglich. Fast ein Drittel der Immobilienkäufer kommt mittlerweile aus der Volksrepublik.

Für Unruhe sorgen auch schwangere Festländerinnen, die ihre Kinder gerne in Hongkong zur Welt bringen, weil sie sich dort bessere ärztliche Versorgung erhoffen - und weil sie den strengen Kontrollen der Ein-Kind-Politik entfliehen wollen. Babys, die in Hongkong geboren werden, erhalten außerdem automatisch das Recht, sich später in Hongkong niederzulassen.

Grenzbeamte weisen schwangere Frauen zurück

Obwohl Grenzbeamte inzwischen schwangere Frauen zurückweisen (2011 war dies 3560-mal der Fall), sind die Geburtskliniken überbelegt. Von den rund 80.000 Kindern, die 2010 in öffentlichen Krankenhäusern geboren wurden, hatten mehr als die Hälfte Mütter vom Festland. Einheimische Frauen klagen derweil über Schwierigkeiten, Betten in den Entbindungsstationen zu finden - und gingen deshalb kürzlich auf die Straße, um gegen den "Zustrom" zu protestieren. "Warum genießen Festland-Mütter unsere Vorsorge und unsere Sozialleistungen?", beschwerte sich ein Organisator der "Anti-Heuschrecken"-Kampagne in der "South China Morning Post".

Für Aufregung sorgt derzeit der Plan, fortan mehr Privatautos vom Festland auf Hongkongs Straßen zu lassen. Zunächst sollen es wenige Fahrzeuge sein: rund 50 am Tag. "Sind unsere Straßen nicht schon zu voll?", wenden Kritiker ein. Zudem würden die Festländer bekanntlich keine Verkehrsregeln befolgen, was Wohl und Wehe der Hongkonger gefährde. Die Hongkonger Regierung argumentiert dagegen: Fahrer, die schon jetzt von Festland herüberkommen, seien im Verhältnis weniger häufig in Unfälle verwickelt als die Einheimischen.

Christine Loh sieht das Problem in der Hongkonger Regierung. "Niemand macht sich Gedanken, wie groß unsere Aufnahmefähigkeit eigentlich ist", sagt sie. Gleichzeitig verweist sie auf die positiven Folgen des Besucherbooms. "Für das Hongkonger Einkommen sind die Touristen enorm wichtig. Wir sprechen inzwischen besser und mehr Mandarin, die Küche ist reichhaltiger geworden, die Integration beginnt."

Die Festländer lassen sich in Hongkong nicht nur medizinisch behandeln oder kaufen kritische Bücher und Zeitschriften. Nach den Skandalen über gepanschtes Milchpulver, an dem 2008 zahlreiche Säuglinge erkrankten, ist die Stadt für viele das Einkaufsparadies für Babynahrung. Sogar im "Volks-Buch-Café" am Times Square steht jetzt ein ganzes Regal voller Dosen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hong-Kong
zephyros 17.03.2012
wird es schwer haben, sich seinen früheren Charme zu erhalten. Der Artikel beschreibt das teilweise ganz gut.
2. lange denke ich
ofelas 17.03.2012
Zitat von zephyroswird es schwer haben, sich seinen früheren Charme zu erhalten. Der Artikel beschreibt das teilweise ganz gut.
...aehm sie meinen wohl die 50er, selbst Chinesen aus Singapore behaupten das die Hong Kong Chinesen (Honkies) sehr arrogant sind, und ich habe es in den 90ern auf so empfunden
3. für
autocrator 17.03.2012
für einen Lorenz-Artikel selten untendenziös, abgesehen natürlich vom Grundthema. Das aber ... Hongkong sind 50 Jahre der Transfomation gegeben worden. 15 davon sind schon verstrichen. Gleichzeitig verändert sich auch die Volksrepublik. Hongkong war als koloniales Kunstprodukt immer etwas besonderes. Es liegt an den Hongkongern selbst ob die Stadt etwas besonderes bleiben wird in der Konkurrenz zu Shanghai, Peking oder Kanton. Dafür sehe ich aber schwarz: die Besonderheit der Stadt war (kolonial-) politisch bedingt. Der politische Wille zum "Anders-sein" ist aber abhanden gekommen: Aus Abgrenzung zu Peking wurde Duckmäusertum gegenüber Peking. Mangeln nennenswerter historischer Bausubstanz, Platz oder skurrilen Sonderregelungen, die ja gerade jetzt Stück für Stück abgeschafft oder unterminiert werden (und eine Pferderennbahn macht eben kein Las Vegas aus der Stadt), wird sich i.m.h.o. Hongkong zu einer gesichtslosen Stadt als Ort der Welt-Konsum-Konzerne (Gucci, Prada, Benetton) entwickeln. Noch wird frei gewählt in Hongkong. Noch haben die Hongkonger die freie Wahl, sich eine Regierung zu wählen, die sich um ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal der Stadt in 35 Jahren bemüht. Bisher ist davon aber noch nicht viel zu merken.
4. nicht so einfach
MrStoneStupid 17.03.2012
Hongkong ist teuer ("Laut der Forbes-Liste der World's Most Expensive Cities To Live von 2009 gilt Hongkong als eine der Städte mit den höchsten Lebenshaltungskosten der Welt." Hongkong (http://de.wikipedia.org/wiki/Hongkong)). Eine Zuwanderung von Wohlhabenden sollte die Bevölkerungsqualität eher verbessern - Gangster wandern vielleicht eher aus (z.B. nach USA/Kanada). Möglicherweise wird diese Tendenz als Wiedereingliederungsmaßnahme Hongkongs von China wenigstens geduldet. Man bedenke folgendes: wer hat sich wohl vorher bevorzugt in Hongkong niedergelassen? Kollaborateure mit den kapitalistischen Imperialisten? Ist jedenfalls nicht so einfach, diese Entwicklung zu beurteilen - schadet eine Abwanderung nach Hongkong vielleicht China? Die Lösung für China: auch woanders hochwertige Städte schaffen. (imho)
5. die
zephyros 17.03.2012
Zitat von ofelas...aehm sie meinen wohl die 50er, selbst Chinesen aus Singapore behaupten das die Hong Kong Chinesen (Honkies) sehr arrogant sind, und ich habe es in den 90ern auf so empfunden
können so arrogant sein, wie sie wollen. Das Rad der Geschichte werden auch sie nicht zurückdrehen können. Ist immer schwierig mit Verträgen auf Zeit, wenn man sich schon zu sehr dran gewöhnt hat, fällt der Abschied und die Umstellung eben schwer
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Hongkong
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 37 Kommentare
  • Zur Startseite

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | China-Reiseseite


Karte