Kongo Ansturm auf die Wahlurnen

Die Gefahr kann sie nicht schrecken: Die 25 Millionen wahlberechtigten Kongolesen strömen in Scharen zu den Wahlurnen. Sie kommen in Sonntagskleidern und suchen geduldig auf plakatgroßen Stimmzetteln ihre Favoriten aus. Und noch ist es dabei überraschend friedlich geblieben.


Kinshasa/Hamburg - Die ersten Wähler kamen schon im Morgengrauen in die Wahlbüros. Von der Hauptstadt Kinshasa bis zu den Dschungelregionen des Kongobeckens und den Unruheprovinzen im Osten des Landes strömten sie zu den 50.000 Wahllokalen. Schulen, Kirchen und Zelte waren zu diesem Zwecke umfunktioniert worden, um in dem Land von der Größe Westeuropas eine Wahl zu ermöglichen.

Über 25 Millionen Menschen sind im Kongo aufgerufen, den Präsidenten und das Parlament neu zu bestimmen. Es sind die ersten freien Wahlen seit 40 Jahren. Die Stimmberechtigten haben im wahrsten Sinne des Wortes die Qual der Wahl. Der amtierende Präsident Joseph Kabila, der seit fünf Jahren im Amt ist und erneut als wahrscheinlicher Gewinner gilt, hat 32 Gegenkandidaten für das Amt des Staatsoberhauptes. Um die 500 Sitze des Parlaments bewerben sich landesweit rund 9700 Kandidaten. Die mehrseitigen, plakatgroßen Stimmzettel mit den Namen hunderter Parlamentskandidaten sorgen oft für Verzögerungen.

Doch das kann die Wahlberechtigten offenbar nicht schrecken. Genauso wenig scheint die unsichere Sicherheitslage im Osten Kongos, wo trotz eines 2003 geschlossenen Friedensabkommens Rebellen und Milizen weiter Angst und Schrecken verbreiten, sie vom Urnengang abzuhalten. "Ich bin früh gekommen, weil ich mein Land liebe und weil wir Frieden wollen", sagte die 40-jährige Barbara Asha in Goma an der Grenze zu Ruanda. In Kinshasa standen viele Menschen in ihren Sonntagskleidern vor den Wahllokalen Schlange. "Dies ist ein großartiges Ereignis", sagte Zawadi Unega. "Ich bin 44 Jahre alt, und es ist das erste Mal, dass ich wählen gehe."

Auch Kabila gab seine Stimme bereits am Morgen dieses Wahltages in einem Wahllokal in einer ehemaligen Hochschule ab. "Das ist der wichtigste Tag in der Geschichte unseres Landes seit 1960", sagte er. "Die eigentlichen Gewinner werden die Kongolesen sein, die so viel gelitten haben."

"Der Kongo gehört uns"

Bisher verlief die Stimmabgabe ruhig und ohne nennenswerte Zwischenfälle – zur Überraschung vieler Beobachter. Sie fürchten, dass die Wahlen besonders im Osten durch Gewalt von Rebellen und Milizen gefährdet sind. Der ehemalige kanadische Ministerpräsident Joe Clark, der zu den mehr als 1200 internationalen Wahlbeobachtern gehörte, bezeichnete den reibungslosen Verlauf als ermutigendes Zeichen. Ein Gelingen der Abstimmung könne die internationale Gemeinschaft bestärken, ihr Engagement in dem Land fortzusetzen, sagte er. "Wenn es schief geht, schafft das Probleme für die ganze Region."

Für einen friedlichen Verlauf der Abstimmung sollten mehr als 17.000 Blauhelme der Vereinten Nationen im Zusammenspiel mit der kongolesischen Polizei sorgen. Für die Uno ist es der größte und komplexeste Einsatz dieser Art in ihrer Geschichte. Die Bundeswehr hilft im Rahmen einer EU-Truppe mit 280 Mann in der Hauptstadt Kinshasa bei der Absicherung der Wahlen.

Die Wahlkommission will das Ergebnis in drei Wochen verkünden. Dann sei die Gefahr von erneuten Gewaltausbrüchen besonders groß, warnen Beobachter. Schon in den vergangenen Tagen war es immer wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen. Erst am Donnerstag starben dabei sechs Menschen.

Oppositionsparteien protestierten gegen mutmaßliche Unregelmäßigkeiten, die Oppositionspartei UDPS hatte zum Boykott der Wahlen aufgerufen. Aber die Menschen setzen große Hoffnungen in diese Wahlen. "Dies wird in unserem Land nicht alles auf einen Schlag ändern, aber es sollte die Politiker lehren, dass sie nicht mit den Aufständen und Staatsstreichen weitermachen können", sagte der Rechtsanwalt Sory Mulenda in einem Wahllokal. "Der Kongo gehört nicht ihnen, sondern uns."

ase/dpa/reuters



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.