Kongo: Berserker von Bukavu torpediert die Wahlen

Aus Nyabiondo berichtet Alexander Schwabe

Nahe der Grenze zwischen Ruanda und Kongo steht ein Schild: "Fünf Minuten bis zum Paradies". Doch so sehr die Gegend um den Kivu-See an den Garten Eden erinnert - sie wird von einem Schreckgespenst heimgesucht: General Nkunda. Sein Ziel: Die Wahlen Ende Juli durch Terror zur Farce zu machen.

General Nkunda: Schrecken des Ostkongo
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General Nkunda: Schrecken des Ostkongo

Niemand weiß genau, wo er sich aufhält. Mehrfach hat die internationale Eingreiftruppe der Monuc versucht, ihn zu fassen, gekriegt hat sie ihn nicht. Auch weiß niemand genau, wie viele Soldaten er unter Waffen hat. Die Schätzungen reichen von 1500 (so ein Uno-Sprecher) bis zu 15.000 Kämpfern (so Polizeiangaben). Sicher ist nur eines: Ständig rekrutiert Laurent Nkunda neue Kämpfer, darunter auch Kindersoldaten.

Er hat Zulauf, nicht zuletzt deshalb, weil er doppelt so viel zahlt wie die Commission nationale de Démobilisation et de Réintégration (Conader), die durch das Uno-Entwicklungsprogramm UNDP finanziert wird. Diese hat Schwierigkeiten, ihre Zusagen einzuhalten, 25 Dollar pro Monat über ein Jahr an Ex-Milizionäre zu zahlen, damit sie nicht mehr zu den Waffen greifen. Meist bleibt es bei der ersten Rate - und das war's. Der General zahlt immerhin eine einmalige Heuer von 50 US-Dollar. So liefen Banyamulenge, im Kongo lebende ruandastämmige Tutsis, in Scharen zu ihm über.

16.000 Vergewaltigungen an einem Wochenende

Nkunda ist selbst ein Tutsi-Abkömmling. Berühmt und berüchtigt wurde er spätestens, als seine Truppen im Juni 2004 über die Stadt Bukavu in Süd-Kivu herfielen - angeblich um einen Massenmord an den ihm nahestehenden Banyamulenge zu verhindern. "Die Stadt gehört für drei Tage euch", sprach er zu seinen Horden. Die Folge: An einem einzigen Wochenende wurden dort 16.000 Frauen vergewaltigt, etliche Menschen wurden abgeschlachtet.

Nun verbreitet Nkunda mit seinen Kriegern Terror in Nord-Kivu. "60 Kilometer nördlich von Goma knallt es", sagt Programmmanager Georg Dörken von der Welthungerhilfe, die in Goma sitzt. Auch in der Stadt kommt es nachts des Öfteren zu Schießereien. Die "Marionette Paul Kagames", des ruandischen Präsidenten, habe das Ziel, "Nord-Kivu in Flammen zu setzen". Seine Strategie von Angst und Schrecken zielt darauf, dass möglichst viele der 55 Wahlzentralen in der Provinz geschlossen bleiben. So würde die Wahl zur Farce.

Offizielle des Uno-Blauhelmeinsatzes Monuc (mit 3500 Mann im Nord-Kivu) versuchen, den Rebellenführer als ungefährlich darzustellen. "Warum versteckt er sich? Hält er Winterschlaf?" fragt man spöttelnd. Doch insgeheim heißt es in Monuc-Kreisen, Nkunda sei eine echte Bedrohung. Ein Ermittler der Monuc räumt ein: "Ihm könnte es gelingen, die Wahlen zum Platzen zu bringen."

Nkunda legt sich mit der Zentralarmee an

Erst im Januar hat Nkunda seine Macht bewiesen. Im Rutshuru-Gebiet, nur wenige Kilometer nördlich von Goma, flohen kurzerhand 80.000 Menschen, als Nkunda mit seinen Truppen angriff. Bereits zuvor hatte er der Monuc und der kongolesischen National-Armee FARDC eine schweren Rückschlag beigebracht, als er in demselben Gebiet die 5. Brigade aufrieb - die erste, die durch das Demobilisierungs- und Integrationsprogramms der Uno in die nationale Armee eingegliedert worden war.

Kimengele Wilonga, Leiter der Polizei in Nyabiondo, einem Dorf hoch oben in den Bergen, die das Gebiet der ostafrikanischen Großen Seen vom westlich gelegenen Kongobecken trennen, ist pessimistisch. Er rechnet mit einem Angriff Nkundas. Die Stimmung in Nyabiondo ist angespannt. Der Rebellenführer stammt aus dem nur rund 20 Kilometer entfernten Masisi, dort wird er vermutet, dort kennt er sich aus, denn dort ist er aufgewachsen.

Auch die Soldaten der nationalen Armee, die neben einer von Indern geleiteten Monuc-Einheit in den Bergen präsent ist, sind nervös. Das Gespräch mit dem Polizeioberen Wilonga führt zu einem Verhör vor Militärs. Strategische Fragen seien unerwünscht, teilt ein Oberleutnant streng mit, die Sicherheit in der Region habe oberste Priorität.

Der Polizist hatte klar gesagt, was er dachte: Er ist der festen Überzeugung, Nkunda könne die Wahlen gefährden. Sollte er angreifen, würden die Bewohner Nyabiondos und der umliegenden Dörfer die Flucht ergreifen. Und Kinshasa? Welche Unterstützung für die Regierungstruppen vor Ort kommt aus der Hauptstadt? Keine. "Bis die immer kommen, ist es meist zu spät", klagt Polizeioffizier Wilonga.

Tango 4 zieht in die Berge

Immerhin ist ein Trupp des General Gabriel Amisi aus dem rund 100 Kilometer östlich gelegenen Goma in die Berge unterwegs. Auf dem Papier kommandiert Amisi - Kampfname Tango 4 - zehn Brigaden der Regierungstruppe FARDC mit rund 15.000 Soldaten in Nord-Kivu. Doch die meisten der Einheiten haben das Integrationsprogramm in die FARDC noch nicht durchlaufen. Sie durchstreifen weiterhin das Land, ohne einer zentralen Gewalt zu folgen. Amisi gilt als loyal - doch sicher ist dies nicht. Amisi und Nkunda sind alte Bekannte. Früher haben sie in Kisangani gemeinsam gegen die Ugander gekämpft.

"Viele hier spielen ein doppeltes Spiel", sagt Alexandra Brangeon von Radio Okapi Bukavu, einem von der Uno betriebenen Sender. Denn die Mächtigen im Osten haben kein Interesse an den Wahlen. Sie fürchten um ihre Pfründe. Die Norwegerin Christine Leikvang, die in Goma für das Uno-Flüchtlingswerk UNHCR tätig ist, sagt, Gouverneur Eugène Serufuly von der Ruanda-nahen Partei RCD-Goma und der Tutsi-Spross Nkunda hätten gemeinsame Interessen. "Die RCD-Goma will den Wahlprozess destabilisieren, denn sie hat viel zu viel zu verlieren." Gemeint ist die Kontrolle über die reichhaltigen Bodenschätze des Ostens wie Gold, Diamanten und Coltan.

Und noch eine aus Ruanda stammende Gruppe sorgt im Ostkongo für Unruhe: die FLNR. Diese Gruppierung ist aus den Interahamwe-Milizen hervorgegangen, Abkömmlingen der ruandischen Hutu, die 1994 den Völkermord mit mehr als einer Million Toten verursacht haben. Hinter der FLNR steht eine Bevölkerungsgruppe von rund 40.000 Menschen, 10.000 bis 15.000 Kämpfer soll sie in Nord-Kivu unter Waffen haben.

Die Gefahr, dass die Wahlen im Osten des Kongo fehlschlagen, ist somit gegeben. Auch die Gefahr eines erneuten Aufflammens des Bürgerkriegs. Vor allem nach der Wahl am 30. Juli wird mit schweren Unruhen gerechnet. "Bereits jetzt überfallen Milizen in jeder einzelnen Woche Dörfer, plündern und vergewaltigen Frauen", sagt Nachrichtenfrau Brangeon. Und in den Nachbarprovinzen Süd-Kivu und Ituri sieht es nicht besser aus als in Nord-Kivu.

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