Epidemie und Gefechte im Kongo Erst die Seuche, dann die Dschungel-Dschihadisten

Eine schwere Ebola-Epidemie erschüttert den Osten des Kongo: Helfer kämpfen nicht nur gegen die Seuche - auch eine islamistische Miliz soll in der Krisenregion umgehen. Entsteht dort eine neue Terrorgruppe?

Bridgeway

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Mehr als 200 Menschen sind seit August schon an Ebola gestorben, in und um die Stadt Beni im Osten des Kongo. Es ist der schwerste Ausbruch in dem Land, seit die Krankheit vor gut 40 Jahren an den Windungen des Ebola-Flusses zum ersten Mal nachgewiesen wurde.

Internationale Ärzteteams zählen derzeit in der Provinz Nord-Kivu Neuinfizierte, kontrollieren täglich deren Kontaktpersonen, impfen mit einem experimentellen Stoff gegen das heimtückische Virus. Wer infiziert ist, und nicht behandelt wird, stirbt fast sicher an Flüssigkeitsverlust und inneren Blutungen.

Der Kampf der Ärzte wäre also an sich schon hart genug. Doch der Ort des neuesten Ausbruchs macht ihnen die Arbeit doppelt schwer. Seit dem Ende der Diktatur vor gut 20 Jahren herrscht Anarchie im bergigen Osten des Landes, mehr als 2400 Kilometer von der Hauptstadt Kinshasa entfernt.

Mehr als 100 Rebellengruppen - manche kleine Bürgerwehren, manche von den Nachbarländern aus gestützte, gut gerüstete Kampfverbände - ringen um Einfluss, Dörfer, Bodenschätze. Eine Uno-Friedensmission und die kongolesische Armee bemühen sich zwar um eine Befriedung der Region. Doch die Zahl der Toten geht in die Hunderttausende.

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Rebellen im Ostkongo: Islamisten, Wutbürger, Kriminelle

Rund um Beni agiert eine Gruppe besonders brutal, bleibt dabei aber vergleichsweise im Verborgenen: die Allied Democratic Forces (ADF). Ein neuer Bericht verspricht nun Informationen aus dem Innenleben: "Inside the ADF rebellion" (hier als pdf), geschrieben von Autoren der renommierten New Yorker Congo Research Group. Der Untertitel klingt bedrohlich, und schränkt zugleich ein: "Ein kleiner Einblick in Operationen und Leben einer verschwiegenen bewaffneten Dschihadistengruppe".

Indizien der vergangenen Monate legen dem Report zufolge nahe, dass die ADF international vernetzter sein könnte als bisher angenommen. In 35 ausgewerteten Kurzvideos, welche die Autoren von Facebook-Seiten und aus WhatsApp- und Telegram-Chats von ADF-Kämpfern gespeichert haben, werden diverse Sprachen Ostafrikas gesprochen: Kisuaheli, Kirundi, Luganda. Das allein ist für die Region nicht ungewöhnlich. Was die Protagonisten sagen, schon eher: Zwei Kämpfer, der eine aus Burundi, der andere aus Tansania, rufen in den Videos dazu auf, sich dem Dschihad im Kongo anzuschließen.

Eine IS-Fibel und Überweisungen aus Kenia

Bei einem toten Kämpfer der Islamisten fanden ugandische Soldaten zudem angeblich ein Büchlein, das von den syrisch-irakischen Dschihadisten der Miliz "Islamischer Staat" (IS) stammt. Wichtiger Beleg dem Report zufolge: In Kenia wurde im Juli ein Mann festgenommen, der für den IS über eineinhalb Jahre 150.000 Dollar überwies, und das nicht nur nach Syrien und Libyen, sondern auch in den Kongo.

Gibt es also Dschihadisten in Osten des Kongo, ist dort mit einer islamistischen Rebellion zu rechnen?

Ein Sicherheitsexperte in der Region, der internationale Helfer berät, sich viel mit der ADF beschäftigt hat und anonym bleiben will, ist skeptisch. In dem Papier stecke offenbar "ziemlich viel FARDC" - Einschätzungen der kongolesischen Armee also, deren Informationen nur bedingt vertraut werden kann. Zu oft schon habe das kongolesische Militär Falschmeldungen im Zusammenhang mit der ADF verbreitet. Außerdem habe er "einige Vorbehalte gegen die Ergebnisse und die Methodik des Berichts". Manche der Videos, die als Belege aufgeführt werden, kursierten bereits seit 2013, einige seien nicht zweifelsfrei der ADF zuzuordnen.

Anschlag auf ein Hotel?

Raum für Spekulationen über die Ziele der ADF bot auch ein Zwischenfall auf dem Gelände des Hotels Okapi Palace am Rand Benis: Dort schlug am Freitagabend eine Mörsergranate ein, die nicht explodierte. Drinnen hielten sich wegen der Ebola-Krise besonders viele internationale Helfer auf. Vorschnell wurde der Einschlag als der erste ADF-Angriff auf ein Hotel in der Gegend eingeordnet.

Doch wenig später relativiert ein deutscher Mitarbeiter einer Nothilfeorganisation im Gespräch mit dem SPIEGEL: Es sei in der Nähe des Hotels gekämpft worden, das Gebäude war aber kein direktes Ziel.

Eine deutsche NGO-Mitarbeiterin in der Region, die sich zu Sicherheitsfragen nicht äußern darf und deshalb ebenfalls anonym bleibt, sagte dem SPIEGEL, einheimische Kollegen gingen davon aus, dass sich die ADF eine Nische gesucht habe. "Letztlich sind alle bewaffneten Gruppen, egal wie sie sich nennen, Kriminelle. Möglich, dass die ADF hier eine weitere Einnahmequelle gefunden hat, indem sie sich ausländischen Gruppen wie dem IS als unterstützenswert präsentiert."

Am Tag vor Weihnachten haben die Kongolesen die Wahl

Schon einmal in ihrer Geschichte, nach ihrer Gründung in Uganda, wurde die ADF als Terrorgruppe dargestellt. Sie wurde für Anschläge verantwortlich gemacht, auch wenn die Attacken nachweislich nicht von ihr begangen wurden. Doch wer hätte gerade jetzt ein Interesse, die (zweifellos brutale) Miliz als islamistische Terrororganisation mit internationalen Verbindungen darzustellen? Warum das plötzliche Medieninteresse?

Einen möglichen Anhaltspunkt könnten die nahen Wahlen bieten. Am 23. Dezember soll landesweit ein Nachfolger für Präsident Joseph Kabila bestimmt werden. Der ist seit 2016 ohne Legitimation an der Macht, unter Protesten der Kirche und oppositioneller Aktivisten hat er nun nach Jahren der Wahl eines Nachfolgers zugestimmt. Kabilas Wunschkandidat ist zwar unbeliebt. Der Opposition gelang es aber bislang nicht, sich auf einen gemeinsamen Herausforderer zu einigen.

So sehr die Ankündigung eines demokratischen Verfahrens im Westen begrüßt wird, bedeutet es in der Demokratischen Republik Kongo leider meist auch: mehr Gewalt, territoriale Ansprüche müssen noch einmal mit Nachdruck geltend gemacht werden. Und das geschähe in den Kivu-Provinzen aktuell unter den Augen von Hunderten Helfern - wegen der Ebola-Krise. Vielleicht, so die Theorie, sollen derart unerwünschte Beobachter mit Islamistenangst auf Abstand gehalten werden.


Zusammengefasst: Ein neuer Expertenbericht warnt vor der Wandlung einer islamischen Rebellengruppe im Ost-Kongo, der ADF, zu einer womöglich dschihadistischen Terrorgruppe mit internationalen Beziehungen. Die eskalierende Gewalt gefährdet den Kampf gegen die Ebola-Seuche mit mehr als 200 Toten in vier Monaten und die Wahlen, die im Dezember stattfinden.

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