Weibliche Rebellen im Kongo: Kalaschnikow und Nagellack
Sie morden, entführen, rauben - wie ihre männlichen Kollegen: Im Kongo kämpfen auch Frauen für die berüchtigten Rebellen. Getrieben von Verzweiflung, Zwang oder Idealismus führen sie ein Schattenleben im Busch. Die Fotografin Francesca Tosarelli hat sie in beeindruckenden Aufnahmen porträtiert.
Hamburg - Die Kivu-Region ist ein extrem gefährlicher Ort. In dem riesigen, tiefgrünen Areal im äußersten Osten der Demokratischen Republik Kongo verbergen sich einige der berüchtigsten Rebellengruppen Afrikas. Dort treiben etwa die Kämpfer der Bewegung M23 ("23. März") ihr Unwesen. Eine Infrastruktur fehlt, ebenso wie nennenswerte staatliche Kontrolle. Trotzdem zieht es die Fotografin Francesca Tosarelli immer wieder in das Grenzgebiet von Kongo, Uganda und Ruanda - nicht trotz, sondern wegen der marodierenden Rebellenhorden.
Über vier Monate hat die junge Italienerin den Kontakt zu M23, Mai Mai Shetani und anderen Gruppen gesucht. Das Resultat: eine beeindruckende Fotoserie über eine weitgehend unbekannte Untergruppe der afrikanischen Rebellenszene. Denn immer öfter kämpfen auch Frauen in den Reihen der Dschungelkrieger.
"Mich fasziniert, wie in diesem Konflikt die Trennlinien zwischen den Geschlechtern verschwimmen", sagt Tosarelli per Telefon aus ihrer italienischen Heimat: "Diese Frauen entsprechen keiner gesellschaftlich festgeschriebene Rolle. Sie können Mütter sein und gleichzeitig organisierte Killer."
Über Wochen, teils Monate erarbeitete sie sich im Frühjahr 2013 das Vertrauen der Rebellinnen. "Das war nicht immer leicht, es müssen sich erst persönliche Verbindungen entwickeln", erinnert sich Tosarelli.
Aus der Staatsarmee in die Rebellenränge
Da ist der Fall von Major Mathilde Samba. Mit 31 Jahren hat sie eine lange Militärgeschichte hinter sich. 13 Jahre diente Samba der kongolesischen Armee, im November 2012 wechselte sie die Seiten. Seitdem kämpft sie zusammen mit ihrem Ehemann in den Reihen von M23. Die gemeinsamen Töchter hat das Paar in die Hauptstadt Kinshasa geschickt - in Sicherheit, weit weg von den Kämpfen im Osten des Landes. Samba glaubt, nur durch ihren Krieg mit M23 die Geschichte des Kongo beeinflussen zu können. Den Glauben an die korrupte Staatsmacht hat sie verloren.
"Man muss sich keine Illusionen machen oder irgendetwas beschönigen", sagt Francesca Tosarelli: "Diese Frauen verhalten sich im Feld nicht anders als ihre männlichen Mitstreiter." Auch sie morden, rauben, entführen. Rache ist für viele, vor allem junge Kämpferinnen mit denen Tosarelli gesprochen hat, eine zentrale Motivation. Viele von ihnen haben selbst Angehörige durch Rebellen verloren, wurden vergewaltigt oder verwundet. Nun suchen sie in den Reihen der Milizen Vergeltung.
An die Waffe gezwungen?
So auch Rehema Rahijya: Das Mädchen - ihr Alter kann oder will sie nicht nennen, doch älter als 16 ist sie nicht - schloss sich 2012 den Mai-Mai-Shetani-Rebellen an. Die Geschichte, die sie erzählt, hat Tosarelli oft gehört bei ihren Recherchen. Kämpfer hätten ihre Schwester vergewaltigt und das Vieh der Familie gestohlen. Anders als Major Samba kämpft sie als Fußsoldatin. Heiraten wird sie nie, da ist sie sich sicher. Einen anderen Job finden auch nicht. Wer will schon eine Mörderin? Perspektivlosigkeit und der Wunsch nach Rache haben sie geradewegs in eine rivalisierende Rebellengruppe getrieben. Auf die Frage, ob sie jemand zum Kämpfen gezwungen hat, schweigt die junge Frau.
Für junge Menschen ist die Kivu-Region besonders gefährlich. Ständig verschieben sich die Grenzen der Einflussgebiete, immer wieder gibt es Gefechte. Uno-Truppen und die kongolesische Armee sorgen nur in den Städten für so etwas ähnliches wie Sicherheit. Dschungel und Buschland sind praktisch unkontrollierbar. Immer wieder kommt es zu Entführungen, vor allem mit Kindern füllen die Milizen ihre Reihen. Jungen zwingen sie an die Waffe, Mädchen zu Hausarbeit und sexuellen Diensten. Und nun eben auch zum Dienst an der Waffe.
Mit Maschinengewehr und Nagellack
"Meine Bilder sollen zeigen, wie vielschichtig sowohl die Motivationen, als auch die Rollenverständnisse der weiblichen Kämpfer sein können. Manche dieser Frauen wollen kämpfen, bei manchen muss man fragen, ob sie eine Wahl haben", sagt Francesca Tosarelli.
Wohl keine der Protagonistinnen der Fotostrecke vereint die Gegensätze so wie Colonel Fanette Umuraza. 32 Jahre alt, mit Uni-Abschluss in Politikwissenschaften, ist sie Kämpferin durch und durch. Als rechte Hand von M23-Oberkommandeur Sultani Makenga hat sie sich bis an die Machtspitze der Rebellengruppe hochgedient, vertritt deren Ideologien vehement. Sie will, so sagt sie, die Frauen des Kongo aus der Opferrolle befreien. Dass auch Rebellen ihrer Gruppe immer wieder Vergewaltigungen vorgeworfen werden, passt da wenig ins Bild.
Als Kämpferin hat sie sich bewiesen, die ihr unterstellten Männer lässt sie strammstehen. Umuraza fordert und bekommt auch noch vom härtesten Rebellen ihren Respekt. In der Fotoserie von Francesca Tosarelli taucht sie in grober Tarnkleidung auf - und mit lila Nagellack.
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- Francesca Tosarelli arbeitet als freie Fotografin in Großbritannien und ihrer Heimat Italien. In ihren Projekten geht es oft um die Geschlechterrollen in Konfliktgebieten. Zu ihren Abnehmern gehören Publikationen wie der "Guardian" oder "Le Monde", aber auch internationale Hilfsorganisationen. Tosarelli hat ihre Werke in Deutschland, Großbritannien und Italien ausgestellt.

- Francesca Tosarelli Photography
Fläche: 2.344.885 km²
Bevölkerung: 65,966 Mio.
Hauptstadt: Kinshasa
Staatsoberhaupt:
Joseph Kabila
Regierungschef: Augustin Matata Ponyo Mapon
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