Neuer Frieden im Ostkongo Weihnachtsmarkt am Kivu-Strand

An Heiligabend 2012 wurde geschossen in den Straßen von Goma, die Menschen flüchteten zu Tausenden vor den Unruhen im Ostkongo. Doch nun scheint Frieden einzukehren in einer der schlimmsten Krisenregionen der Welt. Es gibt einen Weihnachtsmarkt am Kivu-See und jede Menge Hoffnung.

Benjamin Dürr

Kaum jemand war unterwegs, letztes Jahr. Der Gottesdienst am Heiligen Abend fiel aus. Zu unsicher waren die Straßen, zu groß war das Chaos in der Stadt. Simon Masasu deutet zum Fenster: Auch hier, direkt vor dem Pfarrhaus, fielen Schüsse.

Masasu ist Priester in Goma und Gisenyi, zwei aneinander grenzenden Städten; Goma im Westen gehört zum Kongo, Gisenyi zu Ruanda. Das Pfarrhaus steht weniger als vierhundert Meter von der Grenze entfernt. Seit mehr als 15 Jahren lebt, arbeitet und predigt Simon Masasu hier.

Mindestens genauso lange wühlt ein Konflikt die Region schon auf. Seit Jahren kämpfen Rebellen und Uno-Soldaten um die Macht. Mit mehr als fünf Millionen Toten ist es einer der blutigsten Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg.

Vor einem Jahr liefen die Spannungen auf einen Höhepunkt zu, als die M-23-Rebellen die Stadt Goma einnahmen. Weihnachten 2012 herrschten Angst, Unsicherheit und Gewalt in Goma und Gisenyi.

Frieden scheint möglich

Weihnachten 2013 herrschen Hoffnung und Zuversicht: Die M-23-Rebellen legen die Waffen nieder, zum ersten Mal seit langem scheint Frieden möglich zu sein. In den Tagen vor Weihnachten ziehen Jugendliche aus Simon Masasus Kirchengemeinde von Haus zu Haus, um die Menschen auf Weihnachten einzustimmen. Im vergangenen Jahr war niemand unterwegs, dieses Jahr machen hundert Kinder und Jugendliche mit, erzählt Pfarrer Masasu.

"Vor einem Jahr haben wir für Frieden in unserer Region gebetet", sagt er. In diesem Jahr wollen sie für jeden Einzelnen beten. "Nur wer Frieden für sich selbst gefunden hat, kann Frieden geben."

Etwa dreißig verschiedene Rebellengruppen sind in der Region Ostkongo, Ruanda und Uganda aktiv. Seit Jahren versuchen Soldaten der kongolesischen Armee und Blauhelme der Vereinten Nationen, die Region zu stabilisieren. Obwohl Monusco mit 20.000 Mitarbeitern die größte und teuerste Uno-Mission der Welt ist, blieben Erfolge lange aus.

Erst in den vergangenen Wochen begannen sich die Machtverhältnisse zu ändern. Beobachter sagen, dafür gebe es vor allem drei Gründe:

  • Im Frühjahr wurde das Mandat der Mission erweitert, Blauhelme dürfen jetzt aktiv Rebellen bekämpfen. Afrikanische Länder haben außerdem eine schlagkräftige Eingreiftruppe geschickt.
  • Der diplomatische Druck auf Ruanda wurde verstärkt. Die Regierung in Kigali soll Rebellen im Nachbarland Kongo unterstützen. Mehrere Länder haben deshalb Entwicklungshilfegelder für Ruanda eingefroren.
  • M 23 war bereits geschwächt. Es entstanden Fraktionen innerhalb der Bewegung, im Frühjahr stellte sich Bosco Ntaganda, einer der Anführer, freiwillig und wartet nun in Den Haag, bis ihm vor dem Internationalen Strafgerichtshof der Prozess gemacht wird.

Vor gut einem Jahr hatte M 23 noch Goma erobert, Anfang November dieses Jahres erklärte die Gruppe, die Waffen niederlegen zu wollen. Vor rund einer Woche wurde eine Friedenserklärung mit der kongolesischen Regierung unterzeichnet.

Untergruppen von M 23 sind zwar wohl noch immer aktiv und sollen Kämpfer in Ruanda rekrutieren. Auch eine vor kurzem gestartete Offensive gegen die zweite Rebellengruppe, die FDLR, verläuft zäher als gegen M 23. Trotzdem sind Politiker und Militärs optimistisch: "In einer Region, die so viel Leid gesehen hat, ist dies ein wichtiger, positiver Schritt in die richtige Richtung", kommentierte Russ Feingold, der US-Sondergesandte für die Region, die Kapitulation der M-23-Rebellen.

Auch die Menschen in Goma und Gisenyi hoffen auf Frieden in der Region. Normalität soll einkehren, wünschen sie sich auf beiden Seiten der Grenze. In Gisenyi bauen Männer Zelte und Bühnen auf. Am Strand des Kivu-Sees findet in diesem Jahr wieder eine Art Weihnachtsmarkt statt. Unternehmen aus der Region präsentieren ihre Produkte, ein Bäcker verkauft süße Teigtaschen, daneben entsteht eine Bühne für abendliche Live-Musik. Vor einem Jahr wurde am Strand geschossen, jetzt schlendern - unter den Augen von Soldaten - Menschen zwischen den Zelten.

Ein Stückchen weiter bei La Petite Barrière, wie der Grenzübergang zwischen dem Kongo und Ruanda genannt wird, fließen die Menschenströme in beide Richtungen. Ruandische Frauen schleppen Körbe und Taschen nach Goma, wo sie ihre Ware verkaufen. Kongolesen kommen für Geschäfte nach Gisenyi.

Vor gut einem Jahr verlief der Strom vor allem in eine Richtung: vom Kongo nach Ruanda. In anderthalb Jahren hat M 23 etwa 800.000 Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Viele kamen von Goma nach Gisenyi. In Pfarrer Simon Masasus Gemeinde haben einige von ihnen Schutz gesucht. Jetzt kehren manche zum ersten Mal zurück.

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Beat Adler 24.12.2013
1. Hoffentlich bleibt es friedlich!
Zitat aus dem Artikel: “Im Frühjahr wurde das Mandat der Mission erweitert, Blauhelme dürfen jetzt aktiv Rebellen bekämpfen. Afrikanische Länder haben außerdem eine schlagkräftige Eingreiftruppe geschickt.” Es waren 3000 Kampftruppen aus Tanzania, welche mit militaerischer Gewalt die Region befriedet haben. Warum die UNO so lange gebraucht hat, um einen solchen Einsatz zu bewilligen, ist mir immer noch ein Raetsel. Vor ein paar Jahren habe ich auf dem Markt in Ariwara, Provinz Oriental, D.R. Kongo, noedlich der “Problem”-Provinzen Nord –und Sued-Kivu, UNO Blaumhelmsoldaten aus Nepal getroffen. Leider war es nicht moeglich mit diesen Soldaten, auch nicht mit ihrem Kommandanten(!) ins Gespraech zu kommen, da Diese weder franzoesisch noch lingala, noch englisch, noch swahili sprechen konnten. Vier Sprachen, welche auf dem Markt in Ariwara ueblich sind. Wie soll also ein solcher UNO Blaumhelmsoldat mit den Menschen in seiner Umgebung kommunizieren? Gewehr in Anschlag? Das war es dann? Die Situation in Nord und Sued-Kivu bleibt weiterhin angespannt. Die Grenze zwischen der D.R. Kongo und Ruanda verlaeuft teilweise durch Busch und Dschungel. Sie ist fast nicht zu kontrollieren. Aus dem Helikopter, auch nicht mit Drohnen, kann durch dichtes Blattwerk gespaeht werden. Diese Grenze ist zudem eine oekonomische Grenze: Auf der einen Seite D.R. Kongo, reich an Gold und Coltan (Colombith-Tantalith, enhaelt das Metal Niob, ohne dieses funktioniert kein Mobiltelefon) beides wird aus kleinen Minen in Handarbeit geschuerft und hat pro Gewichtseinheit einen betraechtlichen Wert. Ein Hosentasche voll ist schon viel. Auf der anderen Seite der Grenze Ruanda, das keine solchen Bodenschaetze hat, dazu wesentlich dichter bevoelkert ist, wie die angrenzende kongolesische Region. Bewaffnete Banden aus Ruanda, wie immer sie sich gerade bezeichen, haben in der Vergangenheit regelmaessig Ueberfaelle im Kongo durchgefuehrt, um diese Reichtuemer zu stehlen. Dass dabei gemordet und vergewaltigt wurde, ist gut dokumentiert. M23, nur als Beispiel, tat dies mit voller Unterstuetzung der Regierung in Kigali unter Kagame. Allen Bewohnern Ost-Kongos wuenschen wir eine Frohes Fest! Dem Rest der Welt auch! mfG Beat
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