Kasai-Krise Uno-Experten sollen Massenmorde im Kongo aufklären

Hunderte Tote, ermordete Uno-Mitarbeiter, diffuse Fronten: In der Mitte des Kongo schwelt ein Krieg zwischen Rebellen und Regierung. Nun soll ein internationales Ermittlerteam die Verbrechen aufklären.

Menschenschädel am Straßenrand in der Region Kasai (März 2017)
REUTERS

Menschenschädel am Straßenrand in der Region Kasai (März 2017)


Die Vereinten Nationen glauben offenbar nicht mehr daran, dass die Regierung der Demokratischen Republik Kongo bereit ist, Menschenrechtsverletzungen und politische Morde in der Unruheregion Kasai aufzuklären.

Darum ernannte die Uno in Genf nun drei Menschenrechtsexperten zu Ermittlern für die Gräueltaten, die in der zentralkongolesischen Region seit fast einem Jahr andauern. Die Regierung in Kinshasa bestreitet, dass die Experten tatsächlich eigenmächtig Untersuchungen durchführen dürfen. Ermittelt werde von den kongolesischen Justizbehörden, die Gesandten leisteten lediglich "technische und logistische Hilfe", so ein Regierungssprecher.

Der Konflikt in der vormals friedlichen Region Kasai war eskaliert, nachdem kongolesische Sicherheitskräfte im August 2016 den Anführer der Rebellengruppe Kamuina Nsapu getötet hatten. Laut Uno-Angaben wurden im Kongo seit Jahresanfang fast 500 Menschen getötet, darunter 140 Kinder. Der Großteil der Opfer kam in der Region Kasai ums Leben.

Wie die Uno mitteilte, wurden dort bislang 50 Massengräber entdeckt. Uno-Menschenrechtsvertreter beschuldigen kongolesische "Militärelemente", die Massengräber angelegt zu haben. 170 Menschen seien zudem wegen politischer Aktivitäten in Haft. Noch höhere Zahlen nennt die katholische Kirche. Demnach sollen in den vergangenen acht Monaten sogar 3400 Menschen getötet und mehr als 90 Massengräber entdeckt worden sein.

UNO-Soldaten auf Patrouille in Kasai (März 2017)
REUTERS

UNO-Soldaten auf Patrouille in Kasai (März 2017)

Unter anderem wirft die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch der kongolesischen Armee vor, direkt an der Ermordung von Rebellen, aber auch Zivilisten, beteiligt zu sein. Auch den Kamuina-Nsapu-Rebellen werden Grausamkeiten vorgeworfen: Bei einem Überfall im März enthaupteten die Milizen einem Provinzgouverneur zufolge 42 Polizisten. Die Uno-Ermittlungen erstrecken sich auch auf die regierungsnahe Bana-Mura-Miliz. Ihr warf der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte unlängst vor, schwangere Frauen und Kinder mit Macheten getötet zu haben.

Die Regierung in Kinshasa sicherte der Uno zu, die Visa für die Ermittler aus dem Sengal, Kanada und Mauretanien zügig auszustellen. Die Uno-Gesandten arbeiten in gefährlichem Gebiet: Im März verschwanden zwei Ermittler der Vereinten Nationen und ihr Übersetzer in der Unruheregion bei dem Versuch, Menschenrechtsverletzungen aufzudecken. Ihre Leichen wurden später in einem Erdloch entdeckt, eine davon war enthauptet.

Von der Ermordung der Uno-Ermittler existiert ein offenbar mit versteckter Kamera gefilmtes Video. Experten sind uneins, ob die in Rebellenuniformen gekleideten Mörder tatsächlich zu Kamuina Nsapu gehören. Ihre Sprache könne auch darauf hindeuten, dass es sich um verkleidete Regierungssoldaten handelt, sagten Fachleute dem britischen "Guardian".

Im Kongo regiert Präsident Joseph Kabila seit Dezember ohne Mandat des Volkes, seine Zeit als Staatschef ist nach zwei Amtszeiten abgelaufen. Vermittler der katholischen Kirche hatten sich Ende März aus den Verhandlungen zwischen Kabilas Anhängern und der Opposition zurückgezogen. Auch die von Dezember 2016 auf Ende 2017 verschobene Wahl wird es wohl nicht geben: Der Chef der Wahlkommission hatte Anfang Juli erklärt, Wahlen könne sich das Land finanziell nicht leisten - und die Unruhen in Kasai stünden einer Durchführung zusätzlich entgegen.

cht/dpa/AP/Reuters



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