Wahlergebnis immer noch offen Der Kongo zählt, der Kongo zittert

Gelingt zum ersten Mal in der Geschichte des Kongo ein demokratischer Machtwechsel? Nach der Wahl am 30. Dezember werden angeblich immer noch die Stimmen ausgezählt - die Geduld der Bevölkerung schwindet.

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Länger als zwei Jahre hatte der Staatschef des Kongo, Joseph Kabila, sein Land hingehalten, erst dann ließ er die Kongolesen Ende Dezember - endlich - wählen.

Für den Wunschkandidaten des Präsidenten, Emmanuel Ramazani Shadary, schien die Sache schon bei seiner eigenen Stimmabgabe am 30. Dezember erstaunlich klar. "Ich habe gewonnen", sagte er, als seine Landleute im ganzen Land noch vor Wahllokalen anstanden. "Heute Abend werde ich Präsident der Republik sein."

Kabilas Wunschkandidat Emmanuel Ramazani Shadary
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Kabilas Wunschkandidat Emmanuel Ramazani Shadary

Doch so schnell und einfach, wie es sich der ehemalige Minister in Kabilas Kabinett ausmalte, geht es nicht.

Am Sonntag, eine Woche nach der Wahl, sollte die Wahlkommission Ceni den Sieger vermelden. Stattdessen aber hieß es: Das wird dauern. Es seien erst die Hälfte aller Ergebnisse aus dem ganzen Land eingetroffen. Für die Opposition war das Anlass, ihre größte Befürchtung zu erneuern: Dass Kabilas Getreue die Wahl zu Shadarys Gunsten manipulieren wollen.

Die Demokratische Republik Kongo steht in diesen ersten Tagen des Jahres an einer historischen Wegscheide: Gelingt tatsächlich zum ersten Mal der demokratische Machtwechsel? Oder wird das Ergebnis von einer Seite abgelehnt - oder offensichtlich verfälscht - und alles endet, schlimmstenfalls, im Chaos?

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Wahl im Kongo: Banges Warten auf das Ergebnis

Während die Wahlkommission also noch mit Zählen - die Opposition meint: mit Fälschen - beschäftigt ist, haben vier Beobachtermissionen bereits vorläufige Berichte vorgelegt.

Bischofskonferenz vermeldet, es gebe einen klaren Sieger

Am positivsten urteilte die Mission der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC). Kritischer waren hingegen die Afrikanische Union und die weitaus größeren Missionen der demokratischen Bürgerbewegung Symocel und der katholischen Bischofskonferenz im Kongo (Cenco).

Symocel erklärte, Verzögerungen beim Wahlvorgang von mehr als einer halben Stunde seien häufig von nicht funktionsfähigen Wahlmaschinen verursacht worden. In jedem sechsten beobachteten Wahllokal seien die Resultate nicht vor dem Abstimmungsort ausgehängt worden, was Vorschrift ist.

Die Cenco, also die katholische Kirche, hatte nach eigenen Angaben 40.000 Beobachter im ganzen Land, und trug bis vergangenen Donnerstag die Ergebnisse - behindert durch die landesweite Internetsperre - anhand der aushängenden Listen zusammen.

Dann erklärten die Würdenträger: Nach den von ihnen gesammelten Resultaten einzelner Wahlbüros gebe es einen "eindeutigen" Sieger. Einen Namen aber nannte die Cenco nicht.

Medien und westliche Diplomaten spekulieren nun, es handle sich beim wahrscheinlichen Gewinner um Martin Fayulu, einem Industriellen und erklärten Kabila-Kritiker. Weil er bei Protesten und Wahlkampfauftritten in der ersten Reihe stand und von der Polizei verprügelt wurde, nennen ihn viele Kongolesen ehrfürchtig "Soldat des Volkes".

Martin Fayulu vom Bündnis Lamuka (Aufstehen)
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Martin Fayulu vom Bündnis Lamuka (Aufstehen)

Fayulu ist Seiteneinsteiger ins Präsidentschaftsrennen, er kam dazu, nachdem die zwei aussichtsreichen Oppositionskandidaten, Moise Katumbi und Jean-Pierre Bemba, ausgeschlossen worden waren. Neben Fayulu wurden auch dem aus einer berühmten Oppositionellenfamilie stammenden Felix Tshisekedi Siegchancen zugetraut.

"Was die Menschen irritiert, sind Unstimmigkeiten"

Die Wahlkommission reagierte empfindlich auf den Bericht der Bischöfe. Die Cenco und ihr Präsident, Marcel Utembi, verstießen gegen Gesetze und würden einen Aufstand vorbereiten. Utembi sagte dazu dem SPIEGEL: "Wir haben keine Ergebnisse geliefert, das kann nur die Wahlkommission." Der vorläufige Bericht basiere auf "den Zahlen, die unsere Beobachter abgelesen haben".

In einem Antwortschreiben an die Kommission hatte Utembi erklärt, man habe bewusst "nicht den Namen des glücklichen Gewinners" genannt, und auch nicht, "ob er zum Regierungslager oder zur Opposition" gehöre. Den Vorwurf, man zettle eine Revolte an, spielte Utembi zurück: "Was die Menschen irritiert, sind Unstimmigkeiten. Was sie aufbegehren lässt, wäre ein Ergebnis zu veröffentlichen, das nicht der Wahrheit des Urnengangs entspricht."

Deutlicher äußert sich Nicholas Cheeseman, Professor für Demokratieforschung an der Universität von Birmingham und Autor des Buchs "How to rig an election". Bislang deute vieles darauf hin, dass "trotz eines klaren Versuchs, die Wahl zu verschieben, Kabilas Mann nicht gewonnen hat". Jetzt gebe es "ein Patt", in der die Regierung einen Ausweg suche. "Der Druck wächst, Fayulu zum Sieger zu erklären. Passiert das nicht, könnten die Auswirkungen für die Einheit des Landes verheerend sein", sagte Cheeseman dem SPIEGEL.

Fast keine öffentlichen Aushänge in den Zählzentren

Am Dienstagnachmittag meldeten Syomcel-Beobachter beunruhigendes: In 52 Fällen gebe es in den gut hundert besuchten zentralen Auszählungsstellen "große" Unregelmäßigkeiten. Dort werden die Resultate aus Zehntausenden Wahlbüros zusammengetragen werden. Außerdem hätten 92 Prozent dieser Zählstellen ihre Ergebnisse bislang nicht öffentlich ausgehängt.

Und dann erklärte auch noch das Team von Oppositionskandidat Felix Tshisekedi ihren Mann zum "wahrscheinlichen Sieger". Mit Kabilas Leuten sei man wegen der Amtsübergabe im Gespräch. Bischof Utembi sagte dem SPIEGEL, er hoffe einfach auf "ein Ergebnis bis zum Ende der Woche". Viel länger werden Land und Leute die Hängepartie kaum aushalten.

insgesamt 3 Beiträge
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berther 09.01.2019
1. Tja, übersteigertes Selbstbewustsein..
..ist die menschliche Haupterkrankung.
wi_hartmann@t-online.de 09.01.2019
2. Kongo und Wahlen
Wahlen im Kongo ist wie am Nordpol schwimmen zu gehen.
nwz86 09.01.2019
3. Afrika bleibt wie es ist und immer war
Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, für Afrika eine Gesellschaftsordnung nach europäischen Vorbild zu fordern... das klappt nichtmal im Nahen Osten. Genauso sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass Afrikaner, wenn sie nur erstmal in Europa sind, quasi erleuchtet würden und vorbildliche Europäer würden. Die Welt ist eben nicht überall gleich, und man kann sie auch nicht gleichmachen.
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