Oppositionelle in Haft Wie Kongos Präsident seine Gegner traktiert

Kongos Präsident Kabila geht brutal mit Oppositionellen um - viele sperrt sein Geheimdienst einfach weg. Manche verschwinden. Hier erzählt Fred Bauma von seinen 535 Tagen als politischer Gefangener.

REUTERS

Ein Interview von


Die Demokratischen Republik Kongo erlebt schwere Zeiten: Präsident Joseph Kabila müsste gemäß Verfassung eigentlich Ende des Jahres abtreten. Doch wie befürchtet, klammert er sich an die Macht. Einige Oppositionsparteien machen sich mit Kabila gemein und gaben der Wahlverschiebung aufs Frühjahr 2018 ihren Segen.

Die unabhängige Oppositionspartei UDPS und die demokratische Zivilgesellschaft aber wollen sich ihrer Rechte nicht berauben lassen. Zu ihnen gehört die Jugendorganisation Kampf für den Wandel (Lucha).

Zwei ihrer Mitglieder, Fred Bauma und Yves Makwambala, wurde vor mehr als anderthalb Jahren von kongolesischen Sicherheitskräften festgenommen - und erst vor Kurzem wieder freigelassen. Während einer Reise nach Belgien hat Bauma mit SPIEGEL ONLINE gesprochen:

Zur Person
  • Fred Bauma
    Fred Bauma, 26, stammt aus Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Bauma ist seit 2013 Mitglied der Bürgerrechtsbewegung Lucha, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzt. Für den Uno-Menschenrechtsrat war Bauma Kronzeuge zur andauernden Gewalt der Regierung Präsident Kabilas gegen die Zivilgesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bauma, Sie saßen in ihrer Heimat für ein Jahr und sechs Monate in Haft. Warum?

Bauma: Genau genommen, waren es 17 Monate und 15 Tage. Ich gehöre einer Gruppe an, die sich Lucha nennt. Das steht für Lutte pour le changement im Kongo. Wir sind Aktivisten, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau wurde Ihnen vorgeworfen?

Bauma: Yves Makwambala und ich wurden bei einer Pressekonferenz festgenommen, zusammen mit Künstlern und Journalisten. Die anderen kamen frei, uns behielt man ohne Erklärung da. Erst nach zwei Monaten warf man uns offiziell etwas vor: Wir hätten einen Staatsstreich geplant. Lucha sei eine Terrororganisation.

SPIEGEL ONLINE: Wussten Sie, wo Sie eingesperrt waren?

Bauma: Zu Beginn im Hauptquartier des nationalen Sicherheitsdiensts ANR. Ab dem Moment waren wir von der Außenwelt abgeschnitten. Ich habe 50 Tage lang keinen Besucher gesehen, geschweige denn einen Anwalt. Dann wurden wir an die Staatsanwaltschaft überstellt und schließlich ins Makala-Gefängnis in Kinshasa, wo wir für den Rest unserer Haftzeit blieben.

SPIEGEL ONLINE: Kommt so etwas in ihrem Land häufiger vor?

Bauma: Ja, und die Fälle nehmen zu. Aus politischen Gründen, ohne erkennbares Vergehen, sind seit vergangenen September Hunderte Menschen im Kongo inhaftiert worden. Allein von unserer Organisation, Lucha, waren es in dem Zeitraum etwa 150.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ende September in Genf dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen berichtet. Was haben Sie dort erzählt?

Bauma: Ich wurde gebeten, zu bestätigen, dass sich die kongolesische Regierung an der gewaltsamen Niederschlagung von Protesten und am Töten von Demonstranten beteiligt hat. Und ich habe betont, dass es wichtig ist, gegen diejenigen, die eine entscheidende Rolle bei der Unterdrückung gespielt haben, Sanktionen zu verhängen.

SPIEGEL ONLINE: Nach allem, was Ihnen widerfahren ist, könnten Sie einfach in Belgien bleiben.

Bauma: Das will ich aber nicht, ich will kein Asyl, nicht hier oder sonst wo. Meine Aufgaben liegen im Kongo, darum werde ich sehr bald nach Hause zurückkehren.

SPIEGEL ONLINE: Amnesty forderte Menschen während Ihrer Haftzeit dazu auf, sich für Sie bei Präsident Kabila einzusetzen. Haben Sie keine Angst, nach Hause zu gehen?

Bauma: Nein, ich habe keine Angst vor der Rückkehr. Es gibt zwar Druck auf mich und meine Kollegen, aber ich will zurück in mein Land. Ich passe auf mich auf, wo es möglich ist. Außerdem ist Angst hier ein normales Gefühl. Auch wenn ich zu Hause nicht sicher bin, ist es der Ort an dem ich gerade in dieser schwierigen Zeit sein muss.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Ziele?

Bauma: Unser Kampf für den Wandel soll einen neuen Kongo schaffen. Ein Land, in dem Bevölkerung eine gewichtige Rolle spielt. Eine Rolle, die nicht damit erfüllt ist, irgendjemanden an die Regierung zu bringen. Ein normaler Kongo ist das Ziel, in dem die Menschenrechte geachtet werden. Mit einer im besten Sinne aktiven Bevölkerung.

SPIEGEL ONLINE: Die Wahlen sind jetzt auf April 2018 verschoben, von der Regierung und den willfährigen Oppositionsparteien. Offiziell heißt es: Damit die Wählerlisten aktualisiert werden können. Sind die organisatorischen Hürde so hoch?

Bauma: Es ist ganz einfach. Der Präsident muss laut Verfassung im Dezember das Amt niederlegen. Dann würde der Senatspräsident für eine Übergangszeit die Führung übernehmen, und müsste Wahlen binnen 120 Tagen vorbereiten. Es ist einzig und allein eine Frage des politischen Willens.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Präsident nicht will und wenn die Wahlkommission, die obersten Richter sich nicht gegen ihn stellen: Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Bauma: Wenn Kabila nicht will und wenn er so weitermacht, wird es große Demonstrationen geben. Und, leider, möglicherweise Gewalt. Das wollen wir nicht für unser Land. Darum ermutigen wir ihn, die Möglichkeit eines friedlichen Abschieds zu wählen. Das Land braucht Frieden, keinen weiteren Krieg und keine Gewalt.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
K. Behnert 07.11.2016
1.
allein das in unseren Medien immer wieder benutzte Wort "Demokratische Republik Kongo" ist doch schon der grösste Bluff. Dass sich "Präsidenten" solcher Länder wie dem Kongo solche Titel zulegen, mag ja noch für sie selbst Geltung besitzen, nur muss das ja nicht heissen, dass wir hier in Europa deren Wortwahl übernehmen. Jeder Normalo weiss doch, wie in diesen Ländern die Regierungen gebildet werden und wenn ich daran denke, dass deren Diplomaten hier in unseren Hauptstädten ihr Unwesen treiben dürfen, mit all ihnen zustehenden Rechten und Freiheiten, dann stellt sich doch die Frage, ob wir solchen menschenverachtenden "Volksvertretern" nicht besser die Einreise in unser Land verbieten sollten. Unsere Regierungsvertreter sind über die unglaublichen brutalen Methoden dieser Herrscher dort in Afrika besser informiert als der normale Bürger hier. Dass man solche Banditen dann auch noch hier mit Samthandschuhen anfasst und sie wie Diplomaten agieren lässt, das will mir nicht in den Kopf.
jouvancourt 07.11.2016
2. Nichts Neues aus Afrika!
In den meisten afrikanischen Staaten ist dieses Vorgehen Tagesgeschäft! Auch in manchen hochgelobten, ruhigen, friedlichen Ländern gibt es seit Jahrzehnten Razzien, um aufmüpfige Bürger in ihre Schranken zu verweisen. Wie im Karpfenteich werden oft am Wochenende hundert, zweihundert Menschen zufällig von der Strasse geholt und viele verschwinden einfach. Damit wird der Bevölkerung jegliche Lust auf Kritik genommen, da ja jeder im Land Verwandte oder Freunde hat, denen es schlecht ergangen ist. Im Zeichen des "langsamen Demokratisierungsprozesses" (eingeleitet 1960) tolerieren westliche Länder solche Vorgehensweisen und belohnen diese Schlächter sogar noch mit gewaltigen Entwicklungshilfegeldern, die großteils nur der herrschenden Clique zugute kommen! Nun, heute sind die Chinesen in Afrika beliebter als alle anderen Nationen und sie werden die Zukunft des Kontinentes auf alle Fälle prägen! Weniger mit großen Spenden, als mit massiven Forderungen!
newbie99 07.11.2016
3. Die Rolle Chinas in Afrika
Von jouvancourt "Nun, heute sind die Chinesen in Afrika beliebter als alle anderen Nationen und sie werden die Zukunft des Kontinentes auf alle Fälle prägen! Weniger mit großen Spenden, als mit massiven Forderungen!" Wer sich heute in Afrika umschaut sieht eine chinesische Präsenz allen Orten. Warum sind sie so beliebt gerade bei Regierungen? Wohl kaum weil sie "massive Forderungen" für ihr Engagement stellen. Im Gegenteil: Sie stellen überhaupt keine Fragen sehen einzig ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten. Umweltschutz, Menschenrechte? Das spielt für China keine Rolle. Zweifelsfrei sind "westliche" Konzerne alles andere als Musterknaben bei ihrem Engagement in Afrika. Sie sehen sich aber moralischer Forderungen ihrer Heimatgesellschaften ausgesetzt, die sie nicht selten zu umgehen versuchen, aber dennoch ein gewisses Korrektiv oder limitierenden Faktor bilden. Mit solchem Idealismus schlagen sich Chinas Investoren erst überhaupt nicht herum. Es ist richtig, das China dabei ist, den Kontinent mit zu prägen. Ob das aber wirklich positiver ist, als europäische Entwicklungsbemühungen? Wohl kaum!
sascha2.0 07.11.2016
4. Kongo und Kongo
Zum Namen, auch wenn die "Demokratische Republik Kongo" "demokratisch" im Namen hat: So heißt dieser Staat nun mal korrekt und vollständig, nicht zuletzt als Unterscheidung zur "Republik Kongo", klein, aber auch ein Staat.
Celegorm 07.11.2016
5.
Zitat von K. Behnertallein das in unseren Medien immer wieder benutzte Wort "Demokratische Republik Kongo" ist doch schon der grösste Bluff. Dass sich "Präsidenten" solcher Länder wie dem Kongo solche Titel zulegen, mag ja noch für sie selbst Geltung besitzen, nur muss das ja nicht heissen, dass wir hier in Europa deren Wortwahl übernehmen. Jeder Normalo weiss doch, wie in diesen Ländern die Regierungen gebildet werden und wenn ich daran denke, dass deren Diplomaten hier in unseren Hauptstädten ihr Unwesen treiben dürfen, mit all ihnen zustehenden Rechten und Freiheiten, dann stellt sich doch die Frage, ob wir solchen menschenverachtenden "Volksvertretern" nicht besser die Einreise in unser Land verbieten sollten. Unsere Regierungsvertreter sind über die unglaublichen brutalen Methoden dieser Herrscher dort in Afrika besser informiert als der normale Bürger hier. Dass man solche Banditen dann auch noch hier mit Samthandschuhen anfasst und sie wie Diplomaten agieren lässt, das will mir nicht in den Kopf.
Ist halt wie bei der DDR: Wenn man derart verzweifelt im Namen zu betonen versucht, wie demokratisch man wäre, dann ist eigentlich klar, dass die Realität so ziemlich dem Gegenteil entspricht. Da gibts im übrigen noch etliche, teils deutlich bessere Beispiele, etwa die "Demokratische Volksrepublik Korea"..
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.