Kongressanhörung USA stürzen sich in emotionale Islam-Debatte

Amerikanische Konservative warnen vor einer Welle fanatischer Islam-Anhänger, Demokraten wittern eine "Hexenjagd": Bei einer Kongressanhörung knallte es zwischen beiden Lagern - mittendrin ein muslimischer Abgeordneter. Die Sitzung geriet zum gefühlsgeladenen Spektakel.

US-Demokrat und Muslim: Keith Ellison vor dem Heimatschutzausschuss
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US-Demokrat und Muslim: Keith Ellison vor dem Heimatschutzausschuss

Von , New York


Keith Ellison ist ein Sohn katholischer Eltern. Als 19-jähriger Student konvertierte er zum Islam, auf der Suche nach "sozialem Wandel". Er wurde Anwalt, dann Bürgerrechtler, schließlich Abgeordneter im Landesparlament von Minnesota. 2007 rückte er mit 56 Prozent der Stimmen für seinen Wahlkreis ins US-Repräsentantenhaus auf - als allererster Muslim in der Kongressgeschichte.

Seine wahre Stunde aber kam am Donnerstag. Da fand sich Ellison im hoffnungslos überfüllten Anhörungssaal 311 des Cannon House Office Buildings auf dem Kapitolshügel Washingtons plötzlich auf der anderen Seite wieder - als Zeuge.

"Ich weiß Ihre Bereitschaft zu schätzen, diesen Dialog aufzunehmen", begann Ellison höflich an die Adresse des Republikaners Peter King, der als neuer Chef des Heimatschutzausschusses über ihm thronte. Dann erzählte er von Mohammed Salman Hamdani, einem Sanitäter und US-Muslim, der bei den Terroranschlägen des 11. September 2001 umgekommen war und dessen Mutter hinter ihm saß.

"Er wollte als durch und durch amerikanisches Kind gelten", zitierte Ellison aus Hamdanis Nachruf in der "New York Times". "Er trug die Nummer 79 des High-School-Football-Teams."

Ellisons Stimme stockte. Er schluckte, doch mühte sich weiter: Hamdani habe sein Leben geopfert, um anderen zu helfen - trotzdem sei er hinterher "nur wegen seines islamischen Glaubens" als Terroristen-Komplize verleumdet worden. "Erst als man seine Überreste identifizierte, wurden diese Lügen entblößt."

An dem Punkt begann Ellison laut zu schluchzen, schloss seinen Vortrag und verbarg seine nassen Augen hinter dem Manuskript.

Der Gefühlsausbruch des 47-jährigen Abgeordneten, vor laufenden Kameras und den gierigen Linsen der Fotografen, offenbarte die tiefsitzenden Emotionen der Islam-Debatte, die die USA auf einmal erfasst hat. Ausgelöst hat diese Debatte Peter King, der für Donnerstag die erste einer Reihe von Anhörungen zur "Radikalisierung der US-muslimischen Gemeinschaft" einberufen hatte - ein Reizthema, das über Nacht unterschwellige Ängste, Vorurteile, Ressentiments und auch Schmerzen an die Oberfläche gespült hat.

"Die Gefahr ist real und ernst"

Die Demokraten sprachen schon vorab von einer "Hexenjagd" auf US-Muslime und verglichen King mit Senator Joe McCarthy, dem verhassten Kommunistenhetzer des Kalten Krieges. Die Republikaner warfen der Gegenseite wiederum vor, "vor der politischen Korrektheit feige zu kapitulieren", so King.

Kein Wunder, dass die Anhörung zum dramatischsten Termin einer Polit-Saison wurde, die so schon von anti-muslimischer Stimmung geprägt ist - von den Zweifel am Glauben des US-Präsidenten über die Schattenkämpfe gegen angebliches Scharia-Recht in den Kommunen bis hin zu Versuchen, den Islam ganz zu verbieten.

Alle Beteiligten mühten sich zwar, die Fragestunde nicht zum TV-Schauprozess gegen eine Religion verkommen zu lassen, blieben jedoch hart. Panikmache bei den einen, Naivität bei den anderen: Die armen Zeugen, darunter nur drei US-Muslime, gerieten hoffnungslos zwischen die Fronten. Es war kein gutes Omen.

Wie gefühlsgeladen diese Diskussion ist, zeigte sich schon Stunden vor Beginn. Da drängten sich im Morgengrauen die ersten Schaulustigen auf dem Flur. Dutzende mussten draußen bleiben. Die Kapitolspolizei setzte zusätzliche Beamte ein, aus Angst vor Protesten und Randale. Reporter mussten sich namentlich anmelden.

"Bitte wahren Sie Ordnung und Etikette", warnte King das aufgeheizte Publikum, als er die Anhörung mit drei Hammerschlägen eröffnete. Kritikern seines forschen Vorgehens warf er "Hysterie" vor. Die USA würden durch radikale Elemente in der muslimischen Gemeinschaft bedroht: "Diese Gefahr ist real und ernst."

Bennie Thomson, der Top-Demokrat im Ausschuss, widersprach ihm sofort. Muslime dürften nicht pauschal ausgegrenzt werden - Terrorgefahr drohe den USA von vielen anderen Gesellschaftsgruppen, zum Beispiel vom rassistischen Ku-Klux-Klan.

Seltsam beliebige Zeugenliste

Die Frage der Radikalisierung von Muslimen in den USA - oder anderswo - ist von Natur aus ein Seiltanz. Sie zu thematisieren bedarf Fingerspitzengefühl, Erfahrung und politische Bescheidenheit. Fast nichts davon war im Ausschuss zu spüren.

Wenig hilfreich war, dass Peter King selbst einmal lange mit einer Terrorgruppe assoziiert war - der IRA, die er in den achtziger Jahren unterstützte: "Die IRA hat die USA nie angegriffen", rechtfertigte er das am Dienstag in der "New York Times".

Ebenso wenig hilfreich war die seltsam beliebige Zeugenliste: Neben Ellison waren der Demokrat John Dingell geladen (ein Katholik), der Republikaner Frank Wolf (ein Presbyterianer), Lee Baca, der Sheriff von Los Angeles (ein Katholik) und der Reiseveranstalter Melvin Bledsoe (ein Baptist), dessen Sohn zum Fanatiker wurde. Die einzigen anderen Muslime waren Zuhdi Jasser, der Präsident des American Islamic Forum for Democracy, und Abdirizak Bihi, der Direktor des Somali Education and Social Advocacy Centers, dessen Enkel in einem Terrorlager in Afrika umkam.

Kein Vertreter einer Moschee, einer Gemeinde oder einer größeren Muslimgruppe. Kein Vertreter der Regierung. Kein Vertreter des FBI oder anderer Behörden, die Statistiken über die Radikalisierung der US-Gesellschaft führen.

Nichts gegen die Zeugen, polterte die Demokratin Sheila Jackson-Lee und wedelte heftig mit einer Kopie der US-Verfassung. Aber deren Berichte seien "anekdotisch" und dienten nur, "eine ganze Bevölkerungsgruppe zu dämonisieren".

Diese Berichte gingen in der Tat zwar oft ans Herz, erhellten die komplexen Mechanismus der Radikalisierung jedoch keineswegs. Statt dessen wühlten sie die Nerven erneut auf.

"Wir versagen"

Der Afroamerikaner Bledsoe ergriff, Goldkreuz über der Krawatte, das Wort, "um dem Land zu erzählen, was meinem Sohn widerfahren ist". Carlos Bledsoe war im College zum Islam übergetreten ("Gehirnwäsche", so der Vater), hatte sich dann Abdul Hakim Muhammad genannt und war schließlich im Jemen verschwunden.

Im Juni 2009 tauchte er wieder auf, als er ein Rekrutierzentrum in Arkansas betrat und mit einem halbautomatischen Gewehr einen US-Soldaten erschoss und einen weiteren verletzte. Anschließend bekannte er sich als al-Qaida-Mitglied.

Bledsoe zeigte sich immer noch fassungslos, dass sein einziger Sohn zum Terrorist geworden ist. "Gott helfe uns", murmelte er, während Familienfotos des kleinen Carlos über eine Leinwand im Sitzungssaal flimmerten. "Gott helfe uns."

Abdirizak Bihi beschrieb die Probleme der muslimisch-somalischen Gemeinschaft in den USA: Sie fühlten sich von beiden Seiten unter Druck gesetzt, den US-Mitbürgern wie den Muslimen. Sein Neffe Burhan Hassan habe eigentlich in Harvard studieren wollen, sei aber von der Extremistengruppe Al Shabab nach Somalia gelockt worden. Dort sei er umgekommen - im Alter von 18. "Wir müssen uns der Radikalisierung unserer Jugend entgegenstellen", flehte Bihi in die Kameras.

Als einziger Entsandter einer Muslimgruppe warf Zuhdi Jasser seinen Glaubensbrüdern vor, die "Augen zu verschließen und so zu tun", als gebe es kein Problem. "Wir versagen."

Der Council on American-Islamic Relations (CAIR), die größte islamische Bürgerrechtsbewegung der USA, war bei der Anhörung nicht vertreten, geisterte jedoch prominent durch die Fragen und Antworten. Die Republikaner rückten sie immer wieder in Nähe radikaler Gruppen und hielten ihr vor, die Kooperation mit dem FBI zu verweigern.

Der einzige Zeuge, der Klarheit brachte, war Sheriff Baca, der von den Demokraten einbestellt worden war und in Los Angeles für seine guten Kontakte zu Muslimen bekannt ist. Er warnte entschieden davor, eine ganze Religionsgemeinschaft "auszusondern": "Das spielt der Propaganda der Terroristen in die Hände." Auch wandte er sich gegen die Annahme, "eine besondere Gruppe sei anfälliger für Radikalisierung als andere". Die überwiegende Mehrheit der Terrorpläne, die aufgedeckt würden, gingen auf "non-muslimische" Täter zurück.

"Diese Anhörung war einfacher, als ich gedacht hatte", freute sich King nach knapp viereinhalb Stunden selbstgefällig. Er will bald die nächste einberufen.

insgesamt 92 Beiträge
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Baracke Osama, 11.03.2011
1. --
Zitat von sysopAmerikanische Konservative warnen vor einer Welle fanatischer*Islam-Anhänger, Demokraten wittern eine "Hexenjagd": Bei einer*Kongressanhörung knallte es zwischen beiden Lagern - mittendrin ein muslimischer Abgeordneter. Die Sitzung geriet*zum gefühlsgeladenen Spektakel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750221,00.html
Es lebe die moderne Inquisition!
Plumplori 11.03.2011
2. Das Niveau sinkt ins Bodenlose
Politiker beiderseits des Atlantiks senken das Niveau zur Zeit ins Bodenlose; ein erschreckender Trend. Denn hier geht es nicht um reale Probleme, sondern um Stimmungsmache und Ablenkung. Nach dem Motto: Erst lenken wir die Aufmerksamkeit der Bürger auf ein kontroverses Thema und hintenrum verkaufen wir sie. Das ist wirklich schlimm. Es bedeutet nämlich nicht mehr und nicht weniger das Ende von Aufklärung, humanistischen Grundrechten und einer perspektivreichen Zukunft. Ja, all das und noch mehr wird von der Politik gerade verraten und verscherbelt, weil unsere demokratischen Politiker zu feige sind den Tatsachen in die Augen zu sehen und entsprechende Reformen einzuleiten. Natürlich sind die Widerstände riesig, aber es muss klar sein, dass wir so nicht weitermachen können. Nach uns die Sintflut ist keine Option!
herzogwidukind, 11.03.2011
3. Der Islam gehört nicht zum Westen
Der Islam hat nun mal in unserer westlichen Gesellschaft nichts zu suchen - er ist und bleibt unvereinbar mit unserer Verfassung. Das ist zweifelslos belegbar. Moslems kennen den Unterschied zwischen einem "Islamisten" und einem Muslim nicht. Nicht ohne Grund gibt es nie einen Aufschrei von Muslimen bei Terroranschlägen. Ich denke, der Islam gehört in westlichen Staaten verboten und darf nicht mehr durch die Religionsfreiheit geschützt werden, da er keine Religion, sondern eine geopolitische Ideologie mit faschistischen Zügen ist. Soviel Rückständigkeit und Intoleranz wie sich im Islam finden lässt (selbst die Sklaverei wird dort gut geheißen im Islam und nur auf westlichen Druck hin abgeschafft, in einigen Islamischen Ländern sogar erst 1980!) hat in unserer Gesellschaft einfach keinen Platz. Ich verstehe absolut nicht, wo das Problem liegt, kein Muslim wird gezwungen hier zu leben und sich mit Kopftuchberboten und Minarettbauverboten rumzuschlagen, die Tür Saudi Arabiens steht immer offen für Leute die meinen das sei der Weg, den die Welt einschlagen soll. Bitte, schlagen Sie den Weg ein, aber eben nicht bei uns.
DoenerMan, 11.03.2011
4. ...
Zitat von sysopAmerikanische Konservative warnen vor einer Welle fanatischer*Islam-Anhänger, Demokraten wittern eine "Hexenjagd": Bei einer*Kongressanhörung knallte es zwischen beiden Lagern - mittendrin ein muslimischer Abgeordneter. Die Sitzung geriet*zum gefühlsgeladenen Spektakel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750221,00.html
Es geht schon lange nicht mehr um Sachlichkeit. Es geht sogar so weit, dass ein ganzes Landesparlament sich mit dem Burkaverbot beschäftigt und ein Verbot erlässt, in einem Bundesland, in dem es keine Burkaträgerinnen gibt :) Muss man da noch viel sagen? Meines Erachtens ein Fall für den Bund der Steuerzahler. Vielleicht kommt ja noch einer auf die Idee, das Kopftuch als Vorstufe zur Burka zu sehen. Das Präfix "Präventiv-" ist seit einigen Jahren in Mode. Den Bart sollten wir ebenfalls aus der Öffentlichkeit verbannen, denn erstaunlich viele Terroristen tragen einen Bart. Da Milchmädchenrechnungen im Umgang mit der Thematik als allgemein akzeptierte Forschungsergebnisse gelten, könnte man schließen, dass der Bart an sich zur Radikalisierung des Menschen führen könnte :))) Dass unsere Freiheiten den Bach hinunterfließen, weil "Terrorfrüherkennungsmaßnahmen" von Finanzämtern und Co. mehr zum Aufsuchen von Steuersündern genutzt werden, als für das, wofür sie gedacht waren, scheint kaum jemanden zu interessieren. Äußerst schade finde ich den Respekt- und Toleranzverlust ... Niemand kann und darf etwas gegen ernstgemeinte Kritik haben. Davon sind wir aber oftmals weit entfernt.
openyoureyes 11.03.2011
5. unsere Freiheit wird verkauft
wie mein Vorschreiber Plumplori schon richtig angemerkt hat: hier geht es vor allem darum Wählerstimmen zu gewinnen, von den wichtigen Themen abzulenken (wie kann es z.B. sein, dass Dtl. jedes Jahr Mrd. € Schulden macht, den Banken Geld bezahlt, während die Banker fette Boni einstreichen, dagegen müsste man auf die Straße gehen, die ach so schlimmen Hartz-4-Leute sind dagegen ein deutlich geringeres finanzielles Problem)und der Deutschen Zukunftsängste in einen Tunnel zu leiten, der sich "Hilfe, der böse Islam!" nennt. So sind die Massen doch deutlich besser zu bestimmen, als wenn jeder mal vernünftig über sich und seine Umwelt nachdenken würde. Klar gibt es Probleme mit vielen Migranten und deren deutschen Kindern(unter denen auch viele Muslime sind), doch anstatt sie auszugrenzen, sollte man sie zum Zusammenleben einladen, was nicht heißt, dass sie ihre Religion und Kultur vernachlässigen müssen. Dass das funktioniert kann man an vielen Beispielen sehen. Doch wenn man nur über und nicht mit bestimmten Teilen dieser Gesellschaft spricht, dann führt das zu Abgrenzung und weiterführend auch zu Extremen jeglicher Arten. Deshalb: geht auf die Leute zu, sprecht mit ihnen, ja, warum ladet man seine (türkischen/arabischen/muslimischen, aber auch deutschen) Nachbarn nicht mal zum Kuchen ein? Man wird schnell feststellen, dass man sich eigentlich gar nicht so fremd ist. Man darf sich die Welt nicht diktieren lassen, man muss sie selbst schreiben.
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