Griechischer Wahlsieger Samaras Wendehals und Hoffnungsträger

Der nächste Regierungschef in Griechenland heißt wohl Antonis Samaras. Das Ausland hofft, dass er eine Koalition aus Euro-Befürwortern anführt. Dabei hat er die Sparprogramme bis vor kurzem noch vehement abgelehnt.

Aus Athen berichtet

REUTERS

Das mit dem Lächeln muss er noch üben. Wenn ihm gerade keine Kamera ins Gesicht gehalten wird, verrutscht es Antonis Samaras mehrfach auf diesen letzten Metern ins Zappeion, dem Pressezentrum der Parlamentswahl. Vielleicht ist es schon die Last der Aufgabe, die den Chef der konservativen Nea Dimokratia drückt. Vielleicht wundert er sich auch einfach über seine neue Rolle. Als wahrscheinlicher neuer Premierminister soll Samaras Griechenland auf Sparkurs halten und so eine weitere Eskalation der Euro-Krise verhindern. Ausgerechnet er.

"Wir werden die Sparverpflichtungen einhalten", sagt Samaras gleich zu Beginn seiner kurzen Ansprache. Das ist keine selbstverständliche Aussage. Noch vor wenigen Monaten wehrte er sich strikt gegen die Programme, auch der wütende Protest von Konservativen in anderen Ländern konnte ihn lange nicht davon abbringen. Als Samaras seine Meinung schließlich doch änderte, war die Häme über den Wendehals groß.

Aber so ist das in der Griechenland-Krise, die Europa seit mittlerweile zweieinhalb Jahren in Atem hält: Vom Bösewicht zum Hoffnungsträger kann es ein ziemlich kurzer Weg sein. Berechenbar ist die Politik des Landes nur sehr begrenzt - daran dürfte auch ein Wahlsieger Samaras nichts ändern.

Denn der Wahlabend hat gezeigt, dass das Land politisch weiterhin tief gespalten ist. Als um 19 Uhr Ortszeit die Wahllokale schließen und unmittelbar danach die ersten Hochrechnungen erscheinen, weiß keiner so recht, was passiert ist. Selbst der CNN-Haudegen Richard Quest steht ziemlich verloren vor der Akropolis und verschluckt sich am Nachnamen von Pasok-Chef Venizelos.

Vom Bösewicht zum Hoffnungsträger

So nah liegen die Konservativen und das Linksbündnis Syriza, dass zunächst alles möglich scheint: Eine Koalition der Sparwilligen unter ND-Führung, ein von Syriza angeführtes Anti-Sparbündnis und selbst Neuwahlen - es wären die dritten innerhalb weniger Wochen.

Als sich in den nächsten Stunden abzeichnet, dass es doch für Samaras reichen dürfte, ist in Europas Regierungszentralen wohl mancher Stoßseufzer zu hören. Vor allem Deutschland wollten auf jeden Fall einen Sieg von Syriza-Chef Alexis Tsipras verhindern, dafür missachtete die Bundesregierung auch die vor Wahlen übliche diplomatische Zurückhaltung. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) polterte am Samstag, es könne nicht sein, dass die griechischen Spargegner "jeden anderen am Nasenring durch die Manege führen". Und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) erklärte noch während die Stimmen ausgezählt wurden, man könne "niemanden, der gehen will, halten."

Samaras als der Verantwortungsvolle und Tsipras als der gefährliche Euro-Gegner: Mit dieser Interpretation konnten viele Griechen nie etwas anfangen. Den jungen Linkenführer verbanden sie mit einem Bruch mit den verfilzten Politikdynastien des Landes. Dass Tsipras nicht zu diesen gehört, demonstrierte schon seine Stimmabgabe am Morgen. Während etwa die Familie von Ex-Premier Georgios Papandreou ein Anwesen auf einem Hügel außerhalb von Athen besitzt, lebt Tsipras im Einwandererviertel Kypseli. Das ist das griechische Wort für Bienenstock, und so sieht es in den steilen Straßen des Bezirks auch aus - einst war Kypseli sogar dichter besiedelt als Tokio.

Als Tsipras in einer Schule in Kypseli unter enormen Presseandrang seine Stimme abgibt, brechen seine Anhänger in Sprechchöre aus. "Die Griechen werden Geschichte schreiben, nichts bleibt wie es war", jubeln sie.

Dass sich die Dinge auch unter ihm ändern werden, muss Samaras den Griechen jetzt beweisen. Für viele symbolisiert er das alte System, so wie sie auch schon in Papandreou nie den Hoffnungsträger sahen, den das Ausland in ihm erkannte. Vangelis Skamagas, der am Sonntag im Arbeiterviertel Egaleo abstimmt, versteht die Welt nicht mehr. "Jeder dachte, die Griechen wollten diesen korrupten Staat", sagt der 49-Jährige. "Und jetzt, nachdem wir im Mai gegen die Korruption gestimmt haben, sollen wir Samaras wählen?"

Bei seinem ersten Auftritt jedenfalls verspricht Samaras den Wandel. Kurz ist seine Ansprache auf Griechisch und Englisch, keine Viertelstunde lang. So als wollte Samaras möglichst schnell an die Arbeit. Und tatsächlich sagt er: "Wir haben keine Zeit zu verlieren und keine Zeit für Parteipolitik."

Dabei schien Samaras die Sparprogramme nur deshalb abzulehnen, um die Pasok von der Macht zu verdrängen. Nun, da das gelungen ist, versucht die Pasok wiederum Syriza einen Teil des Volkszorns aufzubürden. Man werde nur zusammen mit dem Linksbündnis mit der ND koalieren, heißt es zunächst. Doch schon in den ersten Stunden rücken Parteivertreter von dieser Haltung ab. Syriza-Chef Tsipras wiederum bedankt sich bei den Anhängern für die "interessante Reise" der letzten Monate. Doch die Partei macht auch umgehend klar: Selbst wenn die ND den Auftrag zur Regierungsbildung weiterreichen sollte: Syriza wird ablehnen.

Syriza wählt also die Fundamentalopposition. Der ND dagegen könnte bevorstehen, was die Pasok schon hinter sich hat: die Strafe für ihr Festhalten am Sparkurs. Zwar hat auch Samaras Nachverhandlungen der Sparprogramme gefordert, in den ersten Stunden nach dem Sieg ist davon aber nichts mehr zu hören.

Also wer verhilft der ND am Ende zur Mehrheit? Falls die Pasok sich doch verweigert, könnten es die rechtslastigen Unabhängigen Griechen sein oder die gemäßigte demokratische Linke. Und falls beide abwinken wäre theoretisch noch ein Tabubruch möglich: Eine Koalition mit der neofaschistischen Chrysi Avgi.

Der Angriff von Chrysi-Avgi-Sprecher Ilias Kasidiaris auf eine Linken-Abgeordnete im Fernsehen markierte den Tiefpunkt des Wahlkampfs. Doch auch nach der Wahl machen die Rechten Schlagzeilen: In Piräus kommt es am späten Samstagabend zu Prügeleien mit Syriza-Anhängern. Angesichts der zunehmenden Kluft zwischen links und rechts rettet sich mancher in Galgenhumor. Auf Twitter empfiehlt @redDuckling, die Vorschriften für Autofahrer der verkehrsüberlasteten Hauptstadt Athen auch in der Politik anzuwenden: "An geraden Tagen ist Samaras Premierminister, an ungeraden Tsipras, und zum Fußball diesen Freitag schicken wir Kasidiaris, um Merkel zu treffen."

Mitarbeit: Lamprini Thoma

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insgesamt 38 Beiträge
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rolandjulius 18.06.2012
1. Das griechische Drama geht weiter.
Na endlich Frau Merkel, jetzt haben Sie einen Gespraechs- Partner. Aber bitte aufgepasst, damit die neue Option nicht die Spree hinunter schwimmt und das Griechische Drama am Ende die ganze Union versauert.
derpublizist 18.06.2012
2. Die Gleichen am Drücker
Es sind wieder die gleichen korrupten Ganoven am Drücker, die den Griechen den ganzen Schlamassel eingebrockt haben. Mit der Intelligenz der Wähler dort scheint es nicht sonderlich zu stehen, sonst hätten sie nicht wieder ihre eigenen Metzger gewählt.
ton.reg 18.06.2012
3. Drehbuch
Im Weitern wird die Troika (Prüfer der Strukturreformsfortschitte) feststellen, dass Griechenland keinerlei Erfolge verzeichenen wird. Der IWF verweigert weitere Zahlungen. Die Eurostaaten (Frankreich) erkennen ein Probem (Megainvolvierung der FR-Banken) und erpressen eine weichgeschossene deutsche Regierung (Wiedervereinigung, WK II, Euroschmarotzer usw.) dass Griechenland alternativlos weiter mit Eurobonds "auf dem richtigen Schmarotzerniveau" gehalten werden muss. Auf diesem Erpresserniveau wird Deutschland eine Merkelwende erleben und alle sind glücklich. Das schuldenfinanzierte Wachstumsprogramm wird ein Stohfeuer entfachen (die Staatverschuldungen wachsen weiter) bis die französischen Banken ihre Bilanzen mit vergemeinschafteten EZB-Bürgschaften gerettet haben. Dann ist Zahltag.
playmec 18.06.2012
4. die Griechen sind nicht dooooof
die Griechen sind nicht dooooof, aber der Rest der EU, sie wollen natürlich noch viel Male weitere Milliarden. So kann man auch auf Pump weiter leben, auf Pump den man nie zurück zahlen muss.
Thomasius111 18.06.2012
5. Also bleibt alles beim Alten
Zitat von sysopAFPDer nächste Regierungschef in Griechenland heißt wohl Antonis Samaras. Das Ausland hofft, dass er eine Koalition aus Euro-Befürwortern anführt. Dabei hat er die Sparprogramme bis vor kurzem noch vehement abgelehnt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,839420,00.html
Die wirklichen Reformen werden weiter hinausgezögert. Aber niemand in der EU wird sich darüber aufregen, da der Neue (Alte) geschont werden muss. So kann man dem deutschen Volk weiterhin Zahlungen in den Rettungsschirm als unabdingbar verkaufen.
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