Russinnen und ausländische Fans Russlands bizarrste WM-Diskussion

Sind Russinnen zu freizügig im Kontakt mit ausländischen Fans? In den sozialen Netzwerken des Landes tobt darüber eine wilde Debatte. Viele Frauen wiederum stellen die einheimischen Männer an den Pranger.

Fans von Russland und Brasilien in Moskau
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Fans von Russland und Brasilien in Moskau

Von Maxim Kireev, Sankt Petersburg


Ein Sieg von Russland am Sonntag im Achtelfinale gegen Spanien wäre eine Sensation. Wenn es jedoch einen Pokal für die schrägste WM-Diskussion gäbe, wäre der Gastgeber derzeit ein Top-Favorit. Seit einigen Tagen toben in Russlands sozialen Netzwerken wütende Debatten darum, ob russische Frauen zu freizügig im Umgang mit ausländischen WM-Gästen seien. Schnell war von einer "Schande für das Land" die Rede: Russische Frauen würden schon beim Klang einer ausländischen Sprache ihre Beine spreizen, hieß es da.

Vor allem die zahlreichen Selfies mit den für Russland exotischen Fans, die die Russinnen im Netz posten, brachten den Stein ins Rollen. Ein Video zeigte auch einen mutmaßlich polnischen Fan im intimen Kontakt mit einer betrunkenen Russin, am Tag und mitten in der Stadt. Was als digitale Stammtischdiskussion begann, fand seinen Weg in die Realität.

Schon kursieren im Netz Handyvideos, in denen junge Männer Russinnen anpöbeln, weil sie in Begleitung von Fans aus anderen Ländern sind. Andere junge Frauen berichten davon, dass sie von Neonazis im Netz mit Hass-Nachrichten bombardiert wurden, nachdem sie ein harmloses Küsschen-Foto von sich und einem Fan aus Brasilien posteten.

Den vorläufigen Höhepunkt lieferte der russisch-ukrainische Schriftsteller Platon Besedin mit einer Kolumne, die den Titel "Zeit der Nutten" trug. Sie wurde in der "Moskowskij Komsomolez" veröffentlicht, einer der populärsten Boulevardzeitungen des Landes. Besedin wirft darin den Russinnen vor, sich wie Prostituierte zu benehmen. Das Ganze sei auch ein Symptom für den Werteverfall der russischen Gesellschaft, in der für Geld alles zu haben sei.

Die Antwort der Frauen ließ nicht lange auf sich warten. Die populäre Bloggerin Lena Miro rief die Russinnen auf, zu ihren männlichen Landsleuten Nein zu sagen. Denn die Ausländer seien beim Kontakt mit Frauen viel gepflegter und aufmerksamer als einheimische Männer. VK, Russlands größtes soziales Netzwerk, kündigte an, Gruppen zu sperren, in denen Frauen wegen ihres vermeintlich offenen Umgangs mit Ausländern angeprangert werden.

Die meisten Russinnen sind ohnehin überzeugt, dass der Hype eher auf der Fantasie einiger weniger Männer beruht und mit der Realität nur wenig zu tun hat.



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