Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Washington - Es geht - natürlich - um den Scheiterhaufen, und Robert Gibbs zieht ein Gesicht, als müsse er selber drauf. Der Sprecher von US-Präsident Barack Obama steht vor Journalisten im Weißen Haus, er will über die Wirtschaftslage reden, über die vielen schönen, neuen Jobinitiativen der Regierung. Gibbs weiß, dass die Amerikaner vor allem um ihren Arbeitsplatz bangen, acht Wochen vor den Kongresswahlen, bei denen der Präsidentenpartei ein Debakel droht.
Doch die Fragen kreisen immer wieder um die Flammen, um die Pläne des schnauzbärtigen "Psycho-Predigers" Terry Jones aus Gainesville, Florida. Jones hat angekündigt, einen ganzen Tag lang Exemplare des Koran, für ihn ein "Werk des Teufels", auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Direkt vor dem winzigen Gotteshaus seiner 50-Seelen-Gemeinde soll die heilige Schrift der Muslime in Flammen aufgehen, im Schatten des Kreuzes. Ausgerechnet am 11. September, dem nationalen Gedenktag an die schlimmste Terrorattacke auf amerikanischem Boden.
Ob Obama selber den störrischen Pastor anrufen und zum Einlenken bewegen werde, wollen die Reporter wissen. Ermittelt das FBI bereits? Und: Schadet die geplante Verbrennung womöglich Obamas Bemühungen, Amerika in der islamischen Welt wieder beliebter zu machen?
Gibbs seufzt. Was soll er dazu sagen? "Ich glaube, daran gibt es keinen Zweifel", sagt er schließlich. Es klingt wie: Na, helfen wird diese Aktion bestimmt nicht.
Alptraum für Obamas Strategen
Ein obskurer Pfarrer hat den mächtigen Wahlkampfapparat des Weißen Hauses fast im Alleingang lahmgelegt - die neue Muslimkontroverse mit ihren weltweiten Schlagzeilen ist für Obamas Strategen ein echter Alptraum.
So oder so, für Obama sind die drohenden Koran-Flammen ein neues Problem - und heizen so dessen Krise weiter an.
Der begnadete Wahlkämpfer will nämlich schon seit Wochen endlich richtig angreifen. Doch irgendwas kommt immer dazwischen: Erst musste er sich mit den Nachwehen der Ölkatastrophe am Golf herumschlagen, dann an die Opfer des Hurrikan Katrina erinnern. Den Irak-Abzug galt es zu verkünden, später stand noch ein neuer Anlauf für Frieden im Nahen Osten auf dem Programm.
Gefährliche Debatten
Die Abgeordneten seiner Partei möchten den Präsidenten endlich nur noch über Jobs reden hören. "Aber er lässt sich immer wieder aus dem Rhythmus bringen", klagt ein ranghoher Demokrat.
Dabei sagen alle Umfragen voraus, dass die miese Joblage den US-Wählern am wichtigsten ist. Weniger als 40 Prozent der Amerikaner sind noch mit Obamas Wirtschaftskurs zufrieden. Der Opposition scheinen die Bush-Sünden schon verziehen. Viele halten die Republikaner nun wieder für kompetenter, wenn es ums Haushalten geht.
Die neuen Koran-Debatten sind besonders gefährlich für das Weiße Haus. Wenig fürchtet man dort mehr, als Diskussionen, die auch nur entfernt mit dem Islam zu tun haben. Über 20 Prozent der Amerikaner glauben, dass der Christ Obama in Wahrheit ein Muslim ist - und lassen wenig Zweifel daran, dass sie das für keine gute Sache halten. Die Zahl ist höher als im Wahlkampf, obwohl die US-Bürger ihren Oberbefehlshaber doch jetzt viel besser kennen sollten.
Barack Hussein Obama, der volle Name des Präsidenten, ist bei seinen Gegnern wieder schwer in Mode. Sie wissen genau: Ihre Zuhörer jubeln, wenn er fällt.
Deswegen tasteten sich Obamas Strategen so vorsichtig an die Koran-Kontroverse heran. Zunächst machte Afghanistan-Oberbefehlshaber David Petraeus Stimmung gegen die geplante Verbrennung, dann Außenministerin Hillary Clinton, Justizminister Eric Holder und andere.
Erst als es gar nicht mehr anders ging, meldete sich der Präsident selbst zu Wort, er nannte den Plan des Pastors "ein perfektes Rekrutierungsinstrument für al-Qaida". Leben von Amerikanern auf der ganzen Welt gerieten dadurch in Gefahr.
Doch Obama blieb auf der Hut. Den Pastor selber anrufen, das wollte er nicht. Verteidigungsminister Robert Gates übernahm diese Aufgabe.
Obama meidet 9/11-Gedenkfeier
Zu muslimfreundlich mochte sich der Präsident wohl lieber nicht präsentieren. Das Weiße Haus hat die Kontroverse um das geplante Gemeindezentrum nahe Ground Zero vor einigen Wochen nicht vergessen. Obama schien Verständnis für deren Bau anzumelden. Sofort kochten wilde Proteste hoch. Kleinlaut ruderte der Demokrat zurück.
Der konservative TV-Haudegen Bill O'Reilly hat ihm das nicht verziehen: "Warum protestiert der Präsident jetzt gegen die Verbrennung, aber damals nicht gegen den Bau der Moschee?" Als Vorwurf klingt unüberhörbar mit: Für Muslime kann der Präsident sich einsetzen. Aber für die Opfer vom 11. September nicht.
Der Gedenktag an den Terror, einst Symbol für Amerikas Einheit, ist zum politischen Schlachtfest verkommen. Vor zwei Jahren sprach Obama noch gemeinsam mit seinem republikanischen Herausforderer John McCain an Ground Zero. Der Wahlkampf musste 24 Stunden lang ruhen.
Jetzt lassen Obamas Berater ihn nicht mal mehr zur Gedenkfeier nach New York fahren. Sie wollen nicht wieder an der Moscheekontroverse rühren. Und wohl noch weniger Psycho-Prediger Jones begegnen, wenn der vor Fernsehkameras in Manhattan posiert.
Außenministerin Hillary Clinton rätselt öffentlich, wie die Hassbotschaft des schrulligen Außenseiters aus Florida mit seiner Handvoll Anhängern ein solches Echo finden konnte. "Aber das ist die Welt, in der wir leben", seufzt sie.
Obamas Problem ist, dass in der Welt auch gewählt wird.
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