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Augenzeugin Inna Schewtschenko: "Wir müssen Ideen feiern, zeichnen, schreiben, lachen"

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Als die Schüsse auf das Kulturcafé in Kopenhagen fielen, war Inna Schewtschenko im Saal. Die Femen-Aktivistin konnte fliehen. Im Interview spricht sie über die gefährlichen Minuten und darüber, dass sich viel zu wenige trauen, ihre Meinung zu sagen.

Inna Schewtschenko: Femen-Aktivistin aus der Ukraine Fotos
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    Inna Schewtschenko, 24, ist Aktivistin der ukrainischen feministischen Gruppe Femen. Bei einem Protest in Minsk im Dezember 2011 wurde sie vom weißrussischen Geheimdienst verhaftet und misshandelt. 2012 fällte sie ein großes Kreuz im Kiewer Zentrum als Solidaritätsaktion für Pussy Riot. Seit April 2013 wird ihr in Frankreich politisches Asyl gewährt.

    Kurz nach den Anschlägen in Kopenhagen sprach sie via Skype mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schewtschenko, stimmt es, dass Sie in dem Kopenhagener Kulturcafé gerade Ihren Vortrag über freie Meinungsäußerung begonnen hatten, als die Schüsse fielen?

Schewtschenko: Ja, ich hatte vielleicht drei Minuten geredet, als es anfing. Ich saß neben Lars Vilks und der Organisatorin der Diskussionsrunde auf dem Podium. Der Saal war nicht ganz voll, im Publikum waren vielleicht 40 Menschen. Ich sagte gerade, dass es eine Illusion sei, dass in Europa jeder seine freie Meinung sagen darf. Ich sagte: "Es gilt das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber..." - und beim Wort "aber" fiel der erste Schuss.

SPIEGEL ONLINE: Wie wäre der Satz weitergegangen?

Schewtschenko: Ich wollte sagen, dass sich trotz des Rechts auf freie Meinungsäußerung nur wenige trauen, ihre Meinung zu sagen. "Charlie Hebdo", Lars Vilks, Femen - wir alle wären keine Angriffsziele, wenn wir nicht allein in diesem Kampf wären. Wenn alle aufstehen würden, sähe die Welt anders aus. Das sollte der Kern meines Vortrags sein: Statt über freie Meinungsäußerung zu reden, sollten wir frei unsere Meinung sagen.

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SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann in dem Kulturcafé?

Schewtschenko: Es war unglaublich laut, die Schüsse schienen aus nächster Nähe zu kommen. Für einen kurzen Moment war es ganz still im Raum, und niemand hat sich gerührt. Ich glaube, die meisten haben gedacht, es wäre ein Feuerwerk.

SPIEGEL ONLINE: Und was haben Sie gedacht?

Schewtschenko: Mir war sofort klar, dass es Schüsse sind. In gewisser Weise war ich darauf vorbereitet. Ich werde ständig bedroht, und mir war klar, dass so was jederzeit passieren kann. Ich bin sofort aufgesprungen und habe unter der Bühne Schutz gesucht. Erst da haben die anderen realisiert, was los ist, und auf einmal sind alle gerannt, haben sich auf den Boden gelegt oder versteckt. Einer der Organisatoren hat die Hintertür geöffnet, und viele sind raus auf die Straße gerannt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gemacht?

Schewtschenko: Ich bin unter der Bühne geblieben. Dann hat mich auf einmal einer der dänischen Journalisten am Arm gepackt und gesagt: Komm raus, wir müssen rennen. Zusammen sind wir dann durch den Hinterausgang raus und in eines der Nachbarhäuser. Dort hat uns jemand die Tür aufgemacht und in seine Wohnung reingelassen. Wir gingen auf den Balkon, und draußen war es auf einmal ganz eigenartig still. Menschen sind mit ihren Einkäufen die Straße hinuntergelaufen, als ob nichts wäre. Ich dachte, wahrscheinlich waren das doch keine Schüsse und es ist gar nichts passiert.

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SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie erfahren, dass bei der Schießerei ein Mensch ums Leben gekommen ist?

Schewtschenko: Vom Balkon aus sahen wir einen Mann aus dem Publikum auf der Straße und winkten ihn zu uns rauf. Er war nicht im Saal gewesen, als es losging, sondern draußen. Ich weiß auch nicht warum. Jedenfalls sagte er uns, dass er alles gesehen habe. Dass Polizisten angeschossen worden sind und ein Mann tot auf der Straße lag.

Inna unterbricht das Skype-Interview, um den Anruf eines Freundes auf dem Handy entgegenzunehmen. "Es geht mir gut", sagt sie. "Ich fühle mich gut, aber anders. Ich zittere nicht, ich habe das irgendwie erwartet. Mach dir keine Sorgen. Nein, du brauchst nicht vorbeikommen. Ich bin nicht alleine. Ich sitze hier vor meinem Computer und rede mit der ganzen Welt."

Schewtschenko: Entschuldigung. Das war ein Freund, der mir helfen will, meinen Pass wiederzukriegen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn mit Ihrem Pass passiert?

Schewtschenko: Den hat die Polizei einbehalten, im Zuge der Ermittlungen. Ich sitze jetzt in Kopenhagen fest.

SPIEGEL ONLINE: Wann wollten Sie denn zurückfliegen?

Schewtschenko: Mein Flug nach Paris geht in vier Stunden. Aber den werde ich nicht kriegen. Ich bleibe erst mal hier.

SPIEGEL ONLINE: Und was haben Sie als Nächstes vor?

Schewtschenko: Ich weiß es nicht. Da stehen jetzt so viele Fragen im Raum: Wie bleibt man am Leben? Wie schafft man es, ihr Spiel nicht mitzuspielen und nicht aufzugeben? Eine Frau, die im Publikum saß und mit mir zusammen die halbe Nacht auf der Polizeistation verbracht hat, wollte lustig sein. Aber was sie gesagt hat, war gar nicht lustig. Sie sagte: Und? In welchem Land wollen Sie jetzt Asyl beantragen?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst?

Schewtschenko: Nein. Angst wird niemandem das Leben retten. Wir müssen jetzt kämpfen, und zwar, indem wir genau dort weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben: Wir müssen Ideen feiern, uns zu Diskussionsrunden treffen, zeichnen, schreiben, lachen.

Wir erleben gerade zwei Kriege: einen territorialen, den die Ukraine und Russland führen, und einen, bei dem es um Ideen geht. In diesem Krieg gibt es nur zwei Möglichkeiten: die oder wir. Ich will, dass wir gewinnen. Und dass können wir nur, wenn wir laut und mutig sind. Die andere Seite ist sehr laut. Wir müssen noch lauter sein.

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