Anschläge in Kopenhagen Polizei nimmt mehrere Männer in Internetcafé fest 

Der mutmaßliche Attentäter von Kopenhagen ist tot - und die Suche nach seinem Motiv und möglichen Unterstützern beginnt. Im Stadtteil Nørrebro hat die Polizei mehrere Männer festgenommen.


Kopenhagen - Nach dem Terroranschlag in Kopenhagen hat die dänische Polizei Medienberichten zufolge mehrere Personen festgenommen. Vier Männer seien mit Handschellen aus einem Internetcafé abgeführt worden, berichten "Ekstra Bladet" und andere Medien. Der Fernsehsender TV 2 spricht von mindestens zwei Männern. Die Aktion stehe im Zusammenhang mit den aktuellen Ermittlungen, sagte der Pressesprecher der dänischen Polizei dem Sender "Danmarks Radio". In der Nähe des Internetcafés im Stadtbezirk Nørrebro ist der mutmaßliche Attentäter am Sonntag erschossen worden.

Am Samstag und Sonntag sind bei zwei Anschlägen auf ein Kulturcafé und eine Synagoge zwei Menschen ums Leben gekommen, mehrere Polizisten wurden dabei verletzt. Im Café Krudttønden fand zu der Zeit eine Diskussionsveranstaltung über Meinungsfreiheit statt, an der auch die ukrainische Femen-Aktivistin Inna Schwetschenko und der schwedische Künstler Lars Vilks teilnahmen. Vilks wird seit Jahren von muslimischen Extremisten bedroht - die Polizei vermutet, dass der Anschlag ihm galt.

Der mutmaßliche Attentäter war bei einem Schusswechsel gegen 5 Uhr am Sonntagmorgen vor seinem Wohnort getötet worden. (Mehr über den zeitlichen Ablauf lesen Sie hier.) Er habe zwei Pistolen bei sich getragen, teilte die Polizei Sonntagabend mit. Nach dem Anschlag war sie zunächst davon ausgegangen, dass ein Einzeltäter das Attentat verübt hat.

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Mutmaßlicher Doppel-Anschlag: Kopenhagen unter Schock

Zunächst hatten die Behörden kaum etwas über die Identität des mutmaßlichen Täters bekanntgegeben. Sonntagabend teilte die Polizei dann mit: Er ist 22 Jahre alt und in Dänemark geboren. Die Polizei kennt ihn bereits: Mehrfach sei er durch verschiedene Straftaten aufgefallen, unter anderem wegen Waffenbesitz, Gewalttaten und im Zusammenhang mit Bandenkriminalität. Zuvor hatte Jens Madsen, Chef der dänischen Sicherheitsbehörde (PET), bereits mitgeteilt: "PET hatte ihn auf dem Radar." Es gebe keine Hinweise auf Komplizen oder einen Aufenthalt des Mannes als Dschihadist in Syrien oder im Irak.

Gefahndet hatte die Polizei nach einem etwa 25 bis 30 Jahre alten Mann mit "arabischen Aussehen", wie es in einer Pressemitteilung der Polizei hieß. Über das Motiv gebe es noch keine Klarheit, erklärte der Sicherheitsdienst PET. Allerdings sehe es so aus, als sei die Tat von den Terroranschlägen in Paris auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" inspiriert gewesen. Sowohl "Ekstra Bladet" als auch die norwegische Boulevardzeitung VG haben bereits ein Bild von der mutmaßlichen Tatwaffe auf ihrer Website veröffentlicht: Das Gewehr ist demnach 90 bis 100 Zentimeter lang.

Am Ort des ersten Anschlags wird am Montagabend um 20 Uhr eine Gedenkfeier stattfinden, wie das Büro des Kopenhagener Oberbürgermeisters Frank Jensen mitteilte. Dort vor dem Gebäude starb der dänische Filmregisseur Finn Nørgaard durch Schüsse des Attentäters. Der 55-Jährige ist in Dänemark für seine Dokumentarfilme bekannt. Nach den Terrorangriffen in Frankreich im Januar hatte Nørgaard noch auf seinem Facebook-Profil geschrieben: "Es ist erschütternd und erschreckend, dass mutige Menschen von feigen muslimischen Faschisten ermordet werden."

Aufnahme des mutmaßlichen Schützen: Wut auf "zynische Terroraktion"
REUTERS

Aufnahme des mutmaßlichen Schützen: Wut auf "zynische Terroraktion"

Am zweiten Tatort, einer Synagoge in der Nähe der belebten Bahn- und Busstation Nørreport im Zentrum der Stadt, erschoss der Täter einen 37 Jahre alten Wachmann. Als Junge ging er auf die jüdische Schule in Kopenhagen, später studierte er Politikwissenschaft. In der Synagoge besuchten zum Tatzeitpunkt etwa 80 Menschen eine Bar Mizwa. Zudem wurden bei den beiden Anschlägen insgesamt fünf Polizisten durch Schüsse verletzt.

Reaktionen: "Wir stehen Schulter an Schulter"

Die Anschläge hatten Entsetzen ausgelöst, Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt sprach von einem "unendlich traurigen Morgen" und einer "zynischen Terroraktion". Dan Rosenberg Asmussen, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Kopenhagen, sagte: "Ich bin schockiert. Alle sind schockiert. Das ist das, was wir immer befürchtet haben."

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte der dänischen Regierung eine enge Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus zu. In einem Telefonat mit der dänischen Ministerpräsidentin habe Merkel betont, dass Deutschland "fest an der Seite Dänemarks" stehe, teilte Vizeregierungssprecher Georg Streiter in Berlin mit.

Die Kanzlerin habe ihrer Kollegin "einen weiterhin engen Kontakt bei Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus" zugesagt. Bei den Angriffen habe es sich um "menschenverachtende Anschläge" gehandelt, heißt es weiter in Streiters Erklärung.

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve ist nach Kopenhagen geeilt und legte an dem ersten Anschlagsort Blumen nieder - gemeinsam mit der dänischen Justizministerin Mette Frederiksen und dem französischen Botschafter François Zimeray. Zimeray war bei dem Anschlag im Kulturcafé anwesend und hat der Pariser Zeitung "Le Monde" von den Minuten im Schussfeuer erzählt.

Der dänische Verteidigungsminister Nicolai Wammen sagte, sein Land werde einer Terrorbedrohung nicht weichen. "Wir stehen Schulter an Schulter", sagte der Sozialdemokrat. "Wir werden Freiheit und Demokratie verteidigen, und wir wollen die Art, wie wir leben nicht ändern." EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte: "Unsere Entschlossenheit, alle Arten von Extremismus und Terrorismus zu bekämpfen, wird durch solche Angriffe nur gestärkt."

Die USA boten Dänemark ihre Hilfe an ebenso wie Großbritannien. "Die Schüsse von Kopenhagen sind ein abstoßender Angriff auf die freie Meinungsäußerung und Religionsfreiheit", sagte der britische Premierminister David Cameron. Dänemark sei wie Großbritannien eine erfolgreiche Multikulti-Demokratie. "Wir dürfen diese Werte niemals durch Gewaltakte beschädigen lassen."

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu forderte die Juden in Europa zur Auswanderung in den jüdischen Staat auf: "Juden wurden auf europäischem Boden ermordet, nur weil sie Juden waren."

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fln/abl/dpa

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