Trauer in Kopenhagen Tränen, Fackeln, Selbstbewusstsein

In Kopenhagen haben Zehntausende der Attentatsopfer vom Wochenende gedacht. Ministerpräsidentin Thorning-Schmidt beschwor den Zusammenhalt der Gesellschaft: "Ein Angriff auf die Juden ist ein Angriff auf Dänemark."

Aus Kopenhagen berichtet


Die Kopenhagener pilgerten am Abend in Scharen zu dem Ort, an dem der mutmaßliche Attentäter Omar Abdel Hamid El-Hussein am Samstag vor einem Kulturcafé einen Mann erschoss. Sie trugen Fackeln und Blumen bei sich. Die Polizei sprach von 30.000 Teilnehmern, die Veranstalter sogar von 40.000, die allein in Kopenhagen öffentlich trauerten. In ganz Dänemark trafen sich die Menschen zur gemeinsamen Trauer.

Viele Polizisten waren vor Ort, aber Absperrungen oder Kontrollen gab es kaum - obwohl auch Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt bei der Gedenkveranstaltung sprechen sollte; auch Kronprinz Frederik war da. Die Dänen blieben gelassen - sie wollten keine Angst zeigen. Das war die Botschaft des Abends.

Thorning-Schmidt beschwor die Stärke der freien Gesellschaft, die Dänen sollten ihren Alltag nicht bestimmen lassen von der Gewalt. "Wir werden leben, wie wir wollen", sagte sie. An diesem Abend halte man einander an den Händen.

Die dänische Premierministerin Helle Thorning-Schmidt und Kronprinz Frederik: Schulter an Schulter
AP

Die dänische Premierministerin Helle Thorning-Schmidt und Kronprinz Frederik: Schulter an Schulter

"Ein Angriff auf die Juden ist ein Angriff auf Dänemark - auf uns alle", fügte sie hinzu: "Wir passen aufeinander auf." Es gab großen Applaus. "Wir stehen Schulter an Schulter, Muslime, Juden, Christen, Menschen unterschiedlicher politischer Auffassungen. Wir stehen als Dänen zusammen."

Bei einer Schweigeminute war es auf dem Platz totenstill, einzig das Flackern der Fackeln im Wind war zu hören. Menschen trockneten sich die Tränen. Die Sängerin Pernille Rosendahl sang unter anderem John Lennons "Imagine".

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Dan Rosenberg Asmussen, appellierte an Muslime und Juden zusammenzustehen. "Unsere gemeinsame Herausforderung ist der Extremismus", sagte er.

Die Dänin Line Nielsen war mit ihrem Kind bei der Kundgebung. "Das ist ein Kampf, den wir gewinnen müssen. Wir sind so viel stärker als diese hasserfüllten Terroristen", sagt sie. Sie trauere mit den Angehörigen der Opfer, aber auch mit der Familie des Attentäters. Es sei jetzt wichtig, jedem Kind in Dänemark, welcher Religion auch immer, deutlich zu machen, wie privilegiert es sei, hier aufzuwachsen - und wie sinnlos Hass sei.

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Gedenkfeier in Kopenhagen: 40.000 Menschen trauern
Ein Mann trug ein Schild mit der Aufschrift: "Ich bin Jude. Ich bin Charlie Hebdo. Ich bin Polizist. Ich bin Däne." Eine andere Teilnehmerin, die aus dem Süden Kopenhagens gekommen ist, sagt, sie wolle die Angst, die sie nun manchmal habe, nicht zulassen. "Ich will frei sein."

Mit Material von der dpa

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Seite 1
Timo Schöber 17.02.2015
1.
Dänemark ist einfach ein tolles Land mit liebenswürdigen Menschen und die Reaktion der Dänen auf diese Abscheulichkeiten verdient größten Respekt.
thomas.b 17.02.2015
2.
Die Dänen machen es richtig: mutig, besonnen, keine Paranoia. Davon können sich die Deutschen mal was anschauen.
Olaf 17.02.2015
3.
Das ist als erste Reaktion sehr nobel und auch verständlich. Ich denke nur, dass Ignorieren der Bedrohung durch den Terror als Strategie auf Dauer nicht funktionieren wird.
thomas.b 17.02.2015
4.
Zitat von OlafDas ist als erste Reaktion sehr nobel und auch verständlich. Ich denke nur, dass Ignorieren der Bedrohung durch den Terror als Strategie auf Dauer nicht funktionieren wird.
Keine Angst zu haben bedeutet nicht, etwas zu ignorieren.
hermannheester 17.02.2015
5. Hilflose Wut
Das ist alles, was auch den Dänen übrig bleibt, nachdem auch ihr Land von einem feigen, Terroristenanschlag betroffen worden ist. Allerdings ist nirgendwo zu vernehmen, dass Dänen künftig auf Bürgerrechte und Freiheiten verzichten wollen, um "dem Terror zu trotzen". Seltsam!?
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