Aus Detroit berichtet Sebastian Fischer
Am Ende dieses langen Tages hat es Rick Santorum nach Davison verschlagen, einem Nest im Norden der verblassten Industriemetropole Detroit. Eine knappe Stunde hat er jetzt schon geredet. Er steht auf der Bühne des Gemeindezentrums von Davison, die Stimme angeschlagen, der Blick müde. Dann fragt einer nach Iran, nach Afghanistan. Und plötzlich ist der republikanische Präsidentschaftsbewerber Santorum hellwach.
"Eine Gefahr für Amerika", sagt er mit jetzt kräftiger Stimme, "das ist dieser schwache Präsident". Das müsse man doch jetzt erleben, wo sich Barack Obama bei den Afghanen entschuldigt habe für die unbeabsichtigten Koran-Verbrennungen. Die bezeichnet allerdings auch Santorum - bei aller rhetorischen Schärfe - als "Fehler".
Mehrere Tote hat es bisher in Folge antiamerikanischer Proteste in Afghanistan gegeben. Zwei US-Soldaten wurden am Samstag im Kabuler Innenministerium hinterrücks erschossen. Darauf nun Santorum: "Wir erlauben diesen Leuten, abscheuliche Dinge zu tun. Wir akzeptieren, dass unsere Soldaten getötet werden." Nein, ruft er: "Ein starker Präsident würde für unsere Werte einstehen." Heißt: Entschuldigung inakzeptabel. Es folgt großer Jubel.
Rückzugsgedanken bei den Republikanern?
Die Szene zeigt, unter welch großem innenpolitischen Druck US-Präsident Obama mittlerweile steht. Die selbstverständliche Geste der Entschuldigung wird zum Thema im Wahlkampf. Da hilft es auch nichts, dass Außenministerin Hillary Clinton am Sonntag noch einmal darauf hinweist, dass natürlich auch Obama-Vorgänger George W. Bush in ähnlich gelagerten Fällen stets um Entschuldigung in Afghanistan nachgesucht hat.
In den vergangenen drei Tagen haben sich republikanische Präsidentschaftsbewerber nacheinander am Sorry-Präsidenten abgearbeitet. Kurz vor der wichtigen Vorwahl in seinem Geburtsstaat Michigan erklärte Mitt Romney gegenüber dem TV-Sender "Fox News", Obamas Entschuldigung sei vielen Amerikanern "im Halse stecken geblieben". Schließlich seien US-Soldaten gestorben, weil sie den Afghanen im Kampf um die Freiheit beigestanden hätten.
Den Reigen der Obama-Kritik hatte Newt Gingrich eröffnet, der im Rennen um die Kandidatur zurzeit deutlich hinterherhinkt: "Dauernd entschuldigt er sich bei Leuten, die keine Entschuldigung des Präsidenten der Vereinigten Statten verdienen, Punkt", ätzte er mit Blick auf Obama. Vielmehr schulde Afghanistans Präsident Hamid Karzai den USA eine Entschuldigung für die tödlichen Attacken seiner Landsleute, so Gingrich. Und wenn sich Karzai nicht nach einer Entschuldigung fühle, "dann sollten wir 'Auf Wiedersehen' und 'Viel Glück' sagen. Wir müssen nicht amerikanische Leben und unser Geld an jemanden verschwenden, dem das nichts bedeutet."
"Ich überdenke diese Mission ständig"
Rückzug? Das wäre eine ungewöhnliche Aussage. Denn außer dem Radikal-Liberalen Ron Paul haben sich alle Republikaner-Kandidaten immer wieder zum Afghanistan-Einsatz bekannt. Auch Santorum lässt am Sonntag bei einem Talkshow-Auftritt im TV-Sender ABC Kritik am Einsatz selbst durchblitzen. Auf die Frage, ob man die Afghanistan-Mission jetzt überdenken müsse, antwortet der aktuell in Umfragen führende Kandidat: "Ich überdenke diese Mission ständig."
Gehen die Republikaner jetzt unter den kriegsmüden Amerikanern auf Stimmenfang? Und wird Obama an seinem Plan eines Abzugs im Jahr 2014 noch festhalten können?
Die US-Regierung sucht Zweifel an der Mission am Hindukusch zu zerstreuen. Außenministerin Clinton betonte im Interview mit CNN, dass die "harte Arbeit, ein friedlicheres, wohlhabenderes und sichereres Afghanistan aufzubauen", fortgesetzt werde. Im selben Kanal beteuerte Washingtons Botschafter in Afghanistan, Ryan Crocker, dass die Zeit für einen Abzug nicht gekommen sei: "Wir müssen unsere Anstrengungen noch mal verdoppeln. Sollten wir es leid sein - al-Qaida und die Taliban sind es sicher nicht."
Wie ernst die Amerikaner aber die derzeitige Lage in Afghanistan nehmen, zeigte die Entscheidung von US-General und Isaf-Kommandeur John Allen, nach den Morden im Kabuler Innenministerium sämtliche Nato-Mitarbeiter aus den Ministerien zurückzurufen. Das hat es noch nicht gegeben - und auch hier ist die Kritik der Republikaner heftig: General Allens Rückzug sei ein "außerordentliches Eingeständnis des Scheiterns" bei dem Versuch, eng mit den Afghanen zu kooperieren, um ihnen schließlich die Sicherheitsverantwortung zu übertragen, sagte Mitt Romney. Genau das aber müsse weiterhin das Ziel bleiben: Afghanische Truppen müssten ihr Land letztlich selbst sichern, "und wir holen unsere Truppen heim, wenn der Job erledigt ist". Anders als die US-Regierung und die Nato-Partner will Romney kein Datum für ein Ende des Einsatzes nennen.
So wächst stetig das Misstrauen gegenüber dem Konzept des sogenannten Partnering, bei dem Isaf-Soldaten ihre afghanischen Kameraden ausbilden und gemeinsam mit ihnen in die Einsätze gehen. Es ist das zentrale Element für die "Übergabe in Verantwortung". Doch was tun, wenn aus Kameraden Killer werden? Im Januar hatte die "New York Times" einen internen Nato-Bericht enthüllt, wonach in den vergangenen beiden Jahren ein signifikanter Anstieg dieser hinterhältigen Angriffe zu verzeichnen war.
Vor wenigen Wochen erst tötete ein afghanischer Soldat vier französische Kameraden. Im Februar 2011 war die Bundeswehr Opfer einer solchen Attacke. Ein junger afghanischer Wachsoldat erschoss auf einem Außenposten in der Provinz Baghlan drei Deutsche. Der schwerste Vorfall bisher ereignete sich im April 2011, als ein afghanischer Luftwaffenoffizier acht amerikanische Offiziere und einen US-Söldner tötete.
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