Annäherung im Koreakonflikt Der weise Weg des Moon Jae In

Mit einer Politik der kleinen Schritte will Südkoreas Präsident Moon Jae In den Norden zu Zugeständnissen bringen. Jetzt ist seine Chance gekommen.

Kim Jong Un und Moon Jae In: Erstes Treffen beim Koreagipfel
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Kim Jong Un und Moon Jae In: Erstes Treffen beim Koreagipfel

Von , Paris


Ging es in den vergangenen Monaten um den Korea-Konflikt, sorgten vor allem US-Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un für Schlagzeilen. Auf Raketentests folgten provozierende Twitterbotschaften auf der einen und wütende Propagandaauftritte auf der anderen Seite. Südkoreas Präsident Moon Jae In hingegen blieb eher im Hintergrund.

Das hat sich mit der Ankündigung des innerkoreanischen Gipfels geändert. Ende April will sich Kim nach Angaben der Südkoreaner mit Moon treffen. Der hat seit seinem Amtsantritt immer wieder erklärt, er setze auf eine Politik der kleinen Schritte. Nun könnte seine Chance gekommen sein.

"Moon ist der richtige Mann zur richtigen Zeit. Er bleibt realistisch, warnt auch jetzt noch vor Begeisterung und meint immer, was er sagt", sagt Michael Paul, Asienexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Paul lernte Moon im vergangenen Juli in Berlin kennen, als der gerade erst ins Amt gewählte südkoreanische Präsident bewusst die einst geteilte deutsche Hauptstadt wählte, um seine Vorstellungen eines innerkoreanischen Dialogs und einer möglichen Wiedervereinigung vorzutragen.

Moon sprach im Alten Stadthaus von Berlin, wo 1990 der deutsche Einigungsvertrag ausgehandelt wurde. "Wir wissen schon einen richtigen Weg für die friedliche koreanische Halbinsel", sagte Moon. Nur hörte ihm niemand zu. Das Kriegsrasseln von Trump und Kim übertönte alles andere.

Im Video: Kim Jong Un trifft Delegation aus Südkorea

In den vergangenen Wochen aber haben sich die beiden Länder angenähert. Eine Delegation aus dem Süden folgte der bei Olympia ausgesprochenen Einladung in den Norden. Am Montag empfing Nordkoreas Kim in Pjöngjang den Sicherheitsberater Moons zum Abendessen. Vier Stunden lang soll der Diktator nicht nur besonders herzlich zu seinen südkoreanischen Gästen gewesen sein, er soll eine regelrechte Entspannungs-Agenda angeboten haben: Einwilligung zum Gipfeltreffen mit Moon Ende April, Einwilligung zu Gesprächen mit den USA über die Aufgabe des nordkoreanischen Atomprogramms, Einwilligung zum Dialog mit Südkorea.

All das, wovon Moon vor acht Monaten scheinbar völlig hypothetisch in Berlin gesprochen hat, taucht nun auf: Aufgabe des Atomprogramms, umfassender Dialog. Allerdings ist es bislang nur der Süden, der die Absicht des Nordens kommuniziert - und das auch nicht eindeutig: "Nordkorea hat auch deutlich gemacht, dass es keinen Grund gibt, Nuklearwaffen zu besitzen, wenn militärische Bedrohungen gegen den Norden eliminiert und die Sicherheit des Regimes gewährleistet wird", heißt es. Ob diesen Worten auch Taten folgen - viele Experten sind skeptisch.

Schwierige Gratwanderung

Asienwissenschaftler Paul nennt das vermeintliche Angebot des Nordens "eine Honigfalle". Aber was soll Moon tun? "Moon steht vor einer schwierigen Gratwanderung, im innerkoreanischen Verhältnis, aber noch mehr im Verhältnis zu den USA", sagt Paul.

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Der Präsident hat es so gewollt: Zu seinen Wahlversprechen im vergangenen Frühjahr zählte, dass er innerhalb seines ersten Amtsjahres einen innerkoreanischen Gipfel organisieren würde. Viele Beobachter halten das für einen entscheidenden Schritt, der Kim aus seiner Isolation befreit. Der Nordkoreaner hat in seiner sechsjährigen Amtszeit zu den Hauptbeteiligten des Konflikts keinerlei persönliche Kontakte unterhalten, nicht nach Südkorea, nicht nach China, nicht zu den USA.

Doch will er wirklich über die Aufgabe seines Atomprogramms verhandeln? Viele bezweifeln das. Gerade erst ist aus dem ehemaligen "Papiertiger" eine auch von Experten ernst genommene Atommacht Nordkorea geworden. Wieso sollte Kim das wieder aufgeben? Für die USA aber kann es nicht um weniger als die Aufgabe des nordkoreanischen Atomprogramms gehen, Abrüsten oder Einfrieren reicht für Washington nicht. Genau an diesem Punkt kommt Moon ins Spiel.

Nordkorea - Die Chronik des Konflikts

Ein Nachlassen der Sanktionen gegen Nordkorea käme trotz des sich anbahnenden Dialogs nicht in Frage, sagte Moon am Mittwoch im Gespräch mit südkoreanischen Parteiführern in Seoul. Er betonte, dass es sich um Uno-Sanktionen handle, die Südkorea weder reduzieren könne noch wolle.

Auch bei der Atomfrage stellte sich Moon hinter die USA: Das Ziel sei nicht Abrüstung oder Einfrieren, sondern ein atomwaffenfreies Korea. Er fügte allerdings hinzu: "In Wirklichkeit aber werden wir dieses Endziel nicht gleich erreichen und müssen mit Zwischenschritten rechnen", so Moon. Genau diese Zwischenschritte aber muss der Präsident nun definieren und für sie in Pjöngjang und Washington Unterstützung finden.

Koreaexperte Paul in Berlin glaubt nicht an eine Lösung der kleinen Schritte in Korea. Nur eine "große Lösung", wie Paul sie nennt, die auf eine Einigung zwischen Nordkorea und den USA hinauslaufen würde, könne langfristigen Frieden auf der Halbinsel schaffen. Das ist die Ansicht der meisten internationalen Experten, nachdem die bislang zwei innerkoreanischen Gipfeltreffen, im Jahr 2000 und 2007, jeweils scheiterten.

Nun aber versucht es Moon erneut. Die südkoreanischen Medien feiern ihn an diesem Mittwoch dafür. Der Jubel mag nicht anhalten, aber das ist zumindest keine schlechte Ausgangsposition. Vielleicht weiß Moon ja wirklich einen Weg für die Halbinsel.

insgesamt 11 Beiträge
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herumnöler 07.03.2018
1. Die Chance
Die Chance für Moon hat sich eröffnet als Folge des Drucks von Trump auf Nordkorea und das überzogene Kriegsgeschrei. Sonst hätte der Raketenmann nicht so die Hosen voll. Dank sei Donald Trump: Er bewegt wenigstens etwas.
Ossifriese 07.03.2018
2. Konflikt
"...Nur eine 'große Lösung', wie Paul sie nennt, die auf eine Einigung zwischen Nordkorea und den USA hinauslaufen würde, könne langfristigen Frieden auf der Halbinsel schaffen. ..." Was aber, wenn die USA eine "große Lösung" gar nicht wollen? Es war viel die Rede von "frozen conflicts" in der letzten Zeit - für die USA ist Korea als eingefrorener Konflikt viel nützlicher im Umgang mit China und den Russen, als ein friedliches, entmilitarisiertes und vor allem atomwaffenfreies Land. Vor 25 Jahren wurden die taktischen Atomwaffen aus Südkorea abgezogen, aber die US-Militärs denken offen darüber nach, sie wieder aufzustellen. Das wäre ein Bedrohung nicht nur für Kim, sondern auch für die Nachbarstaaten. Insofern ist Tauwetter zwischen den Koreas wohl kaum im Sinne der Pentagon-Strategen. Hoffen wir, dass Moon wirklich seinen eigenen Weg geht...
flux71 07.03.2018
3.
Könnte es eigentlich vielleicht sein, dass Kim Trump vorführen will? Immerhin war die Polemik von beiden Seiten derart hochgefahren, dass die Welt dachte, ein Atomkrieg stünde bevor. Mir ist das verdächtig, dass er jetzt so leise tritt. Was ist sein Motiv? Also, wie wäre es: Könnte es sein, dass er Trump zeigen will, dass er ja fähig ist, die USA aber völlig unfähig, Lösungen für wirklich wichtige Fragen zu finden?
micromiller 07.03.2018
4. Präsident Moon ist ein Geschenk des Himmels
für Korea und seinen Nachbarn. Es wird ein schwieriger Weg, es geht nicht nur um Ideologien und Voreinstellungen sondern auch um die Bändigung der beiden imperialen Weltmächte Chima und USA, die ihre Claims abgesteckt haben und bis zuletzt verteidigen werden. Dank der nuklearen Fähigkeiten der Nordkoreaner kann es jedoch gelingen das Nord und Süd sich nach ihren eigenen Vorstellungen vereinigen und ein unabhängiges Korea schaffen.
Garak 07.03.2018
5. Unter dem Führer auf Lebenszeit Kim Jong Un?
Zitat von micromillerfür Korea und seinen Nachbarn. Es wird ein schwieriger Weg, es geht nicht nur um Ideologien und Voreinstellungen sondern auch um die Bändigung der beiden imperialen Weltmächte Chima und USA, die ihre Claims abgesteckt haben und bis zuletzt verteidigen werden. Dank der nuklearen Fähigkeiten der Nordkoreaner kann es jedoch gelingen das Nord und Süd sich nach ihren eigenen Vorstellungen vereinigen und ein unabhängiges Korea schaffen.
Oder wie stellen sie sich das vor? Weder der Norden noch der Süden haben an einer Wiedervereinigung ein echtes Interesse. Der Norden nicht weil Kim und die Eliten dort freiwillig niemals ihre Macht abgeben werden, dafür haben sie zuviel Dreck am Stecken. Und der Süden kann nicht wirklich wollen das er auf Jahrzehnte hunderte Milliarden Dollar in den Aufbau des Nordens und die Umerziehung der indoktrinierten Bevölkerung stecken müsste. Das beste worauf sie hoffen können ist die Beibehaltung des Status Quo und den wird sich Kim Jong Un mit Wirtschaftshilfen und Symbolpolitik seitens Südkoreas bezahlen lassen. Die Atombomben sind für ihn Mittel zum Zweck dem Süden mit Zuckerbrot und Peitsche Hilfen abzuschwatzen die er dringend braucht um sein System am Laufen zu halten. Als beste Analogie fällt mir da Honecker und Strauß 1983 ein.
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