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Korruption in Afghanistan: US-Militär zahlt Schutzgeld an Warlords

Sie fordern bedingungslosen Einsatz gegen Korruption in Afghanistan - und zahlen selbst Bestechungsgelder: US-Militärs entrichten amerikanischen Medien zufolge für jeden Truck ihrer Versorgungskonvois hohe Schutzgelder an Warlords und möglicherweise sogar an die Taliban.

US-Nachschubkonvoi in Afghanistan: Steuermillionen als Schutzgeld an die Warlords Zur Großansicht
AP

US-Nachschubkonvoi in Afghanistan: Steuermillionen als Schutzgeld an die Warlords

Washington - Der Kampf gegen die Korruption steht jedes Mal weit oben auf der Wunschliste, wenn Amerikaner oder Europäer mit der afghanischen Regierung verhandeln. Unmittelbar nach seiner Wiederwahl bekam Präsident Hamid Karzai einen Anruf von Barack Obama persönlich - und die dringende Mahnung, er solle die Korruption effektiv bekämpfen und endlich ein "neues Kapitel" in der Geschichte Afghanistan aufschlagen.

Aber nun sieht es so aus, als ob ausgerechnet die Amerikaner im alten System feststeckten.

Denn sie finanzieren - offenbar im großen Stil - die Schattenwirtschaft am Hindukusch. Gleich zwei Ermittlerteams sind laut einem Bericht der "Washington Post" zurzeit damit befasst, Zahlungen des US-Militärs an afghanische Transportunternehmen und Sicherheitsdienste unter die Lupe zu nehmen:

  • die Militärstrafverfolgungsbehörde der US-Armee
  • ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss unter der Leitung des Demokraten John F. Tierney

Eine anonyme Quelle aus Kreisen der Armee-Ermittler hat laut CNN erste Details der skandalösen Praxis bestätigt: Die USA haben die Versorgung ihrer Camps in Afghanistan mit Nachschub - Lebensmittel, Trinkwasser, Treibstoff, Munition - fast vollständig an acht Unternehmen vor Ort vergeben. Der Nachschub wird nach Pakistan geflogen oder zum Luftwaffenstützpunkt Bagram bei Kabul - und von dort per Lastwagenkonvoi an die mehr als 200 US-Camps im Land ausgeliefert.

2,16 Milliarden Dollar zahlen die USA für diesen Logistik-Komplettservice, nur haben sich die zuständigen Offiziere laut "Washington Post" nie weiter darum gekümmert, wie diese Transportkette organisiert war: "Sie haben nicht einmal ihren Stützpunkt verlassen, um zu kontrollieren, dass alles gesetz- und regelkonform verläuft", schreibt das Blatt.

1500 bis 15.000 Dollar Schutzgeld pro Lkw

Das haben nun neben den Army-Ermittlern auch die Mitglieder des Untersuchungsausschusses getan, und sie sind dabei auf schockierende Details gestoßen, die sie am Dienstag erstmals in Washington der Öffentlichkeit vorstellen wollen.

  • Die afghanischen Transportunternehmer haben die Aufträge an Subunternehmer weitergegeben - an Speditionen und an Sicherheitsunternehmen, die den Konvois Geleitschutz geben sollten.
  • Bezahlt wurden damit aber nicht nur Transportkapazität, Fahrer und Bodyguards, sondern auch Schutzgelder. Zwischen 1500 und 15.000 Dollar pro Lkw sind laut Bericht des Untersuchungsausschusses an Warlords gegangen, die das Gebiet entlang der Fahrtroute eines Konvois kontrollieren.

"Warlord AG: Erpressung und Korruption in der US-Versorgungskette in Afghanistan" - das ist der Titel des 79-seitigen Untersuchungsberichts, und die Überschrift passt. Denn die Spuren führen auch dieses Mal wieder zu den üblichen Verdächtigen in Afghanistan; die Korruption ist perfekt organisiert und funktioniert wie ein Großunternehmen, an den Schalthebeln sitzen Vertraute und Verwandte des Präsidenten.

Der mächtigste Warlord in diesem System, ein gewisser Kommandant Ruhullah, kontrolliert demnach die Hauptverbindung zwischen Kabul und Kandahar. Er nennt sich selbst gerne den "größten Sicherheitsdienstleister der US-Versorgungskette" und gibt laut Tierney-Report "bereitwillig zu, dass er Gouverneure, Polizeichefs und hochrangige Militärs besticht". Bei einem Treffen mit Mitgliedern des Untersuchungsausschusses in Dubai lieferte er auch gleich eine plausible Erklärung für die Höhe der geforderten Schutzgelder: Munition sei in Afghanistan so teuer geworden, er investiere jeden Monat "1,5 Millionen Dollar in Munition für Kalaschnikows, Maschinengewehre und Panzerfäuste".

Auch die Taliban profitieren von den US-Zahlungen

Es sei schon sehr merkwürdig, heißt es laut "Washington Post" in dem Report weiter, dass angesichts der wichtigen Rolle, die dieser Mann spiele, weder die Strategen im Verteidigungsministerium noch bei den Geheimdiensten bisher Kenntnis von ihm genommen hätten. Angeblich sei er zwar von Spezialkräften zweimal festgenommen worden - aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Er sei, wundern sich die Autoren des Untersuchungsberichts, bei den offiziellen Stellen, die seine Dienste in Anspruch nehmen, ein unbeschriebenes Blatt.

Besser bekannt sein wird Ruhullah zwei Vettern des afghanischen Präsidenten Karzai; ihr Sicherheitsunternehmen Watan Risk Management vergibt Aufträge an den Kommandanten und seine 600 Mann starke Privatarmee. Laut Tierney-Report nennen sie ihn in den Dörfern entlang der Strecke auch den "Schlächter".

Und wer hat die Fäden bei der Vergabe an Subunternehmen insgesamt in der Hand? Laut Tierney-Report stecken in vielen Fällen Leute wie der Vorsitzende des Provinzrats von Kandahar dahinter - Ahmed Wali Karzai, ein Halbbruder des Präsidenten.

Aber nicht nur korrupte Provinzfürsten, hohe Beamte und gefürchtete Warlords profitieren von den amerikanischen Steuermillionen - offenbar streichen auch die Taliban ihren Anteil ein. Die Ermittler konnten zwar keine direkten Verbindungen oder Zahlungen nachweisen, doch sie haben Spediteure befragt, die von einer "symbiotischen" Verbindung zwischen Warlords wie Ruhullah und den Aufständischen berichten. Nach Schätzungen eines afghanischen Logistik-Managers fließen so jede Woche an die zwei Millionen Dollar in die Kriegskasse der Taliban.

Wenn es auf der Strecke tatsächlich einmal zu Gefechten komme, berichten diese Insider, dann gelte das Feuer nicht den Konvois selbst. Taliban und Sicherheitsdienste würden dann ihren Streit um den Anteil am Schutzgeld austragen.

oka

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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1. Diese Doppelmoral hat Tradition
Gandhi, 22.06.2010
Von Korruption wird deshalb nur dann gesprochen, wenn es unseren Zielen widerspricht. So wird auch zwischen gut und boese unterschieden. Die Reihe liesse sich fortsetzen.
2. ..
semir, 22.06.2010
Zitat von sysopSie fordern bedingungslosen Einsatz gegen Korruption in Afghanistan - und zahlen selbst Bestechungsgelder: US-Militärs entrichten amerikanischen Medien zufolge für jeden Truck seiner Versorgungskonvois hohe Schutzgelder an Warlords und möglicherweise sogar an die Taliban. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,702117,00.html
Ohne Bestechungsgelder wäre die Nato nie so schnell in Afghanistan vorangekommen und hätte sich jeden Hügel erkämpfen müssen. Es sollte also niemand verwundert sein...
3. Omg
mzwk 22.06.2010
Absolut Geil, ich komme aus dem Dauergrinsen nicht mehr heraus :> Schafft Amerika mit ihren unendlich Druckbaren Dollars da unten so eine Art Perpetuum Mobile?
4. tja, Geld regiert die Welt
br0iler 22.06.2010
wer sich jetzt darüber aufregt, glaubt auch, das in großem Firmen nicht geschmiert, bestochen und erpresst wird um an Aufträge ranzukommen, weil jeder Mitarbeiter das mal unterschreiben musste.
5. .
Haio Forler 22.06.2010
Zitat von sysopSie fordern bedingungslosen Einsatz gegen Korruption in Afghanistan - und zahlen selbst Bestechungsgelder: US-Militärs entrichten amerikanischen Medien zufolge für jeden Truck seiner Versorgungskonvois hohe Schutzgelder an Warlords und möglicherweise sogar an die Taliban. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,702117,00.html
So wird halt in Afghanistan Demokratie gemacht. Das war doch das Ziel da unten, nicht wahr ?
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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.


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