Korruption in Griechenland: Ein Arzt bricht sein Schweigen

Aus Palia Fokea berichten und Ferry Batzoglou

"Fakelaki" heißt das Phänomen, das in Deutschland zum Synonym für den maroden griechischen Staat geworden ist: Polizisten, Lehrer, Ärzte lassen sich schmieren und schweigen darüber. Einer hat den Mut, über das korrupte System zu reden.

Griechenland: Geben und nehmen Fotos
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Es begann mit einer Flasche Jack Daniels. Er war 28 und noch nicht sehr lange Arzt. Er sah einen Mann, den seine Kollegen eigentlich schon gestorben glaubten, doch er zog eine Spritze auf und jagte ihm ein Medikament ins Blut, da schlug sein Herz wieder. Später fiel ihm der Patient um den Hals, küsste ihn, sagte, er sei ein Gott, sein Heiland, und gab ihm die Flasche Schnaps. Jannis Varvarigos war glücklich.

30 Jahre liegt das nun zurück, aber der Mediziner aus Palia Fokea bei Athen, inzwischen hochangesehener Chefarzt an der größten Geburtsklinik Südosteuropas, lächelt noch immer ganz selig, wenn er an den Anfang zurückdenkt.

Varvarigos, 58, ist ein kleiner, runder Mann mit wuscheligem Haar und warmen, braunen Augen. Ein Idealist, der aus kleinen Verhältnissen stammt. Der sich als Kind vor nichts so sehr fürchtete wie vor Krankheiten und dem Tod und deshalb voller Enthusiasmus Ende der Achtziger als verbeamteter Arzt ins staatliche Gesundheitssystem eintrat. "Aber jetzt", seufzt Varvarigos, "liegt das System selbst im Sterben."

Die Frage ist: Woran krankt es?

Ein mutiger Mann

Doktor Varvarigos ist ein mutiger Mann, der sich bereiterklärt hat, über etwas zu sprechen, über das sonst keiner seiner Kollegen sprechen will: Bestechung. Die Korruption im griechischen Gesundheitswesen - Fakelaki, also "kleiner Umschlag" genannt - ist in Deutschland zum Synonym geworden für einen maroden Staat und eine verkommene Gesellschaft. Doch so einfach ist das nicht.

Varvarigos hat seine Kontoauszüge und seine Steuererklärung mitgebracht zu dem Gespräch, er will den Journalisten aus Deutschland erläutern, wie es mit seiner Branche so weit kommen konnte, und dazu ist es nötig, wie er sagt, endlich offen und ehrlich zu sein. "Keine Geheimnisse mehr."

37.948,27 Euro hat der Chefarzt und Leiter einer Geburtsklinik im vergangenen Jahr verdient, brutto. Davon blieben ihm, dessen Ausbildung unter anderem in London und New York insgesamt 14 Jahre gedauert hat, nach Abzügen etwa 31.000 Euro. "Ein Busfahrer in Athen bekommt mehr", sagt Varvarigos, der vier Kinder hat. Zum Vergleich: Die jährlichen Bezüge der etwa 200 Direktoren an den Unikliniken Baden-Württembergs werden jeweils auf etwa 150.000 Euro geschätzt. Netto.

Dennoch zähle er zu den Privilegierten seines Landes, sagt Varvarigos, das wisse er wohl, und es gehe ihm auch nicht nur ums Geld. Ein weiteres Problem des griechischen Gesundheitswesens sei der Umstand, dass jegliche Leistungsanreize fehlten. "Ob ich 200 Kinder im Jahr zur Welt bringe oder nur 20, ändert an meinem Verdienst gar nichts", sagt der Gynäkologe. Und da liege es nahe, dass die besonders gefragten Ärzte die Geschenke ihrer Patienten annähmen.

"Wir waren schon immer eine Gefälligkeitsgesellschaft"

Denn der Impuls einer Zuwendung an den Arzt, so behauptet jedenfalls der Mediziner, gehe von den Behandelten oder deren Angehörigen aus. "Die Griechen haben noch immer Angst vor Krankheit und Tod, unser Gesundheitswesen ist eine Katastrophe." Und dann sei da eben der Doktor, an den sich die Menschen klammerten in der irrationalen Hoffnung, die Nähe zu ihm könnte die Fehler im System ausgleichen. Varvarigos hebt entschuldigend die Hände.

"Wir waren schon immer eine Gefälligkeitsgesellschaft", sagt Kostas Bakouris, Präsident der griechischen Abteilung von Transparency International, der Anti-Korruptions-Organisation. Sie hat Griechenland in diesem Jahr auf Platz 78 der 180 korruptesten Länder der Welt gesetzt, schlimmer als Ghana und Ruanda. Die griechische Durchschnittsfamilie zahle jährlich 1700 Euro Schmiergeld.

Denn der Grieche, weiß der Analyst Babis Papadimitriou, liebe vielleicht seine Nation, betrachte den Staat aber als Institution, die man ausplündern müsse. Europaweit werden zehn Prozent der Mehrwertsteuer hinterzogen, in Griechenland etwa 30 Prozent. Ein Drittel der gesamten Wirtschaft läuft am Finanzamt vorbei. Es gibt sogar Bestechungstarife: Für die Abgasprüfung eines Autos muss man 300 Euro in einen Umschlag stecken.

"Ikonen, Wein, Fisch"

Und Gynäkologe Varvarigos, was bekommt er von seinen Patienten?

"Diese Uhr zum Beispiel", sagt er und streckt seine linke Hand über den Tisch.

Ist die wertvoll?

"Ich weiß nicht. 150 Euro vielleicht?"

Und sonst?

"Dieses Kreuz", sagt er, greift sich in den Kragen und zieht eine Goldkette mit Anhänger hervor.

Und sonst?

"Ikonen, Wein, Fisch."

Auch Geld?

"Ja."

Wie viel?

"Nicht mehr als 5000 Euro im Jahr."

Warum lehnen Sie die Geschenke nicht ab?

"Meine Patienten wären empört. Sie dächten, ich wollte wertvollere Dinge."

Wer also ist Täter, wer ist Opfer?

"Beide sind beides."

100.000 Euro verdienen, für 700 Euro Steuern zahlen

Wobei in anderen Fällen die Verhältnisse deutlicher zu sein scheinen: Mancher Kollege im Athener Nobelstadtteil Kolonaki, erzählt Varvarigos, verdiene bis zu 100.000 Euro im Monat, aber er gebe davon vielleicht gerade einmal 700 Euro bei der Steuer an. Konsequenzen habe das keine. Auch in anderen Ämtern werde kassiert, bis zu 5000 Euro machten gewisse Staatsdiener nebenher, schwarz.

Ein US-Politikwissenschaftler beschrieb Korruption einmal als Verletzung eines allgemeinen Interesses zugunsten eines speziellen Vorteils. Und natürlich sieht auch Mediziner Varvarigos, dass es besser wäre, wenn die Zuwendungen nicht ihm, sondern allen zugutekämen - und das System dann für eine gerechte Verteilung der Gelder nach Ausbildung, Leistung und Engagement des Arztes sorgte.

Er hofft deswegen, dass der internationale Druck auf Griechenland auch zu einem Umbau des medizinischen Systems führen wird. Ansonsten werde Gesundheit in seiner Heimat schon sehr bald wieder zu einem Vorrecht derjenigen, die sich private Behandlungen oder hohe Schmiergelder dauerhaft leisten könnten. Man müsse es so deutlich sagen: "Es ist unsere allerletzte Chance vor dem Exitus."

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1. Nur einer!
Arion's Voice 30.06.2011
Zitat von sysop"Fakelaki" heißt das Phänomen, das in Deutschland zum Synonym für den maroden griechischen Staat geworden ist: Polizisten, Lehrer, Ärzte lassen sich schmieren und schweigen darüber. Einer*hat den Mut,*über das korrupte System zu reden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771303,00.html
Wow. Und nur der Spiegel hat den Mut darüber zu berichten, dass NUR Korruption von Beamten Schuld an Griechenlands Bankrott ist. Tapfer. Sie sind Helden!
2. Was denkt die Mehrheit?
huw00 30.06.2011
Was mich mal interessieren würde: Bei uns wird ja i.d.R. nur über die wütenden Krawalle gegen die Sparmaßnahmen in Griechenland berichtet, Stimmen wie diese hier sind die Ausnahme. Aber wie denkt eigentlich die Mehrheit der Griechen darüber? Herrscht da auch Einsicht und Bereitschaft zu Veränderungen und persönlichem Verzicht? Oder entsprechen die gewalttätigen Demonstrationen dem Mehrheitswillen?
3. Sprachlos!
aramis45 30.06.2011
Was soll man dazu sagen....kein Wunder, daß wir nun auch noch dieses System bezahlen sollen! Alles muß auf den Prüfstand samt EU Funktionäre!
4. Naturaltausch
matt1981bav 30.06.2011
Bei meiner Mutter in der Grundschule in den 50er Jahren lief das auch so. Gute Noten wurden danach vergeben wer dem Lehrer die meisten Geschenke gemacht hat. Feuerholz, Räucherspeck, Würste, Käse. Wer sich das nicht leisten konnte hatte halt dumme Kinder.
5. Sparpaket
Clawog 30.06.2011
Die Griechen haben ein anderes Verständnis über Schulden, Sparen und Pleitegehen als wir. Das Sparpaket wird einfach ignoriert, umgangen oder durch Korruption neutralisiert. Am Ende wundert sich jeder, warum die Schulden nach wie vor steigen.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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