Indien in der Kritik Die empfindlichste Demokratie der Welt

"Tragische Figur", "Versager": Indiens Premier Singh gilt als führungsschwach - und das schrieb ein US-Journalist auch. Nun gerät der Reporter unter Druck. Im Land, das sich als "weltgrößte Demokratie" bezeichnet, sind Widerworte unerwünscht.

Indiens Premier Singh: "Zaudernder, ineffektiver Bürokrat"
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Indiens Premier Singh: "Zaudernder, ineffektiver Bürokrat"

Von , Islamabad


Manmohan Singh hat harte Wochen hinter sich. Mehrmals wurde der indische Premierminister im Parlament niedergebrüllt. Es geht wieder einmal um Korruption, die Regierung soll die Nutzungsrechte für Kohleminen ohne Ausschreibung vergeben haben. Eine Prüfung des indischen Rechnungshofes ergab, dass dem Staat dadurch Einnahmen in Höhe von umgerechnet knapp 27 Milliarden Euro entgangen seien. Den Zuschlag für die lukrativen Verträge erhielt unter anderem ausgerechnet die Familie des früheren Kohleministers.

Auch die Wirtschaft macht der Regierung zu schaffen. Längst wächst sie nicht mehr so schnell wie noch vor ein paar Jahren. Die Inflation ist hoch, es gibt ein Handelsdefizit, und ausländische Investitionen fallen geringer aus als erhofft.

Aber Kritik an der Lage ist nicht erwünscht. Das bekommt derzeit Simon Denyer zu spüren, Korrespondent der "Washington Post" in Neu-Delhi. Wegen eines kritischen Artikels hat er nun großen Ärger. Er schrieb vergangene Woche, Singh sei zu einer "tragischen Figur" geworden. Ihm drohe, als "Versager" in die Geschichte einzugehen. Indiens "schweigsamer Premier", sei ein "zaudernder, ineffektiver Bürokrat", der einer "zutiefst korrupten Regierung" vorstehe.

Das sind harte Worte, aber keineswegs ungewöhnlich. In dem Artikel steht nichts, worüber nicht schon andere Journalisten berichtet haben: den Fall Singhs vom hoch gelobten Politiker, den selbst junge Inder wie einen Star feierten, weil er ihnen mit seiner Wirtschaftspolitik eine Perspektive bot, zum überforderten Regierungschef, dem die Probleme entgleiten.

Wut über "grundlose" Kritik am Regierunschef

Indische Zeitungen kritisieren Singh seit langem für seine zögerliche Art, dafür, dass er nicht energisch genug gegen Korruption vorgeht, dass die Regierung sich von einem Korruptionsskandal zum nächsten rette. Die Bestechlichkeit vieler Regierungsmitglieder und Beamten falle letztlich auf ihn, der selbst als korrekt und unbestechlich gilt, zurück.

Offensichtlich verärgert die indische Führung jetzt, dass die Kritik diesmal von einer ausländischen Zeitung kommt. Informationsministerin Ambika Soni nennt den Artikel der "Washington Post" "inakzeptabel". Ohne konkreter zu werden, droht sie ungehalten, den Text zur Regierungsangelegenheit zu machen. Sie habe Vorbehalte gegen eine Zeitung, die "grundlos" den Premierminister kritisiere. "Das ist, was wir Boulevardjournalismus nennen."

Pankaj Pachauri, Medienberater Singhs und selbst ein renommierter Fernsehjournalist in Indien, wirft der "Washington Post" in einem Leserbrief "unethisches und unprofessionelles Verhalten" vor. Denyer habe es versäumt, den Standpunkt der Regierung zu berücksichtigen. "Vom Korrespondenten der 'Washington Post' hätten wir eine faire und vorurteilsfreie Berichterstattung erwartet", schreibt Pachauri.

Aus Singhs Umfeld heißt es, der Premier, ein nachdenklicher, ruhiger Typ, leide unter dem aggressiven Ton, der ihm im Parlament wie in der Presse entgegenschlage. Singh wird diesen Monat 80 Jahre alt, am Ende seiner Karriere sieht er seine Lebensleistung nicht ausreichend gewürdigt. Er fühle sich zu Unrecht gescholten, sagt ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will. "Singh hat als Finanzminister Anfang der neunziger Jahre mit seiner Politik der Marktöffnung den Grundstein für den wirtschaftlichen Boom Indiens gelegt. Die jetzige Kritik ist da schon bitter", sagt er.

Regierung verlangt "positive" Berichterstattung

Das "Time"-Magazin machte im Juli bei der ausländischen Presse den Anfang. Der Titel der Asienausgabe zeigte Singh, die Geschichte hieß: "The Underachiever", also einen, der hinter den erwarteten Leistungen zurückbleibe. "Indien braucht einen Neustart. Ist Premierminister Manmohan Singh der Aufgabe noch gewachsen?", fragte das Magazin auf dem Cover. Dabei hatte es Singh im April noch auf Platz 19 der einflussreichsten Menschen der Welt gelistet.

Der britische "Independent" schrieb kurz darauf, Singh habe keine echte politische Macht, sondern verdanke seine Position Sonia Gandhi, Chefin der regierenden Kongresspartei. Gandhi, Witwe des ermordeten Premiers Rajiv Gandhi und gebürtige Italienerin, überließ Singh das Amt des Regierungschefs nach dem überraschenden Wahlsieg 2004. Es klingt, als wäre der deshalb nur Vollstreckungsgehilfe der mächtigen Dame im Hintergrund.

Die Mächtigen reagieren auf solche Kritik immer dünnhäutiger. Ausländischen Journalisten wird bei kritischer Berichterstattung mit Visumsentzug gedroht. Einige von ihnen erzählen, sie seien von Regierungsbeamten aufgefordert worden, doch auch die positiven Seiten Indiens zu sehen und darüber zu berichten.

Einheimische Journalisten kommen nicht so glimpflich davon. "Wir bekommen regelmäßig Anrufe aus dem Regierungsapparat und werden bedroht", sagt der Chefredakteur einer einflussreichen überregionalen Zeitung. "Es geht sogar so weit, dass verlangt wird, ich solle bestimmte Journalisten entlassen. Wie sich solches Verhalten mit Pressefreiheit und dem Selbstverständnis als Demokratie vereinbaren lässt, ist mir ein Rätsel."

In den vergangenen Wochen hat Neu-Delhi mehrere hundert Webseiten sperren lassen, angeblich, um ethnische Konflikte in den Griff zu bekommen. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" stuft Indien seither als "Land unter Beobachtung" ein.

Auch ein indischer Karikaturist zog sich den Zorn der Regierung zu, weil er ihr mit seinen Zeichnungen Korruption vorwarf. Er wurde am Samstag in Mumbai verhaftet, unter dem Vorwurf der Verleumdung und Volksverhetzung. Der 25-Jährige hatte unter anderem das indische Parlament als große Toilettenschüssel gezeichnet und andere indische Nationalsymbole karikiert. Erst nach landesweiten Protesten wurde er gegen Zahlung einer Kaution am Mittwoch auf freien Fuß gesetzt.

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Seite 1
reply 13.09.2012
1. .
Zitat von sysopAP"Tragische Figur", "Versager": Indiens Premier Singh gilt als führungsschwach - und das schrieb ein US-Journalist auch. Nun gerät der Reporter unter Druck. Im Land, das sich als "weltgrößte Demokratie" bezeichnet, sind Widerworte unerwünscht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855107,00.html
Es ist schon bemerkenswert, wie Indien in den letzten Wochen zunehmend, meistens von amerik. Journalisten, kritisiert und teilweise verunglimpft wird. Hierfuer kann es nur eine Erklaerung geben - Aerger und Enttaeuschung ueber Indiens unbeugsamen Willen, sich nicht amerikanischem Diktat, politisch und wirtschaftlich, unterzuordnen. Hut ab vor MM Singh, der die Unabhaengigkeit und Buendnisfreiheit Indiens hoeher schaetzt als eine "Allianz", die Indien nur schaedlich sein wuerde.
localpatriot 13.09.2012
2. Wie vor 250 Jahren in Wuerttemberg
Zitat von sysopAP"Tragische Figur", "Versager": Indiens Premier Singh gilt als führungsschwach - und das schrieb ein US-Journalist auch. Nun gerät der Reporter unter Druck. Im Land, das sich als "weltgrößte Demokratie" bezeichnet, sind Widerworte unerwünscht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855107,00.html
Schiller musste seine Heimat fleuchtend verlassen weil er Freiheitsliterartur schrieb. Indien 250 Jahre zurueck, 300 Millionen Analphabeeten 100 Millionen Superreiche, Millionen Untouchables. Wie vor 250 Jahren in Wuerttemberg, nur riesig und mit Atombombe. Der Cartoon war toll. und absolut zutreffend.
Stelzi 13.09.2012
3. Dein Motiv: USA Hass?
Zitat von replyEs ist schon bemerkenswert, wie Indien in den letzten Wochen zunehmend, meistens von amerik. Journalisten, kritisiert und teilweise verunglimpft wird. Hierfuer kann es nur eine Erklaerung geben - Aerger und Enttaeuschung ueber Indiens unbeugsamen Willen, sich nicht amerikanischem Diktat, politisch und wirtschaftlich, unterzuordnen. Hut ab vor MM Singh, der die Unabhaengigkeit und Buendnisfreiheit Indiens hoeher schaetzt als eine "Allianz", die Indien nur schaedlich sein wuerde.
Du willst doch nicht etwa behaupten, du hättest da ein Auge drauf? Schied doch mal eine Reihe Links rüber und als Vergleich die "wohlwollende" Berichterstattung von früher. Wenn du das nicht kannst, dass ist es wohl doch nur typisches USA gebashe...
prqc 13.09.2012
4. The Underachiever
Ja, aber Manmohan Singh ist ein Versager - da hat die "Washington Post" völlig recht, zumindest wenn es um seine Amtszeit als Premierminister geht - als Finanzminister in den neunziger Jahren hat er sich ernsthafte Verdiente um die Modernisierung der indischen Volkswirtschaft erworben, das ist unstrittig. Als Premierminister hingegen ist unter ihm ein erheblicher Reformstau entstanden. Keine Modernisierung der Verwaltung, stattdessen Politisierung der Beamtenschaft Inkompetenz und Bestechlichkeit. Für die Armen macht die Regierung Singh herzlich wenig - und bei vielen Initiativen scheint es, als ob sie der Mittelschicht mit ihrer dirigistischen Politik den Krieg erklärt hat. In den letzten acht Jahren ist Indien erheblich hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben: Die Anzahl der Korruptionsskandale hat unter Singh zugenommen, ebenso wie Terroranschläge (die Anschläge in Bombay 2008 waren nur das krasseste Beispiel). Die Inflation steigt und die Produktivität Indiens sinkt. Anders als mein Vorredner vermag ich nur wenig Positives an der Aussenpolitik von Herrn Singh zu erkennen: Schwäche gegenüber Pakistan, geringe diplomatische Kompetenz und ein Festhalten an der überkommenen Idee der Blockfreiheit (die spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges nun wirklich passé ist) sind nur stellvertretend für die aussenpolitische Naivität dieser Administration. Indien kann man nur wünschen, dass es mit der Kongresspartei nächstes Jahr endlich ein Ende mit Schrecken gibt. Apropos Spiegel: Wieso berichtet ihr aus Islamabad über Indien? Mal im Ernst, New Delhi ist wohl viel sicherer und da Herr Kazim ja schwerpunktmässig Berichterstattung zu Indien leistet, wäre es ja nur logisch, dass er sein Quartier in Indien bezieht...just my two cents!
Kudi 13.09.2012
5. Nicht nur in Indien!
Zitat von sysopAP"Tragische Figur", "Versager": Indiens Premier Singh gilt als führungsschwach - und das schrieb ein US-Journalist auch. Nun gerät der Reporter unter Druck. Im Land, das sich als "weltgrößte Demokratie" bezeichnet, sind Widerworte unerwünscht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855107,00.html
Indien und seine Bürger sind Weltmeister in echter oder unechter Empörung, weil sie sich selbst ihrer Fehler bestens bewusst sind. Am Ende des 2. Weltkriegs standen andere Nationen in Asien noch viel mieser da, aber fast alle (Japan, Korea, Taiwan, China, Malaysia, Thailand) haben sich hochgearbeitet und liegen, was die Wirtschaftskraft und die Einkommensverteilung angeht, vor Indien. Das wird vom offiziellen Indien immer mit dem Hinweis auf die langsamen Mühlen der Demokratie begründet, was jedoch nur die halbe Wahrheit ist. Tatsache ist, dass die zwei Begriffe "Organisation" und "Indien" nie im positiven Sinne zusammen ausgeprochen werden können. Allerdings gibt es in vielen ehemaligen Kolonien (ausser z.B. Australien oder Neuseeland) einen reflexartigen Minderwertigkeitskomplex. Am ausgeprägtesten ist er in Singapur, wo die Regierung sogar ein "Wahrheitsministerium" betreibt, welches die heimische Presse praktisch besitzt und ausländische Berichterstattungen (z.B. zur Kleptokratie der Familie Lee) mit Klagen eindeckt (die allerdings nur in Singapur, dank einer gesteuerten Justiz, erfolgreich sind). Ausländischen Medien, die einen Stützpunkt in Singapur betreiben (wie z.B. die BBC) dürfen gar nicht erst über politische Themen in Singapur berichten. Indien scheint hier mehr und mehr von Singapur abzukupfern. Besser wäre es, wenn Indien von Singapur die Wirtschaftspolitik kopieren würde - nicht die unfreie Presse.
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