Korruption in Marbella Die geschmierte Stadt

Dem Bürgermeister drohen zehn Jahre Haft, bei der Stellvertreterin fand man 50-Euro-Scheine in Massen, und das halbe Stadtparlament war gekauft: Seit Montag steht die frühere Elite des Badeorts Marbella vor Gericht. Es ist der größte Korruptionsprozess in der Geschichte Spaniens.

dpa

Málaga - Sie mussten eng zusammenrücken, denn so voll war es im Gerichtssaal in Málaga wohl noch nie. 95 Angeklagte sitzen seit Montag hier auf der Anklagebank, darunter zwei ehemalige Bürgermeister, Stadträte, Anwälte und Unternehmer.

Es ist die frühere Elite des Badeorts Marbella - der Stadt in Südspanien, in der ohne Schmiergeld über viele Jahre nichts mehr ging.

Wer in dem Ferienort bauen oder investieren wollte, musste hohe Schmiergelder zahlen. Laut Anklage ließen sich Lokalpolitiker jede einzelne baurechtliche Abstimmung bezahlen. Dann gewährten sie Baulöwen freie Hand: Der Staatsanwaltschaft zufolge ist jede dritte der 80.000 Wohnungen in Marbella illegal gebaut worden.

Als Drahtzieher der korrupten Systems gilt Marbellas Städtebau-Beauftragter Juan Antonio Roca. Er ist der Hauptangeklagte im größten Korruptionsprozess in der Geschichte Spaniens. Nun drohen ihm 30 Jahre Haft wegen Unterschlagung, Geldwäsche und Bestechung.

Laut Staatsanwaltschaft ließ der 57-Jährige insgesamt 200 Millionen Euro in die eigene Tasche fließen - und das Geld dann von befreundeten Unternehmern waschen. Roca sitzt als Einziger der Angeklagten bereits in Untersuchungshaft.

Marbella gilt als Luxus-Urlaubsort, der mit Yachthäfen und Palmenstränden lockt. Selbst Amerikas First Lady Michelle Obama machte hier im Sommer Kurzurlaub. Doch die Anklageschrift, die am Montag verlesen worden ist, zeigt die andere, schmutzige Seite des Badeorts an der Costa del Sol.

Rocas System der Korruption erstreckte sich über Parteigrenzen hinweg, die Mehrheit im Stadtrat wurde seit Mitte der Neunziger über viele Jahre geschmiert. Fast die gesamte Elite der Stadt hatte sich kaufen lassen.

Erstes Amtsenthebungsverfahren seit dem Ende der Franco-Diktatur

Die gigantische Korruption in Marbella hat auch zu Ermittlungen in der gesamten Costa del Sol geführt. Oft im Zentrum der Staatsanwälte: die Partei des berüchtigten Baulöwen Jesús Gil, der Anfang der Neunziger Bürgermeister in Marbella war. Er starb, bevor das korrupte Netzwerk dort hochgenommen wurde.

2006 hatte Spaniens Regierung unter Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero den Stadtrat aufgelöst und Marbella unter eine unabhängige Verwaltung gestellt, bis ein Jahr darauf ein neuer Stadtrat gewählt wurde. Es war das erste Mal, dass Spanien nach Ende der Franco-Diktatur zu einer solchen Amtsenthebung griff.

Nun sitzen auf der Anklagebank zwei ehemalige Bürgermeister Marbellas, darunter Julián Muñoz, dem zehn Jahre Haft drohen. Er folgte Jesús Gil ins Amt. Auch die frühere Vize-Bürgermeisterin Isabel García Marcos ist angeklagt. Im Zuge der Ermittlungen wurde ihr Telefon überwacht. "Ich werde keine Papiere unterschreiben oder auch nur lesen, wenn ich kein Geld bekomme", hatte García Marcos in einem abgehörten Telefonat über einen Bauantrag gesagt. In ihrer Wohnung fanden Ermittler knapp 380.000 Euro in 50-Euro-Scheinen.

Der Prozess wird voraussichtlich ein Jahr dauern.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
IchOnline 28.09.2010
1. Politikergier
Ich finde es beinahe schade, dass die Sachlage bei uns hier nicht auch so grotesk einfach ist...
groj 28.09.2010
2. Wer?
Zitat von IchOnlineIch finde es beinahe schade, dass die Sachlage bei uns hier nicht auch so grotesk einfach ist...
Sagt den das es hier anders ist?
Transmitter, 28.09.2010
3. Es ist hier noch schlimmer. Nur etwas diskreter eingestielt.
Zitat von IchOnlineIch finde es beinahe schade, dass die Sachlage bei uns hier nicht auch so grotesk einfach ist...
Das "beinahe" werte ich mal so, dass es hierzulande meist viel schlimmer, brutaler und gewissenloser zugeht. Unsere verluderten, durch und durch korrupten, sich aus Berufspoltikern zusammensetzenden "Herrscher-Eliten" stecken sich noch viel dreister die Taschen voll und verraten das bereits weitgehend verblödete Volk noch viel perfider, als es die Kommunalpolitikerchen Marbellas je tun konnten. Wir wissen doch, was aktive und ehemalige Berufspoltiker, ihre Günstlinge und Schranzen, politisch besetzte Bankvorstände, Aufsichtsräte, Berater, EU-Beamte bis hinunter in unbedeutende Funktionen usw. usw. so abzocken. Das sind immer und in jedem einzelnen Fall Millionen. Und wie die an ihre Posten und "Berufungen" kommen, wissen wir auch.
KaaBee, 28.09.2010
4. Richtig
Zitat von TransmitterDas "beinahe" werte ich mal so, dass es hierzulande meist viel schlimmer, brutaler und gewissenloser zugeht. Unsere verluderten, durch und durch korrupten, sich aus Berufspoltikern zusammensetzenden "Herrscher-Eliten" stecken sich noch viel dreister die Taschen voll und verraten das bereits weitgehend verblödete Volk noch viel perfider, als es die Kommunalpolitikerchen Marbellas je tun konnten. Wir wissen doch, was aktive und ehemalige Berufspoltiker, ihre Günstlinge und Schranzen, politisch besetzte Bankvorstände, Aufsichtsräte, Berater, EU-Beamte bis hinunter in unbedeutende Funktionen usw. usw. so abzocken. Das sind immer und in jedem einzelnen Fall Millionen. Und wie die an ihre Posten und "Berufungen" kommen, wissen wir auch.
Wobei in letzter, sprich schwarzgelber, Zeit recht unverfroren zu Werke gegangen wird.
marypastor 28.09.2010
5. Das ist ueberall so.
Zitat von sysopDem Bürgermeister drohen zehn Jahre Haft, bei der Stellvertreterin fand man 50-Euro-Scheine in Massen, und das halbe Stadtparlament war gekauft: Seit Montag steht die frühere Elite des Badeorts Marbella vor Gericht. Es ist der größte Korruptionsprozess in der Geschichte Spaniens. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,719884,00.html
Wer ordentlich Geld machen will, muss in die Politik gehen. Aber: dafuer braucht man eine ganz perfiden Charakter. Und den hat nicht jeder.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.