Korruptionsvorwürfe gegen Putin Ein Premier, ein Traumschloss, viele Gerüchte

Verschwörungstheorien haben in Russland Hochkonjunktur, jetzt trifft es Wladimir Putin. Ein Unternehmer wirft dem Premier Korruption und Unterschlagung vor. Er soll sich am Schwarzen Meer heimlich eine gigantische Luxusvilla bauen lassen. Der Regierungschef dementiert entschieden.

DPA

Von , Moskau


Wenn Russlands Bürger keinen Ausweg mehr sehen, setzen sie sich an den Computer und schreiben eine Mail - oder sie greifen zum Füller. Tausende senden ihre Klagen jedes Jahr an den Mann, in den sie ihre Hoffnungen setzen. Die Briefe sind adressiert "an den Präsidenten der Russländischen Föderation. Dmitrij Anatoljewitsch Medwedew. Moskau. Kreml."

So beginnt auch das Schreiben, das den mächtigsten Mann im Lande ins Wanken bringen soll: Wladimir Putin, Russlands Premierminister und Medwedews politischer Ziehvater. Ein Geschäftsmann aus St. Petersburg hat sich in einem Schreiben an den Kreml-Herrn gewandt und erhebt schwere Vorwürfe gegen den Regierungschef. Putin, so schreibt Sergej Kolesnikow, lasse sich an Russlands Schwarzmeerküste eine riesige Villa bauen. Ein Palast, überfließend vor Luxus, "im Stile eines italienischen Palazzo". Dazu kämen ein Casino, ein Theater für den Winter, ein Amphitheater für die warmen Sommer, ein Teehäuschen, Schwimmbäder und ein Hubschrauber-Landeplatz sowie ein Weinberg für besonders edle Tropfen.

Die Kosten des Projektes bezifferte Kolesnikow - "Rechnungen und Kostenvoranschlägen nach zu urteilen" - auf eine Milliarde Dollar, also rund 770 Millionen Euro.

Eine Milliarde für eine Villa? Das klingt abstrus.

Was treibt Kolesnikow zu solchen Spekulationen? Der Unternehmer hält sich derzeit im Ausland auf. Seine Anschuldigungen gegen Putin wiederholte er in einem Interview, das er der angesehenen Moskauer Wirtschaftszeitung "Wedomosti", einem Schwesterblatt der "Financial Times", per Skype gab. Der Petersburger gibt an, lange Jahre selbst für Unternehmen gearbeitet zu haben, bei denen Geld für Putin abgezweigt worden sei - auch aus staatlichen Quellen.

Rekordverdächtiger Betrag

Selbst für Russland, dessen Oligarchen eine Vorliebe für luxuriöse Yachten pflegen, wäre der Betrag rekordverdächtig. Seit Putins Amtsantritt als Präsident im Jahr 2000 sei die Summe durch "eine Kombination von Korruption, Bestechung und Diebstahl" zusammengerafft worden, führt Kolesnikow aus. So habe die neue Führung erst kremlfreundliche Oligarchen zu großzügigen "Spenden" für den Ankauf medizinischer Technik bewegt. Dann aber seien 35 Prozent des Auftragswerts für Putin abgezweigt und auf Konten im Ausland umgeleitet worden, so Kolesnikow.

Die Schlüsselrolle bei den undurchsichtigen Deals kam demnach einem engen Freund Wladimir Putins zu: Nikolai Schamalow. Schamalow, dessen Vermögen das russische Wirtschaftsmagazin "Finans" auf 240 Millionen Dollar schätzt, war für eine Stellungnahme für SPIEGEL ONLINE nicht zu erreichen. Der Geschäftsmann, der russischen Medien zufolge unter anderem für den deutschen Siemens-Konzern tätig war, gründete 1996 gemeinsam mit Putin die Datschen-Kooperative "Osero - See". Die Eigentümer der Ferienhaus-Siedlung gehören heute zu den wichtigsten Figuren in der russischen Wirtschaft: zum Beispiel Wladimir Jakunin, Chef der staatlichen Eisenbahngesellschaft und Juri Kowaltschuk, Hauptaktionär der Großbank "Rossija - Russland".

Schamalow soll nun angeblich im Auftrag Putins den Bau der Luxus-Datscha vorantreiben. Das Projekt firmiere unter dem Codenamen "Süden", so Kolesnikow. Der riesige Komplex soll demnach unweit des beliebten Kurortes Gelendschik am Ufer des Schwarzen Meers entstehen. Ganz in der Nähe liegt Sotschi: die Stadt, die 2014 die Olympischen Winterspiele austragen darf, Putins Prestigeprojekt. Der Sprecher des Ministerpräsidenten dementierte sofort: "Putin hatte und hat mit diesem Palast nichts zu tun", sagte Dmitrij Peskow.

Es ist nicht das erste Mal, dass es Korruptionsvorwürfe gegen hochgestellte russische Politiker gibt. Ende Januar 2010 etwa geriet Präsident Medwedew selbst ins Zwielicht. Auch damals ging es um den Bau einer Luxus-Datscha am Schwarzen Meer. Der Kreml bestritt damals, in das Projekt involviert zu sein.

Intrigenspiel in Moskau

Über Putins Reichtum kursieren bereits seit längerem fragwürdige Angaben. So taxierte der Moskauer Politologe Stanislaw Belkowski sein Privatvermögen vor den Präsidentschaftswahlen 2008 sogar auf satte 40 Milliarden Dollar. So viel seien die Aktienpakete von Öl- und Gasunternehmen wert, die der Politiker angeblich kontrolliere. Plausibel sind diese Zahlen nicht wirklich - Putin würde mit einem solchen Vermögen unter die Top 5 der reichsten Menschen vorstoßen, in die Sphären von Bill Gates (geschätztes Vermögen 56 Milliarden) und Warren Buffett (52 Milliarden). Ikea-Gründer Ingvar Kamprad (33 Milliarden) und auf der "Forbes"-Liste der Superreichen immerhin auf Platz 4 würde damit sogar hinter Putin landen.

Russlands Premier selbst konterte die Vorwürfe süffisant. "Es ist wahr, ich bin der reichste Mann, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt", seufzte Putin rührselig auf einer Pressekonferenz. "Ich bin reich. Denn ich sammle Gefühle und Emotionen. Und Russland hat mir zweimal das große Glück gegeben, ihm zu dienen."

Ungeheuerliche Vorwürfe waren unter Berufung auf italienische Politiker sowie ausländische Diplomaten auch in einer Depesche des früheren US-Botschafters in Rom zu finden: Putin profitiere gemeinsam mit seinem Männerfreund Silvio Berlusconi von Energiegeschäften zwischen Italien und Russland. Die Vorwürfe "entbehrten jeder Grundlage", dementierte Putin-Sprecher Dmitrij Peskow die Vorwürfe gegenüber dem SPIEGEL. Beide seien lediglich "Gleichgesinnte, wenn es um die Verwirklichung großer internationaler Energieprojekte" gehe.

Noch nie wurden ähnliche Anschuldigungen mit Beweisen unterfüttert. So ist es auch diesmal: Weder gibt es Aufnahmen von der angeblichen Villa, noch den Beleg, dass sie für Putin errichtet wird.

Fakt dagegen ist, dass viele Freunde Putins ganz erstaunliche Geschäftserfolge vorweisen können. Im Ranking der reichsten Russen machte etwa Putins Bekannter Gennadi Timtschenko binnen eines Jahres 375 Plätze gut und landete mit einem geschätzten Vermögen von 4,15 Milliarden Dollar auf Rang 23. Um immerhin noch 315 Positionen schoben sich Arkadij und Boris Rotenburg nach vorn. Die Gebrüder, deren Vermögen auf rund 900 Millionen Dollar taxiert wird, sind mit dem Regierungschef seit gemeinsamen Zeiten als Judoka in St. Petersburg bestens vertraut.

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur

Unklar bleibt, warum Kolesnikow jetzt an die Öffentlichkeit gegangen ist. Einst handelte der Unternehmer selbst erfolgreich mit Medizinausrüstung. Dann fügte er sich jahrelang den Anordnungen von Putin-Intimus Schamalow, in dessen Diensten er stand. "Warum hat Kolesnikow das getan?" rätselt ein Geschäftsmann aus St. Petersburg im Gespräch mit der Zeitung "Wedomosti". "Er ist doch früher nicht als Dissident aufgefallen."

Verschwörungstheorien sind in Russland an der Tagesordnung. Im Vorfeld der Ende des Jahres anstehenden Parlamentswahlen haben sie Hochkonjunktur.

Unzählige Gerüchte geistern durch die russische Hauptstadt, meist lanciert von interessierten Kreisen, die um Einfluss, Macht und Geld ringen. Manchmal greifen diese sogar zu härteren Mitteln und bringen etwa Videos mit kompromittierendem Material über den Rivalen in Umlauf. "Kompromat" oder "schwarze PR" heißt diese Technik im Volksmund.

Es gilt: Bewiesen oder nicht, es bleibt immer etwas hängen.

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Seite 1
CHANGE-WECHSEL 13.01.2011
1. Beweise gibt es und es passiert doch nichts!
Zitat von sysopVerschwörungstheorien haben in Russland Hochkonjunktur, jetzt trifft es Wladimir Putin. Ein Unternehmer wirft dem Premier Korruption und Unterschlagung vor. Er soll sich*am Schwarzen Meer heimlich*eine gigantische Luxus-Villa bauen lassen. Der Regierungschef dementiert entschieden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,738912,00.html
Was helfen Beweise? Es gibt Beweise, dass die Quandts mit Hilfe der Faschisten ihr Reich vergrößert haben und nach dem Krieg mit Hilfe etlicher Politiker! Wurde ihnen trotz Beweise bis heute der Prozess gemacht? Nein! Es gibt Beweise, dass AWD Menschen betrogen hat! Wurde dem Eigentümer von AWD Maschmeyer bis heute der Prozess gemacht? Nein! Es gibt die Bushs, es gibt die Kennedys, es gibt die Krupps, es gibt die Bettencourts, es gibts die Clintons, es gibt die Berlusconis, es gibt die Sarkozzy, es gibt die Chenys und und und Und es gibt zu allen Familien und Personen Beweise für Betrug, Bereicherung, Korruption, Untreue, Steuerhinterziehung und bei dem ein und anderen wahrscheinlich auch direkten oder indirekten Mord. Doch was geschieht? Nichts. Und diese Länder nennen sich dann noch eine Demokratie. Der Unterschied von einer kapitalistischen Demokratie zum kapitalistischen Kommunismus ist: Die Macht- und Besitzverhältnisse "der Elite" werden größtenteils neu verteilt. Das Volk ist dabei nicht betroffen, denn in beiden Systemen zieht es in Wahrheit den Kürzeren. Doch um das Volk dumm zu halten und deren Unterstützung zu bekommen, hetzt die eine Elite gegen die "Kommunisten" und "Sozialisten" und die anderen hetzten gegen die "kapitalistischen Demokratien". Das Volk braucht die Elite nicht, aber die Elite das Volk!
mitwisser, 13.01.2011
2. warum daran überhaupt noch gezweifelt wird?
"Über Putins Reichtum kursieren bereits seit längerem fragwürdige Angaben. So taxierte der Moskauer Politologe Stanislaw Belkowski sein Privatvermögen vor den Präsidentschaftswahlen 2008 sogar auf satte 40 Milliarden Dollar. So viel seien die Aktienpakete von Öl- und Gasunternehmen wert, die der Politiker angeblich kontrolliere. Plausibel sind diese Zahlen nicht wirklich - Putin würde mit einem solchen Vermögen unter die Top 5 der reichsten Menschen vorstoßen, in die Sphären von Bill Gates (geschätztes Vermögen 56 Milliarden) und Warren Buffett (52 Milliarden). Ikea-Gründer Ingvar Kamprad (33 Milliarden) und auf der "Forbes"-Liste der Superreichen immerhin auf Platz 4 würde damit sogar hinter Putin landen. Russlands Premier selbst konterte die Vorwürfe süffisant. "Es ist wahr, ich bin der reichste Mann, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt", seufzte Putin rührselig auf einer Pressekonferenz." Wie niedlich - und dieses Theater glaubt ihm die westliche Journallie auch. Bei seinem Vorgänger Jelzin geht man von rund 50 Milliarden Dollar aus -abgezweigt aus internationalen Geldern zur Stabilisierung Russlands. http://www.spiegel.de/politik/ausland/a-38418.html Warum soll Putin, der gerissener und vermutlich auch bedenkenloser ist, dann keine 10 Milliarden haben? Es handelt sich bei Russland um eine Präsidial-Demokratie oder auf Deutsch - um einen Selbstbedienungsladen für die Nomenklatura. Die Baial-Finanzgruppe hatte seinerzeit den Zuschlag bei der "Versteigerung" der Yukos-Anteile erhalten. Experten gingen davon aus, daß diese Gruppe an diesem Tag rund 12 Milliarden Dollar Gewinn gemacht hat. Da der Wert absichtlich nach unten taxiert wurde. Wer wird wohl hinter dieser Gruppe gestanden haben? http://www.faz.net/s/RubC9401175958F4DE28E143E68888825F6/Doc~E822786DEA6CB4E10969C3CDF4FBE3D48~ATpl~Ecommon~Scontent.html
dirkgruenwald 13.01.2011
3. warum keine Satellitenfotos?
Wenn ihr schon einen solchen Artikel veröffentlicht, warum besorgt ihr euch dann keine aktuellen Satellitenfotos. So ist das jetzt noch nicht einmal eine runde Geschichte und wird wohl verrissen werden - von irgendwelchen Putin-Freunden. Sehr schade, daß so unvollkommen recherchiert wird.
Deepthought42.0815 13.01.2011
4. alt aber bedenklich
Die Vorwürfe sind alt und mMn äußerst wahrscheinlich. Nicht unbedingt dieser konkrete Villa- oder Palastbau, sondern das Vermögen im 2-stelligen Milliardenbereich das er abgezockt hat - und zwar sicher nicht in seiner Zeit als KGB-Offizier...:-) Nicht umsonst ist auch Schröder so an seiner Freundschaft zu diesem "lupenreinen" Demokraten interessiert. Wo Geld ist gibt es imemr dekandentes Vergnügen, wie z.B. auch bei Maschmeyer, obwohl der sicher ggü. Putin nahe zu arm ist.:-)
jetrabbit 13.01.2011
5. Warum sollte Putin
sich nicht ein Haus bauen dürfen. Putin gilt wohl unumstritten als der grösste Präsident Russlands seit 60 Jahren. Als Gorbatchev und Jelzin die Mafia in Russland einführten und Russland durch Ausverkauf den westlichen Konzernen anbot, musste Putin natürlich notgedrungen handeln. Er hat die Mafia aus dem Land geschmissen, oder wie bei ex Mafiosi Chodorkovsky, der nicht gehen wollte eben weggesperrt... Kurz um, Putin hat sein Haus sicherlich verdient.
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