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Behördenversagen auf Kos: Kein Strom, keine Betten, keine Klos

Aus Kos berichtet

Flüchtlingselend auf Kos: Die selbstgemachte Krise Fotos
Getty Images

Hunderte Menschen kommen täglich auf Kos an - ein Auffanglager aber gibt es nicht für sie auf der griechischen Insel. Die Behörden haben offenbar nur ein Ziel: Schnell weg mit den Fremden!

Ein junger Mann aus Pakistan sitzt in der Sonne und trocknet sein Handy und Geld. Er ist gerade erst auf der griechischen Insel Kos angekommen. Die letzten Meter musste er vom Schlepperboot springen und an Land schwimmen. Alles ist noch nass.

Kos erlebt wie die anderen griechischen Inseln nahe der türkischen Küste seit Monaten einen Ansturm: Rund 600 Menschen kommen nach Angaben der Küstenwache allein hier jeden Tag an. Für jedes Land wäre das eine enorme Herausforderung. Doch man hat den Eindruck: Es wird in Griechenland noch nicht einmal versucht, der Lage Herr zu werden.

Auf Kos gibt es kein einziges Auffanglager für die Flüchtlinge. Die örtlichen Behörden stellen ihnen auch keine Unterkunft oder sanitäre Anlagen zur Verfügung. Essen und Trinken kaufen sich die Flüchtlinge selbst in den Kiosken und Supermärkten der Insel.

Am Rande der Stadt Kos steht das unmöblierte Hotel "Captain Elias". Der Besitzer ging vor Jahren pleite, seitdem steht es leer. Vor Monaten hieß es, die örtlichen Behörden wollten dort die Flüchtlinge unterbringen, aber getan haben sie seitdem nichts.

Katastrophale Zustände im inoffiziellen Lager

Das Gebäude dient nun als inoffizielles Flüchtlingslager: Hunderte Menschen aus aller Welt wohnen darin, aber es wird von niemandem betrieben. Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" hat sechs Dixie-Klos in den Garten gestellt und besucht mit ihren Ärzten das Hotel regelmäßig. Griechische Freiwillige verteilen dort Essen. Doch ansonsten sind die Menschen darin auf sich gestellt. Es gibt nicht einmal Strom.

Im "Captain Elias" fühlt man sich nicht mehr wie in Europa: Die Menschen hausen in selbstgebauten Hütten aus Palmenblättern im Garten. Abends zünden sie sich offene Feuer an, auf denen sie sich Reis kochen, den sie selbst bezahlt haben. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es noch keinen größeren Brand gegeben hat.

Es gibt keinen einzigen Syrer im Hotel "Captain Elias", obwohl sie die größte Gruppe der Flüchtlinge auf Kos stellen. Lieber schlafen sie im Freien entlang der Strandpromenade, als mit ihren Kindern und Frauen zwischen den jungen Männern aus Pakistan, Afghanistan oder Mali zu hausen.

Bisher waren vor allem junge Männer aus Syrien unterwegs. Doch mittlerweile ist das Elend dort offenbar so groß, dass Familien mit Säuglingen, junge Frauen, Schwangere, Alte sich auf den Weg machen. Sie brauchen sanitäre Anlagen. Sich wie die Männer mit nacktem Oberkörper im Meer oder an einem Wasserschlauch notdürftig zu waschen, ist für sie undenkbar.

Die Flüchtlinge zahlen die Fähre nach Athen selbst

Im Gegensatz zur Versorgung funktioniert dagegen die Bürokratie auf Kos: Jeder Neuangekommene muss sich erst bei der Küstenwache melden. Diese arbeitet aber nur zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens. Danach muss jeder Angekommene sich bei der Polizei registrieren. Das kann dauern, denn es gibt nur wenige Beamte. Kos hat in den vergangenen Tagen das Tempo bei der Registrierung jedoch erhöht: Die langen Warteschlangen sind deutlich geschrumpft.

Es scheint, als wollten die örtlichen Behörden von Kos vor allem eines erreichen: Nichts wie weg mit den Flüchtlingen. Wer registriert ist, darf eine Fähre aufs griechische Festland nehmen und von dort weiter über den Balkan nach Westeuropa. Die Fähre nach Athen zahlen die Flüchtlinge selbst: 40 bis 50 Euro pro Person. Die griechischen Reeder machen keinen Hehl daraus, dass es für sie ein ausgezeichnetes Geschäft ist. Die Fähren sind immer ausgebucht.

Das Hauptanliegen der örtlichen Behörden ist offenbar, dass die Flüchtlinge auf der Ferieninsel nicht zu sehen sind. Diese Woche hatten die Polizisten sie bereits von der Strandpromenade vertrieben und in ein Sportstadion gesperrt, drei Tage lang in der prallen Sonne. Viele erlitten einen Hitzeschlag.

Um sich mit Wasser und Essen zu versorgen, mussten die Flüchtlinge über das spitze Gitter aus dem Stadion herausklettern. Manche wurden dabei verletzt. Der Bürgermeister von Kos, Giorgis Kyritsis, schickte Polizisten ins Stadion. Sie gingen mit Schlagstöcken und Feuerlöschern gegen die Flüchtlinge vor. Der Bürgermeister warnte vor einer Eskalation der Krise und Blutvergießen. Dabei war das Problem selbstgemacht.

Kyritsis will weiterhin keine Auffanglager auf Kos einrichten. Am Freitag Nachmittag kam eine Fähre an. Es soll ausschließlich syrische Flüchtlinge aufnehmen und für deren Registrierung dienen, bevor es möglichst schnell weiter nach Athen geht. Was mit den anderen Flüchtlingen geschieht, ist unklar.

Zur Autorin
Raniah Salloum ist Redakteurin im Politikressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Raniah_Salloum@spiegel.de

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Flüchtlinge: Krawalle auf griechischer Insel Kos
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Griechenland: Flüchtlingselend auf Kos

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