Aufteilung des Kosovo Auf dem Balkan drohen blutige Tragödien

Serben und Albaner einigen sich womöglich schon bald über die Aufteilung des Kosovo. Das könnte auch anderswo Nationalisten beflügeln - und für den ganzen Balkan gefährlich werden.

Kosovos Präsident Hashim Thaci
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Kosovos Präsident Hashim Thaci

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Bruder Sava Janjic hält nicht viel von mönchischer Einkehr, er mischt sich lieber ein. Seit damals im Kosovokrieg vor 20 Jahren. Statt sich in der kühlen Stille seines Klosters Visoki Decani betend wegzuducken, saß der serbisch-orthodoxe Mönch am Computer. Per E-Mail und auf der Internetseite seiner Abtei, die mitten im albanisch besiedelten Kosovo liegt, berichtete er der Welt über die Untaten beider Seiten, der serbischen Soldateska wie der albanischen Rebellen.

Bruder Sava war so etwas wie ein früher Blogger, die einzige authentische Stimme, die aus dem Kampfgebiet die Welt informierte. Das brachte ihm den Spitznamen "Cyber-Monk" ein, Bewunderung - und maßlose Beschimpfungen.

Derzeit gilt Mönch Sava in Belgrad wieder als Verräter. Premier Aleksandar Vucic und sein kosovarischer Amtskollege Hashim Thaci planen nämlich das Kosovo entlang ethnischer Grenzen zu teilen. Darüber wollen sie am Freitag in Brüssel bei einem von der EU moderierten Treffen reden. Der serbisch besiedelte Norden um die Stadt Mitrovica soll an Serbien gehen, das Kosovo wird mit dem albanisch besiedelten, aber noch zu Serbien gehörenden Presevo-Tal entschädigt.

Aber Mönch Sava ist dagegen. In Vucics und Thacis Augen ist der Vorschlag ein Mittel, den jahrelang schwelenden Streit um die einstige jugoslawische Provinz beizulegen, in den Augen des Geistlichen jedoch ein Spielplan für neue Tragödien auf dem Balkan. Ethnische Teilungen sind ein Verhängnis, das ist Savas Botschaft, eine Haltung, die im zerstrittenen Ex-Jugoslawien selten und unpopulär ist: "Es wird sich immer jemand auf der falschen Seite der neuen Grenze finden", sagt er. Flucht und Vertreibung werden das Resultat sein. Und außerdem schaffe die Teilung des Kosovo einen Präzedenzfall für ethno-nationalistische Bestrebungen auf dem ganzen Balkan.

Obwohl mehrheitlich albanisch besiedelt, spielt das Kosovo in der serbischen Nationalmythologie eine zentrale Rolle. 1389 focht hier, auf dem Amselfeld, ein serbisch geführtes Heer eine entscheidende Schlacht gegen den Vormarsch des osmanischen Sultans.

Der jugoslawische Staatschef Tito räumte den muslimischen Albanern in der Provinz Kosovo Autonomierechte ein, die Belgrad aber gegen Ende der kommunistischen Zeit immer weiter einschränkte. Dagegen formierte sich in den Achtzigerjahren die kosovarische Unabhängigkeitsarmee UCK. Als der Konflikt eskalierte und immer mehr zivile Opfer forderte, griff die internationale Gemeinschaft ein. Die serbische Armee wurde vertrieben, das Kosovo ein Nato-Protektorat. 2008 wurde es schließlich in die Unabhängigkeit entlassen.

Amerika und die EU sind die Schutzmächte des Balkans

Den erhofften Frieden brachte das jedoch nicht: Serbien erkannte die Unabhängigkeit nie an, entlang des Flusses Ibar verläuft die ethnische Trennlinie, die das Kosovo in einen serbisch und einen - viel größeren - albanisch besiedelten Teil trennt. Nicht selten kommt es auf den Ibar-Brücken zu Prügeleien.

Dass der Grenzverlauf zwischen Kosovo und Serbien jetzt von Vucic und Thaci in Frage gestellt wird, hat damit zu tun, dass Europa und die USA ihre Haltung in der Kosovo-Frage offenbar aufgeweicht haben. Amerika und die EU sind faktisch die Schutzmächte des Balkans: Ihre Truppen beendeten die Massaker und hielten die streitenden Ethnien jahrelang auseinander. Geld aus Brüssel hält das Kosovo bis heute am Leben.

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Zehn Jahre unabhängiges Kosovo: Europas unfertiger Sorgenstaat

Grenzen auf dem Balkan werden nicht geändert - so lautete bisher das Credo hinter der transatlantischen Balkanpolitik. Die Welt hatte eine Abkehr vom Ethno-Nationalismus verordnet. Die Staaten der Region sollten gefälligst lernen, mit ihrem Jahrhunderte alten Multikulturalismus klarzukommen.

Doch unter Donald Trump ist Amerika lax geworden. Washington habe nicht unbedingt etwas dagegen, wenn Serben und Albaner eine Lösung fänden, sagte sein Sicherheitsberater John Bolton unlängst. Eine Ethnie, ein Staat. Diese primitive Logik versteht sogar der amerikanische Präsident.

Auf dem Balkan ist Nachgiebigkeit gefährlich

Und auch die EU hat den Teilungsplänen bisher nicht energisch widersprochen. Das Bündnis ist mit sich selber beschäftigt, mit dem Brexit und den Flüchtlingen. In fast allen Ländern gewinnen zudem Parteien politisch an Boden, die zutiefst nationalistisch denken.

Doch auf dem Balkan ist Nachgiebigkeit gefährlich: Lassen Amerika und Europa eine Teilung des Kosovo nach ethnischen Kriterien zu, legitimiert das auch andere Rufe nach Grenzkorrekturen. Es könnten sich die Albaner im mazedonischen Tetovo zu Wort melden. Der alte Traum vom Großalbanien, der Vereinigung des Kosovo mit Albanien im Süden, könnte Auftrieb erhalten. Moldawier könnten den Anschluss an Rumänien fordern.

Vor allem wäre Bosnien in Gefahr. Das Land ist durch den Friedensvertrag von Dayton 1996 in einen serbischen Teil, die Republika Srpska, und eine kroatisch-bosnische Föderation geteilt. Sollten, beflügelt durch neue Grenzziehungen im Kosovo, Kroaten und Serben den Anschluss an die jeweiligen Mutterländer fordern, wäre sogar Blutvergießen nicht ausgeschlossen. Denn es gibt keine ethnisch homogenen Gebiete in Bosnien.

Sollte es zu neuem Streit um Grenzziehung in der Region kommen, wären Instabilität, Unsicherheit und wirtschaftliche Stagnation die Folge. Das sind klassische Fluchtursachen. Europa müsste mit mehr Migranten vom Balkan rechnen, müsste sich wieder stärker dort engagieren, diplomatisch, im schlimmsten Fall militärisch.

Es sieht nicht aus, als könne es auf Unterstützung aus den USA hoffen. Nicht unter diesem Präsidenten.

Im Video: Balkan-Flüchtlinge - Abschiebung aus Deutschland

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knok 07.09.2018
1.
Was wäre die Lösung? Ein wirklich geeintes Europa, in dem nationalistische Spielchen hinfällig wären. Zunächst einmal ist es begrüßenswert, dass Albanien und Serbien möglicherweise vor einer Einigung stehen. Das Problem sind aber ohnehin zumeist die Politiker, wenigstens in der jüngeren Generation ist es nicht mehr von Bedeutung, ob jemand Kroate, Serbe, Bosnier oder Albaner ist. Eine Vereinte EU der Regionen, der dann eben auch die Staaten des Westbalkans angehören, wäre eine Zukunftsvision. Dann wäre eine Unabhängigkeit des Kosovo, der Republika Srpska, Kataloniens oder Nordirlands auch kein so großes Problem mehr. Was die Analyse zu den USA angeht, kann ich dem Artikel nur zustimmen. Von diesem Präsidenten ist keine Hilfe zu erwarten. Allerdings hat China ein großes Interesse an der Region und dürfte an Instabilität nicht interessiert sein - mit den Chinesen könnte die EU Unterstützung leisten. Mal ganz davon abgesehen: anstelle wiederholter negativer Berichterstattung: Die Region ist wunderschön, hat sehr freundliche Menschen, ist entwickelter als man glaubt und für Touristen absolut sicher. Und wer nicht auf Beton-Pauschalreisen steht, an Kultur und/oder Natur interessiert ist, wird sich in BiH, Serbien, Albanien oder dem Kosovo sehr wohl fühlen.
luckylurker 07.09.2018
2. Schöne Ouvertüre...
... Herr Puhl, aber einfach nur schelcht recherchiert oder nichts vom Balkan verstanden. Wenn Bruder Sava Janjic etwas gegen die Aufteilung Kosovos hat dann ist es deswegen weil so Serbien (praktisch für immer) anerkennen wird dass viele Klosther, unter anderem auch das im Artikel genannte Visoki Decani, sich ausserhalb Serbiens befinden werden. Statt dessen möchte die Kirche und viele Nationalisten den aktuellen Zustand hinnehmen und lieber auf „bessere Zeiten“ warten.
n - n 07.09.2018
3. Komisch ...
... Tschechen und Slowaken haben sich recht friedlich geeinigt. Deutsche und Dänen haben sich bei Flensburg geeinigt - obwohl dort auch lange um die Grenze gekämpft worden war. Die Grenze war ja auch schon mal kurz hinter Hamburg ! Es scheint also zu gehen. Vielleicht müßte das nur moderiert werden an einem runden Tisch mit großen Landkarten mit dem Ziel, eine friedliche Lösung zu finden. Die Frage ist ja auch: Wer hat wann diese Grenzen gezogen - gegen den Willen von Bevölkerungen. Hier könnte Brüssel mal was unter Beweis stellen !
World goes crazy 07.09.2018
4.
"Als der Konflikt eskalierte und immer mehr zivile Opfer forderte, griff die internationale Gemeinschaft ein." NATO = internationale Gemeinschaft? Das ist vielleicht ein bisschen weit gegriffen... "Amerika und die EU sind faktisch die Schutzmächte des Balkans: Ihre Truppen beendeten die Massaker und hielten die streitenden Ethnien jahrelang auseinander." Wenn man bedenkt, dass "der Westen" erst nach der Offenlegung des Hufeisenplans effektiv eingriff. Der Hufeisenplan der erwiesenermaßen auf einer Lüge basiert und der erst dazu führte, dass die serbisch-"restjugoslawische" Armee sich radikailisierte...Massaker bzw. gezielte Erschießungen / Kriegsverbrechen (obwohl, vermutlich nur wenn es kein Amerikaner ist der abdrückt...) fanden im Bosnienkrieg definitiv statt, im Kosovo gibt es immer noch keine zweifelsfreien Belege, gerade auch weil "unsere" NATO und einige Mitläufer noch Erkenntnisse und Dokumente zurückhalten. Der Kosovokrieg basiert aber trotzdem gesichert auf einer Lüge...die Aussage "westliche Schutzmacht" ist deswegen ironisch. Eine Aufteilung um zukünftig auch den Weg beider Länder gen EU / Europa zu öffnen und um dem Nationalismus etwas entgegenzusetzen ist immerhin ein guter Ansatz. Klar das Amselfeld lege dann in Albanien, aber man sollte sich eher mit Stolz an die (verlorene) Schlacht erinnern und akzeptieren, dass die Migration und Vertreibungen der Vergangenheit uns dahin geführt haben, wo wir heute alle sind und leben, als sich wegen einer nationalistischen (eigentlichen) Banalität zu streiten.
k-lab 07.09.2018
5. ...EU an der eigenen Nase fassen
„....die sollen gefälligst mit der Multikulturellen Mischung klar kommen“. Eben EU- du bitte aber auch! Ungarn, Polen, Italien, Frankreich und nicht zuletzt Deutschland sind nicht gerade Vorbildhaft für den Balkan was Multikulti angeht. Zu Tito’s Zeiten hat Multikulti zu 95% funktioniert. Es wurde anders, als die EU den Sozialismus aus Europa verdrängen wollte und dadurch die Bombe am Balkan zu platzen brachte. Danke EU! Austeilen ist immer leicht.
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