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Exodus aus dem Kosovo: Flucht aus dem gelähmten Land

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Armut im kleinen Balkanstaat: Nichts wie weg aus dem Kosovo Fotos
AP

In Scharen fliehen die Menschen aus dem Kosovo - vor Korruption, Drogenhandel, Armut. Wer sich nicht mit den mächtigen Clans verbündet, hat keine Chance in dem kleinen Balkanstaat.

Eigentlich müsste die Staatschefin des Kosovo in diesen Tagen ihre Auftritte zur Unabhängigkeitsfeier vorbereiten - am 17. Februar wird die frühere jugoslawische Republik sieben Jahre alt. Doch Atifete Jahjaga hat derzeit anderes zu tun. Sie macht Straßensozialarbeit.

Seit Wochen besucht die ehemalige Polizistin fast täglich Städte und Gemeinden im Land. Sie geht auf Menschen zu, die an Busbahnhöfen oder vor Banken warten, hört sich ihre Sorgen an. Während sie in strömendem Regen schon mal selbst ihren Schirm in der Hand hält, richtet sie eindringliche, fast flehentliche Appelle an die Bürger: "Bleibt hier! Es ist keine Lösung, wegzugehen! Unsere Zukunft ist hier, nur gemeinsam können wir dieses Land aufbauen!"

Atifete Jahjaga hat im Unterschied zu den meisten anderen kosovarischen Politikern zwar einen guten Ruf, doch überzeugen kann sie viele Landsleute mit ihren Appellen nicht. "Exodus" - so lautet in diesen Tagen eines der meistbenutzten Worte in den Schlagzeilen kosovarischer Medien. Im vergangenen halben Jahr sollen 50.000 Menschen das Kosovo verlassen haben, darunter allein 35.000 in den vergangenen anderthalb Monaten. Dem Land mit seinen nur 1,8 Millionen Einwohnern laufen die Menschen in Scharen davon.

Politikerin Jahjaga: Die Appelle nützen wenig Zur Großansicht
REUTERS

Politikerin Jahjaga: Die Appelle nützen wenig

Grund ist in erster Linie die katastrophale wirtschaftliche Lage. "Das Kosovo war und ist das ärmste Land in ganz Südosteuropa", sagt die Migrationsforscherin Besa Shahini vom Thinktank "European Stability Initiative" (ESI). Shahini sucht derzeit oft Menschen an Busbahnhöfen im Kosovo auf. "Die Migrationszahlen steigen schon seit einigen Jahren kontinuierlich an, insofern geht es nicht um ein neues Phänomen", sagt sie. "Aber derzeit gibt es so etwas wie einen Schneeballeffekt. Es ist in den vergangenen Jahren leichter geworden, die Grenzen zu passieren, die Angebote der Schleuser werden billiger. So verlassen immer mehr Menschen, vor allem junge Leute und junge Familien, das Kosovo."

Schon vor seiner Unabhängigkeit lebte das Land zum großen Teil von internationaler Finanzhilfe. Hinzu kommen die Überweisungen seiner Gastarbeiter aus dem Ausland, zumeist aus Deutschland und der Schweiz. Im Kosovo verdienen Beschäftigte im Durchschnitt 250 Euro im Monat, medizinische Versorgung gibt es praktisch nur gegen Bargeld. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 27 Prozent, in Wirklichkeit wohl bei mehr als dem Doppelten. Nach Weltbank-Angaben lebt ein Drittel der Einwohner unter der Armutsgrenze.

Doch nicht nur die Armut treibt die Menschen aus dem Land. Das Kosovo gilt neben Albanien und Montenegro als eine der Drehscheiben für Prostitution, Menschenschmuggel sowie Drogen- und Waffenhandel. Korruption und organisierte Kriminalität sind weit verbreitet. Wer keine Beziehungen hat oder nicht mit den Clans in den politischen Parteien verbandelt ist, hat wenig Karrierechancen.

Streit zwischen Kosovo-Albanern und Serben lähmt das Land

Auch politisch ist das Kosovo seit Langem instabil. Nach den Wahlen im Juni 2014 dauerte es wegen politischer Querelen zwischen den Parlamentsparteien sechs Monate, bis sich eine Regierungskoalition zusammenfand. In der Zwischenzeit herrschte Stillstand.

Kaputter Zaun nahe der serbisch-ungarischen Grenze: "Nur weg" Zur Großansicht
AFP

Kaputter Zaun nahe der serbisch-ungarischen Grenze: "Nur weg"

Auch der Konflikt zwischen Kosovo-Albanern und der serbischen Minderheit sowie zwischen dem Kosovo und Serbien lähmt das Land, wie sich erst wieder in den vergangenen Wochen zeigte. Ende Januar kam es bei Protesten gegen den kosovarischen Arbeitsminister Aleksandar Jablanovi, einen ethnischen Serben, zu schweren Ausschreitungen in der kosovarischen Hauptstadt Pristina. Jablanovi hatte sich abfällig über albanische Demonstranten geäußert, die serbische Pilger am Besuch eines Klosters hatten hindern wollen.

"Viele Menschen im Kosovo haben die Situation im Land einfach satt und wollen nur noch weg", sagt Iliriana Kaçaniku, die bei der Kosovo Foundation for Open Society (KFOS) als Expertin für EU-Integration arbeitet. Das Kosovo habe sehr viel internationale Finanzhilfe erhalten, ausländische Missionen wie Eulex hätten Aufbauhilfe leisten sollen, berichtet Kaçaniku. Doch die Korruption sei nicht beseitigt, ein Rechtsstaat nicht geschaffen worden.

"Möglicherweise will Serbien das Kosovo destabilisieren"

Ausdrücklich weist sie auf die Verantwortung der EU-Rechtsstaatlichkeitsmission Eulex hin, die vergangenes Jahr in eine Korruptionsaffäre verwickelt war: Eulex-Angestellte, die im Kosovo eigentlich rechtsstaatliche Strukturen aufbauen sollten, sollen mitgeholfen haben, Gerichtsverfahren gegen korrupte Politiker einzustellen.

Doch warum verlassen erst jetzt so viele Kosovaren ihre Heimat? "Möglicherweise will Serbien das Kosovo destabilisieren", spekuliert der Publizist Adriatik Kelmendi. Offenbar gibt es kaum Grenzkontrollen, weder an der kosovarisch-serbischen Grenze, die Serbien ohnehin nicht anerkennt, noch an der Grenze zu Ungarn. In Belgrad wiederum beschuldigen serbische Politiker die Regierung im Kosovo, das Migrationsproblem anzuheizen, um mithilfe der EU zu erreichen, dass Serbien das Kosovo endlich anerkennt.

Die kosovarische Präsidentin Jahjaga äußert sich nicht zu den Spekulationen. Sie fordert die Politiker im Land auf, mehr für Rechtsstaatlichkeit und gegen Korruption zu tun, um den Exodus aufzuhalten.

Die Staatschefin macht aber nicht nur Straßenarbeit: Anfang Januar besuchte sie im südkosovarischen Ort Ferizaj die Angehörigen von Ali Fetahu. Der 54-Jährige war einige Tage zuvor kurz hinter der ungarischen Grenze tot im Schnee gefunden worden. Er hatte auf seiner Flucht offenbar einen Herzinfarkt erlitten und war dann erfroren. Ali Fetahu war Vater von sechs Kindern. Er wollte im Ausland arbeiten, Geld nach Hause schicken - und seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 408 Beiträge
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1. Wo bleibt...
Thybalt 13.02.2015
Wo bleibt die NATO, die den Landstrich mal wieder mit einer völkerrechtswidrigen Bombardierung "befreien" könnte?
2. und warum
Andreas58 13.02.2015
berichten die Medien erst jetzt von den Zuständen im Kosovo ?
3. Tja
troy_mcclure 13.02.2015
Das Kosovo wollte damals unbedingt die Unabhängigkeit und schon damals war ziemlich sicher, dass es als eigener Staat nicht bzw. kaum überlebensfähig ist.
4.
siewillswissen 13.02.2015
Möglicherweise will Serbien das Kosovo destabilisieren? Nein liebe Kosovaren, bedankt Euch bitte bei Deutschland und der Nato für Euer Schicksal. Ihr wollt euch persönlich bedanken? Ja gerne, kommt einfach zu uns rüber. Man kann über alles reden
5. Bezeichnend
horstmueller 13.02.2015
Nach 7 Jahren "Unabhängkeit" und weitgehender Vertreibung der Nichtalbaner sind immer noch die Anderen am eigenen Elend schuld. Die Serben, die EU, sonstwer: aber dass die eigenen Bürger mit erschreckender Regelmäßigkeit hochgradig dubiose Figuren in politische Ämter heben, das scheint man nicht zu bemerken. Nach 7 Jahren sollte der Rausch des Nationalismus doch abgeklungen sein und man sich nüchtern überlegen, wie man endlich sowas wie eine rechtsstaatliche Struktur und ein Wirtschaftsmodell zusammenbringt. Ich vermute, zum 10-Jahres-Jubiläum wird es exakt dieselben Zitate geben. "Serbien blockiert uns", "die EU korrumpiert uns"...
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