Außenminister des Kosovo "Wie ein Gefängnis mitten in Europa"

Wer das Kosovo verlassen kann, geht: Der kleine Balkanstaat mit großer Armut und Kriminalität drängt deshalb in die EU. Außenminister Thaçi erklärt im Interview, warum die Isolation seines Landes beendet werden müsse.

Ferik Alihajdaraj

Zehntausende Kosovaren ließen sich in diesem Jahr durch illegale Schlepper nach Deutschland schmuggeln. Viele sagen, sie hätten den Glauben an ihre Regierung in Pristina endgültig verloren und sehen keine Zukunft im eigenen Land. Unaufgearbeitete Kriegsverbrechen und mafiöse Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik lähmen die junge Republik. Wer kann, geht.

Wichtigste Voraussetzung für eine Wende wäre ein Friedensvertrag mit Serbien. Denn nur dann besteht für beide Länder die Aussicht, irgendwann Mitglied in der Europäischen Union zu werden. Doch die kürzlich in Brüssel wieder aufgenommenen Verhandlungen unter der Führung der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini endeten erneut im Streit.

Die Empfindlichkeiten sind auch 16 Jahre nach dem Kosovokrieg groß. Die Serben wollen für ihre Minderheit im Norden des Kosovo einen Sonderstatus erwirken, die Albaner dagegen ein klares Bekenntnis zu einem vereinten, unabhängigen Kosovo. Ihre Forderung: Die Serben sollen sich künftig aus dem Kosovo heraushalten. Selbst über die Vorwahlnummer ist man sich uneins.

Der Außenminister und ehemalige Premierminister des Kosovo, Hashim Thaçi, 47, äußert sich im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die EU-Fähigkeit seines Landes - und die schweren Anschuldigungen gegen seine Person:

Zur Person
  • Susanne Koelbl
    Hashim Thaçi, 47, ist Außenminister des Kosovo. Von 2008 bis 2014 war er der erste Ministerpräsident der Republik seit ihrer Unabhängigkeitserklärung.
SPIEGEL ONLINE: Herr Minister, die Kosovaren sehen offenbar keine Zukunft im eigenen Land. Warum schaffen Sie keine Perspektiven?

Thaçi: Im Fernsehen und in den Zeitungen wurde behauptet, dass Deutschland Arbeitskräfte braucht. Das war eine Falschmeldung, die wahrscheinlich von Kriminellen bezahlt wurde, die mit ihren falschen Versprechungen Geschäfte machten. Aber diese Migrationswelle ist beendet.

SPIEGEL ONLINE: Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent. Woran liegt das?

Thaçi: Das Kosovo ist zwar ein Land der Möglichkeiten, leider mit noch vielen ungeklärten Fragen. Wir haben Kupfer- und Goldminen und andere Rohstoffe. Aber die Investoren kommen erst langsam. In Deutschland habe ich gerade mit einigen Unternehmensvertretern gesprochen. Wir hoffen, dass Siemens den Energiesektor ausbauen wird.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit Ihrem Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier auch über legale Einwanderung nach Deutschland verhandelt?

Thaçi: Unsere Landsleute können bisher nur nach Mazedonien,Albanien und in die Türkei reisen. Die Bürger sehen die Welt im Netz, sie können aber nicht dorthinhinreisen, obwohl ein Flug nur wenig Geld kostet. Das ist wie ein Gefängnis, mitten in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Ihre junge Balkanrepublik gilt als korrupter Mafiastaat und scheint so gar nicht geeignet für eine EU-Kandidatur. Warum sollte Brüssel dem Kosovo die Mitgliedschaft anbieten?

Thaçi: Weil die Isolation und die Ungerechtigkeiten gegen das Kosovo genau das verstärken, was Sie gerade aufzählen: Kriminalität und wirtschaftlichen Niedergang. Ein Kosovo außerhalb Europas ist für die EU viel gefährlicher als das Mitglied Kosovo. Der sogenannte "Islamische Staat" versucht schon jetzt, unter den frustrierten Bürgern, die überwiegend Muslime sind, Sympathisanten zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Eine der Voraussetzungen für einen EU-Beitritt wäre die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen. Aber den kosovarischen Abgeordneten gelingt selbst 16 Jahre nach dem Krieg nicht, mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit für ein Sondertribunal zu stimmen.

Thaçi: Ja, manche wollen dieses Kapitel am liebsten für immer schließen. Aber wir müssen das Land von seinen dunklen Schatten befreien. Das Sondertribunal wird kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen selbst werden schwerste Verbrechen zur Last gelegt: Auftragsmorde, Drogenhandel, Erpressung, sogar der skrupellose Handel mit Organen serbischer Kriegsgefangener. Sind Sie sicher, dass Sie sich ein unabhängiges Gericht leisten können?

Thaçi: Das mit den gehandelten Organen ist reine Fantasie. Ein Produkt der Propaganda unserer Feinde, die es mit Verleumdungen versuchen, seit sie den Krieg verloren haben. Ich glaube an die Wahrheit und habe nichts zu fürchten.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den Belegen für Kriegsverbrechen an den Serben, die Geheimdienste und Staatsanwälte gegen Sie und andere Kommandeure der Befreiungsarmee UÇK zusammengetragen haben?

Thaçi: Ich kann nicht ausschließen, dass Individuen Misshandlungen verübt haben. Aber die UÇK hat einen gerechten Krieg geführt und ihn gewonnen, wir haben die Unabhängigkeit erreicht und werden auch ein Tribunal überstehen. In fünf Jahren können wir in der Nato sein und in zehn Jahren in der EU.

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