Krach zwischen Türkei und Israel "Der moderne Antisemitismus ist ein Import aus dem Westen"

Ehemals enge Verbündete, liegen die Türkei und Israel derzeit im Clinch. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der türkisch-jüdische Historiker Rifat Bali die Vertrauenskrise zwischen den beiden Staaten und spricht über den weiterverbreiteten Antisemitismus und Verschwörungstheorien in der Türkei.

REUTERS


SPIEGEL ONLINE: Herr Bali, seit dem Gaza-Krieg und Erdogans Auftritt vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos haben sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel dramatisch verschlechtert. Manche sprechen bereits von einem Ende der "strategischen Partnerschaft". Sehen Sie das auch so?

Bali: Nein, denn die türkisch-israelischen Beziehungen waren schon immer fragil und sie sind seit 60 Jahren der politischen Konjunktur unterworfen. Auch in den achtziger Jahren, nach dem Militärputsch in der Türkei, wurden die diplomatischen Kontakte schon einmal nahezu eingefroren. Wir erleben eine Krise, aber keinen Bruch. Auf längere Sicht wird sich das Verhältnis wieder einrenken.

SPIEGEL ONLINE: Danach sieht es im Moment aber gar nicht aus. Vor zwei Wochen wurden die Israelis von einem gemeinsamen Militärmanöver ausgeladen. Und im türkischen Staatsfernsehen TRT läuft gerade "Ayrilik" ("Trennung") - eine Serie, in der israelische Soldaten palästinensische Kinder abschlachten.

Bali: Solche Sendungen sind nicht neu. Antiisraelische Bücher und Filme sind ein fester Bestandteil der türkischen Kulturindustrie. Diese Stimmung haben sich Politiker schon oft zueigen gemacht. Neu ist allerdings, dass der jetzige Ministerpräsident deutlich härtere Worte wählt als seine Vorgänger. "Ihr wisst, wie man tötet" hat Tayyip Erdogan gegenüber Schimon Peres gesagt, auf dem Weltwirtschaftsforum. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass Erdogan eine sehr stolze Person ist. Er fühlte sich persönlich hintergangen, als die Israelis in den Gaza-Streifen einmarschierten. Schließlich hatte ihn noch kurz zuvor Ehud Olmert in Ankara besucht und versichert, keinen Militärschlag zu planen.

SPIEGEL ONLINE: Das war der Auslöser der jetzigen Krise?

Bali: Ja, aber es gab noch einen weiteren Affront: Als die Israelis vor einigen Wochen Außenminister Ahmet Davutoglu nicht in den Gaza-Streifen einreisen ließen. Und natürlich sind die Türken nachhaltig gekränkt, dass man ihre Vermittlungsbemühungen zwischen Syrien und Israel offenbar schon seit längerem nicht mehr ernst nimmt, jedenfalls nicht von israelischer Seite.

SPIEGEL ONLINE: Gekränkt sind jetzt auch die Israelis, vor allem über das abgesagte Manöver.

Bali: Eine Lebensmittelkette in Israel will türkischen Kaffee boykottieren. Und es gibt einen Boykottaufruf für den türkischen Botschaftsempfang zum "Feiertag der Republik" am 29. Oktober. Die Israelis sind irritiert. Sie sind nicht gewöhnt, dass den scharfen Worten aus Ankara auch Taten folgen. Auch der türkische Ex-Premier Bülent Ecevit hatte ja vom "Völkermord gegen die Palästinenser" gesprochen, aber er hätte es bestimmt nicht gewagt, den Israelis das Fliegen zu verbieten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal reingeschaut in die Fernsehserie "Ayrilik"?

Bali: Ja, leider. Das Problem ist, dass der Palästinakonflikt dort als Religionskonflikt dargestellt wird, nach dem Motto Juden versus Muslime. Das entspricht natürlich nicht der Wahrheit, ist aber Wasser auf den Mühlen der Antisemiten. Wobei die TV-Serie gar nicht nötig gewesen wäre. Es gibt jede Menge Filme und Tageszeitungen in der Türkei, die seit Jahren antisemitische Botschaften unters Volk bringen. Und die scheinen zu funktionieren: In einer aktuellen Umfrage heißt es, dass über 40 Prozent aller Türken keine Juden als Nachbarn wollen.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Eklat von Davos schien der Premierminister immerhin bemüht, zwischen Kritik an den Juden und Kritik an Israel zu unterscheiden.

Bali: Erdogan ist kein Antisemit, aber ein Populist. Er betrachtet sich als Stimme des Volkes. Er sagt Dinge, die auch der einfache Mann auf der Straße richtig findet. Wenn er zum Beispiel während eines Vortrages an der Yildiz-Universität in Istanbul die Studenten dazu aufruft, von den Juden zu lernen - weil die ja wüssten, wie man Geld macht - ist das etwas, was auch der einfach gestrickte Mann so hätte sagen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst das die Situation der etwa 20.000 türkischen Juden? Fühlen sie sich bedroht?

Bali: Unter Nachbarn und Geschäftspartnern gibt es wenig Probleme, man kennt und respektiert sich. Während des Gaza-Krieges gab es zwar Leute die gerufen haben "Kauft nicht bei Juden", aber von größeren Gewalttaten ist das Land seit den Terroranschlägen im November 2003 auf zwei Synagogen in Istanbul verschont geblieben. Ansonsten unterscheidet die türkische Presse gerne zwischen guten und bösen Juden: Der gute Jude ist der, der Israel kritisiert. Und der böse Jude wird bei "Ayrilik" abgebildet. Dabei hält sich die türkisch-jüdische Gemeinschaft mit politischen Aussagen eher zurück. Sie ist viel zu schwach, sie hat gar keine andere Wahl als neutral zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: In der offiziellen Geschichtsschreibung wird die Türkei ja traditionell als Zufluchtsort für die verfolgten Juden Europas beschrieben - in der es praktisch keinen Antisemitismus gab. Können Sie das bestätigen?

Bali: Das ist ein sehr weißes Bild. Die Wirklichkeit war grauer. In den ersten 25 Jahren nach Gründung der türkischen Republik wurde den Minderheiten viel abverlangt. Es gab eine Vermögensteuer mit höherem Steuersatz für Nicht-Muslime und jüdische Flüchtlinge aus Europa wurden nur begrenzt aufgenommen. Es stimmt aber, dass der moderne Antisemitismus, wie wir ihn heute kennen, aus dem Westen importiert wurde. Mit Schriften wie den "Protokollen der Weisen von Zion", in denen von einer jüdischen Weltverschwörung die Rede ist. Solche Verschwörungstheorien fielen in der Türkei auf fruchtbaren Boden.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Bali: Viele haben den Untergang des Osmanischen Reiches einfach nicht verkraftet, genauso wenig wie die Abschaffung des Sultanats. Als Sündenböcke boten sich die Juden an. So lautet eine These, dass der Sturz des letzten Sultans Abdülmecid von den Zionisten angezettelt wurde - aus Rache, weil ihnen der Sultan zuvor kein Land in Palästina gewähren wollte. In der islamistischen "Milli Görüs"-Bewegung des ehemaligen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan werden solche Thesen bis heute ganz offen vertreten. Daraus leitet sich ein radikaler Antisemitismus ab.

SPIEGEL ONLINE: Und wie erklären Sie sich, dass die Situation für die Juden in der Türkei dennoch so rosig gezeichnet wird?

Bali: Das hat politische Gründe. Der wichtigste Grund hat mit dem Armenierproblem der Türkei zu tun: Seit Jahrzehnten versuchen Armenier in aller Welt, die Türkei dazu zu bewegen, den Völkermord von 1915 anzuerkennen. Um zu verhindern, dass etwa im US-amerikanischen Kongress eine entsprechende Resolution eingebracht wird, spielt Ankara die "jüdische Karte". Schaut her, wie tolerant wir mit unseren Juden waren, lautet die Botschaft. Sind wir etwa imstande, einen Völkermord zu begehen? Bei dieser Strategie spielten die jüdischen Organisationen in den USA gerne mit. Schließlich galt Ankara bislang als wichtiger Verbündeter Israels.

SPIEGEL ONLINE: Die guten Beziehungen zwischen Israel und der Türkei hingen also immer auch davon ab, inwieweit Israel bereit war, den Komplizen in der Armenierfrage zu spielen?

Bali: So ist es. Die türkisch-israelischen Beziehungen waren immer eine Interessengemeinschaft. Deswegen glaube ich auch, dass sie überleben werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber welche Interessen hat die Türkei noch an einer "strategischen Partnerschaft" mit Israel?

Bali: Einer der Grundsätze der neuen türkischen Außenpolitik lautet "null Probleme" mit ihren Nachbarn und in der Region zu haben. Das beinhaltet Israel, auch unter schwierigen politischen Verhältnissen, vor allem wenn die Türkei ein Vermittler in der Region bleiben will. Die entscheidende Frage aber lautet: Wie verhält sich die Türkei, wenn im schlimmsten Fall eine militärische Konfrontation zwischen Israel und Iran oder den USA und Iran droht? Letzten Endes muss jeder Partei beziehen.

Das Interview führte Daniel Steinvorth



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