Krawalle bei Paris Sarkozy ruft zur Krisensitzung

Medien sprechen von "Ansteckungsgefahr", die Polizei warnt vor einer "bewaffneten Stadtguerilla" - angesichts der Krawalle in Pariser Vorstädten wächst die Sorge vor einer brutalen Gewalteskalation. Präsident Sarkozy hat eine Krisensitzung von Ministern und Behörden anberaumt.


Paris - Es ist die Rückkehr eines Alptraums. Nachdem vor zwei Jahren wochenlange Unruhen Frankreich erschütterten, brennen in den Pariser Vorstädten einmal mehr die Barrikaden. "Ansteckungsgefahr", warnt heute die Zeitung "Libération" - ein Flächenbrand droht.

Die zweite Nacht in Folge war es vor allem in Villiers-le-Bel zu Ausschreitungen gekommen. Mehr als 80 Polizisten wurden bei den Unruhen verletzt. Mit bislang ungekannter Brutalität gingen die Randalierer vor: Aus Schrotflinten sei auf die Beamten geschossen worden, sagte Innenministerin Michèle Alliot-Marie. Sie rief die Bevölkerung auf, die "Straftäter" zu isolieren. Drei Beamte seien schwer verletzt, weil sie im Gesicht, insbesondere in der Nähe der Augen, von Kugeln getroffen worden seien.

Die Polizeigewerkschaft Synergie läutete die Alarmglocken. "Wir fürchten ein Drama, weil sich unsere Kollegen nicht endlos beschießen lassen, ohne das Feuer zu erwidern", sagte ihr Generalsekretär Patrice Ribeiro dem Sender RTL. Selbst verletzte Beamte, die sich in Notfallstationen behandeln lassen wollten, seien von Jugendlichen bedroht worden. Die jüngsten Ausschreitungen seien gewalttätiger gewesen als im Herbst vor zwei Jahren, sagte Ribeiro. "Wir haben es mit einer bewaffneten Stadtguerilla zu tun."

Nach den ersten Krawallen in Villiers-le-Bel weiteten sich die Unruhen bis auf die fünf Nachbargemeinden Ermont, Cergy, Goussainville, Sarcelles und Garges-les-Gonèsse aus. Die Randalierer steckten mehr als 70 Autos und öffentliche Gebäude in Brand, darunter eine Bibliothek, wie die Präfektur mitteilte. Sechs Personen wurden festgenommen.

Auslöser der Gewalt war ein tödlicher Motorradunfall am Sonntagnachmittag. Larami und Mouhsin, 16 und 15 Jahre alt, waren mit ihrem nicht für die Straße zugelassenen Mini-Motorrad mit einem Streifenwagen zusammengeprallt und noch am Unfallort gestorben. Nach ersten Ermittlungen trugen die Beamten keine Schuld an dem Unfall, laut mehreren Zeugen leisteten sie aber auch keine Erste Hilfe. Eine Untersuchung wegen unterlassener Hilfeleistung wurde eingeleitet.

Vor zwei Jahren war es nach dem Tod zweier Teenager während einer Verfolgungsjagd der Polizei zu den schlimmsten Unruhen seit 40 Jahren gekommen.

Präsident Nicolas Sarkozy berief eine Dringlichkeitssitzung der für die innere Sicherheit verantwortlichen Minister und Behördenchefs ein. An dem Treffen nehme unter anderen Innenministerin Alliot-Marie und Ministerpräsident Francois Fillon teil, erklärte Sarkozys Sprecher. Die Beratungen sollen morgen nach der Rückkehr des Staatschefs von seinem Staatsbesuch in China stattfinden. Fillon besuchte heute den Problemvorort Villiers-le-Bel. Er traf am Vormittag im Rathaus der Vorstadt ein.

Eltern der getöteten Jugendlichen mahnen zur Ruhe

Die Opposition sieht Sarkozy in der Mitverantwortung. Er sei als Innenminister und nun als Präsident seit fünf Jahren für die Krise der Vorstädte zuständig, sagte der sozialistische Abgeordnete Arnaud Montebourg dem Fernsehsender Canal+. "Die Gewalt der Jugendlichen ist nicht zu entschuldigen, aber aus den Unruhen 2005 sind keine Lehren gezogen worden." Die Zahl der Beamten in Villiers-le-Bel sei sogar reduziert worden, die Bevölkerung fühle sich aufgegeben.

Neben Sarkozy hatten gestern auch die Eltern der Opfer zur Ruhe gemahnt, die Jugendlichen sollten den Tod von Larami und Mouhsin respektieren, sagten sie. Der Präsident lud die Eltern inzwischen zu einem Gespräch ein, wie die für Stadtplanung zuständige Staatssekretärin Fadela Amara mitteilte.

Zahlreiche Teilnehmer eines Schweigemarsches für die beiden Jugendlichen waren nach Polizeiangaben später unter den Randalierern, die die Sicherheitskräfte durch ihre Stadt jagten. Die Beamten setzten Wasserwerfer und Gummigeschosse ein. Erst gegen 1 Uhr hatten sie die Lage unter Kontrolle.

phw/AP/AFP/dpa/Reuters



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