Iran, Libanon, Ägypten: Schwere Krawalle erschüttern muslimische Länder

Der Protest gegen den Anti-Islam-Film aus den USA wird immer heftiger. In der muslimischen Welt sind Zehntausende auf die Straße gegangen. Tumulte werden aus Ägypten, dem Jemen und Indonesien gemeldet. Im Libanon gab es einen Toten, vor der US-Botschaft in Tunis sollen Schüsse gefallen sein.

REUTERS

Kairo/Sanaa - Die Lage in vielen muslimischen Ländern ist nach den Freitagsgebeten höchst angespannt. Aus Protest gegen einen Anti-Islam-Film aus den USA sind Tausende Menschen in Ägypten, Bangladesch, dem Jemen und Indonesien auf die Straße gegangen. Einen ersten tödlichen Zwischenfall gab es im Libanon.

  • In der libanesischen Stadt Tripoli starb ein Demonstrant nach Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters wurde der Mann erschossen, als er mit anderen ein Regierungsgebäude stürmen wollte. Mehr als 25 Menschen wurden verletzt. Zuvor hatte die aufgebrachte Menge zwei amerikanische Schnellrestaurants verwüstet.

  • In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa eskalierte die Situation erneut, als Hunderte Demonstranten zur US-Botschaft marschieren wollten. Sicherheitskräfte gaben Warnschüsse ab und setzten Wasserwerfer ein, wie ein AFP-Korrespondent berichtete. Die Demonstranten versammelten sich etwa 500 Meter von der Botschaft entfernt. Sie forderten die Ausweisung des US-Gesandten und verbrannten die US-Flagge. Am Donnerstag waren vier Menschen bei Protesten vor der US-Botschaft in der jemenitischen Hauptstadt getötet worden. Die USA entsenden Marines in den Jemen.

  • In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka versammelten sich vor der größten Moschee des Landes, der Baitul-Mokarram-Moschee, etwa 10.000 Demonstranten. Sie verbrannten israelische und US-Flaggen und riefen Parolen wie "Wir werden keine Beleidigungen unseres Propheten hinnehmen" oder "Zerschmettert die schwarzen Hände der Juden".

    Hunderte Polizisten und Elite-Sicherheitskräfte hielten die Demonstranten mit Wasserwerfern davon ab, zur mehrere Kilometer entfernten US-Botschaft vorzudringen. Die Proteste seien "friedlich" geblieben, sagte Polizeichef Golam Sarwar. Der oberste Geistliche der Moschee, Maolana Mohammad Salahuddin, hatte den US-Film "Unschuld der Muslime" über den Propheten Mohammed in seiner Ansprache an die Gläubigen verurteilt und eine "exemplarische Bestrafung der Filmemacher" gefordert. Zugleich rief er die Gläubigen auf, von Gewalt gegen Menschen oder Dinge abzusehen.
  • Die religiöse Führung Irans verlangte von den USA, die Macher des antiislamischen Schmähvideos zu bestrafen. "Wenn amerikanische Politiker es ehrlich meinen mit ihrer Behauptung, nichts mit diesem Film zu tun zu haben, dann müssen sie diejenigen bestrafen, die für dieses schwere, abstoßende Verbrechen verantwortlich sind", forderte Ajatollah Ali Chamenei nach Berichten staatlicher Medien. "Die US-Regierung und die Zionisten sind die Hauptverdächtigen für dieses abscheuliche und im Rausch begangene Verbrechen, das die Herzen der Muslime weltweit gebrochen hat", wurde Chamenei weiter zitiert. In Iran waren im Anschluss an die Freitagsgebete landesweit Proteste gegen die USA und Israel geplant.

  • In der indonesischen Hauptstadt Jakarta versammelten sich am Freitag fast 500 muslimische Fundamentalisten mit ihren Angehörigen zu einer Demonstration vor der US-Botschaft. Ein Sprecher der für ein Kalifat kämpfenden Organisation Hizb ut-Tahrir, die die Proteste organisiert hatte, nannte den Film "eine Kriegserklärung". Die indonesische Polizei stationierte nach eigenen Angaben bis zu 400 Beamte rund um die US-Botschaft.

  • Auch die ägyptische Hauptstadt Kairo wurde am Freitagvormittag von Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten vor der US-Botschaft erschüttert. Die mächtige Muslimbruderschaft, der früher auch der jetzige Staatschef Mohammed Mursi angehörte, rief zu weiteren Protesten auf.
  • In Jordanien kündigten sowohl die fundamentalistischen Salafisten als auch die Muslimbrüder Demonstrationen an.
  • Attacke in Tunesien: Demonstranten gelang es am Nachmittag, über die Mauer der US-Botschaft in der Hauptstadt Tunis zu klettern. Nach Angaben des Senders al-Dschasira fielen auf dem Gelände Schüsse, Rauch steigt auf. Weitere Details zu dem Zwischenfall sind noch nicht bekannt.

Seit Dienstag gibt es in zahlreichen Ländern Proteste gegen einen US-Film, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird. Dabei kam es zunächst in Libyen und Ägypten zu blutigen Ausschreitungen. Das amerikanische Konsulat im libyschen Bengasi war am Dienstag mit Raketen und Granaten angegriffen worden. US-Botschafter Chris Stevens und drei Mitarbeiter wurden getötet, auch mehrere libysche Sicherheitskräfte starben. Der Angriff ereignete sich am Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001.

Als Reaktion auf die gewaltsamen Ausschreitungen verstärken die USA ihre Militärpräsenz in der Region. Rund 50 US-Marineinfantristen trafen bereits im Jemen ein. Sie sollen die verbliebenen amerikanischen Staatsbürger schützen.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete den Anti-Islam-Film "als eine Provokation". Diese rechtfertige es aber nicht, "Unschuldigen zu schaden oder sie anzugreifen", erklärte er am Freitag im ukrainischen Jalta.

jok/Reuters/dpa

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1. Bitte um Erklärung
graphicdog 14.09.2012
"Zehntausende Demonstranten" Könnte mir ein Moslem bitte folgendes erklären: Die Darstellung des Propheten in Bild oder Film ist, nach dem Koran, nicht erlaubt. Da alle Darstellungen in Print (Karrikaturen) und Film (Van Gogh und der jetzige Müll), sofort als unislamisch und beleidigend identifiziert wurden, müsste es für die Moslems, die Zugang dazu hatten, doch automatisch verboten sein, sich das überhaupt anzusehen. Wenn ich aber weiß, das der Koran mir das Betrachten dieser Zeichnungen, oder Videos, verbietet, wie kann ich mich dann beleidigt fühlen? Ich hätte mir das doch weder anschauen müssen, noch dürfen. Oder?
2. Warum?
wkoker 14.09.2012
Die geistlichen Führer in den islamistischen Staaten sollten ihre Gläubigen beruhigen - und nicht aufwiegeln. Wenn Gläubige zum Mob werden,dann sollte Mohammed die Verantwortlichen bestrafen.
3. Entlarvend
dasistdiezukunft 14.09.2012
---Zitat--- Nach den Freitagsgebeten sind in der muslimischen Welt Zehntausende Menschen auf die Straße gegangen. Tumulte werden aus.... ---Zitatende--- Die islamischen Vorbeter wissen wohl nichts zu predigen, was die Lage entspannen, beruhigen und befrieden könnte.
4. Die sollen sich mal wieder beruhigen
michibln 14.09.2012
Mich nervt diese ewige Beschwichtigungshaltung der westlichen Regierungen langsam.
5. Wie im Mittelalter in Europa
town621903 14.09.2012
Auch wenn diese Aussage politisch nicht korrekt ist: Die meisten Muslime weltweit leben ihren Glauben wie die Christen vor 1000 Jahren. Als Monopol das Glauben und dem daraus abgeleiteten Recht, andere zu töten. Wenn man sich die Geschichte Europa ansieht, werden die Probleme mit dem Islam noch sehr lange dauern.
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