Krawalle in Ägypten Tote bei Protesten gegen Mubarak

Erst Tunesien - und jetzt Ägypten? Auch am Nil gehen die Menschen gegen das herrschende Regime auf die Straße. Bei Protesten in mehreren Städten gab es Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Drei Menschen starben, darunter auch ein Polizist.

REUTERS

Kairo - Solche Proteste hat Ägypten in der Amtszeit von Präsident Husni Mubarak noch nicht erlebt: Tausende Demonstranten haben am Dienstag das Ende von Mubaraks Dauerherrschaft, die Aufhebung des seit Jahrzehnten geltenden Ausnahmezustands und eine Erhöhung des Mindestlohns gefordert.

Bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften sind drei Personen ums Leben gekommen. In der Hauptstadt Kairo starb nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters ein Polizist. Zwei Demonstranten kamen in der Stadt Suez ums Leben. Dort wie auch in Kairo und anderen Städten des Landes waren Tausende Menschen auf die Straße gegangen.

Dem staatlichen ägyptischen Fernsehen zufolge starb der Polizist in der Kairoer Innenstadt, als Demonstranten und Sicherheitskräfte zusammenstießen. Der Polizist sei von einem Stein am Kopf getroffen worden, den ein Demonstrant geworfen habe. Die beiden Toten in Suez sind nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters auf den Einsatz von Gummigeschossen der Sicherheitskräfte zurückzuführen. Die Polizisten gingen auch mit Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor setzten in mehreren Städten Tränengas ein. Mehr als 60 Demonstranten wurden allein in Suez verletzt. Reuters zeigte Videoaufnahmen eines Polizisten, der sich den Protesten anschloss.

Die Protestmärsche in Kairo hatten in der Nähe des Obersten Gerichts begonnen und dehnten sich dann auf mehrere Viertel in der Hauptstadt aus. Den Demonstranten standen bis zu 30.000 Polizisten gegenüber. Die Protestler forderten unter anderem den Rücktritt von Innenminister Habib al-Adli, der für Menschenrechtsverstöße verantwortlich gemacht wird.

"Nieder mit Husni"

Inspiriert von der Revolution in Tunesien haben die Demonstranten auch den Rücktritt des seit drei Jahrzehnten regierenden Staatschefs Mubarak gefordert. "Nieder mit Husni", skandierte die Menschenmenge im Zentrum von Kairo. "Sag deinem Vater, dass die Ägypter dich hassen, Gemal", wurde Mubaraks Sohn symbolisch gerufen. Viele Ägypter glauben, dass dieser von seinem 82-jährigen Vater als Nachfolger vorgesehen ist. Vater und Sohn weisen dies zurück.

Mehrere Gruppen der Opposition hatten zu dem "Tag der Revolte gegen Folter, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit" aufgerufen, der mit dem "Tag der Polizei" zusammenfiel, einem Feiertag zu Ehren der Sicherheitskräfte. Die Initiative wurde auch von dem Oppositionspolitiker und früheren Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohamed ElBaradei, unterstützt.

Der Umfang der Proteste ist für Ägypten ungewöhnlich. Selten kamen dort bislang mehr als ein paar hundert Demonstranten zusammen, Kundgebungen wurden in der Regel schnell von der Polizei aufgelöst.

Die USA riefen die Regierung in Kairo zur Zurückhaltung auf. Das Weiße Haus erklärte, beide Seiten sollten keine Gewalt anwenden. Die Regierung solle auf Proteste friedlich antworten. Das ägyptische Volk habe das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Regierung solle den Bestrebungen des Volkes Rechnung tragen und politische, wirtschaftliche und soziale Reformen, die das Leben verbessern könnten, fortsetzen.

In Ägypten gilt seit knapp 30 Jahren der Ausnahmezustand. Politische Aktivisten werden teilweise von Staatssicherheitsgerichten angeklagt. Die größte Oppositionsgruppe ist die Muslimbruderschaft, die für eine Islamisierung des Staates mit friedlichen Mitteln eintritt.

Proteste in Tunesien

In Tunesien hat sich die Übergangsregierung unter dem Druck anhaltender Straßenproteste zu Zugeständnisse bereit erklärt. Als Reaktion auf die Kritik an der Beteiligung von Gefolgsleuten des gestürzten Machthabers Zine El Abidine Ben Ali kündigte die Regierung Mohammed Ghannouchis am Dienstag eine rasche Kabinettsumbildung an. Auch versprach sie Finanzhilfen für ländliche Regionen und arbeitslose Akademiker.

Am Dienstag protestierten in der Hauptstadt Tunis erneut mehr als tausend Menschen gegen die Beteiligung von Mitgliedern der ehemaligen Regierungspartei. Erstmals gingen auch Demonstranten zur Unterstützung der Übergangsregierung auf die Straße. Dabei kam es zu Zusammenstößen mit den Gegnern. Auf Schildern und Spruchbändern forderten die Regierungsanhänger: "Ja zur Demokratie" und "Nein zum Machtvakuum".

ulz/Reuters/dpa/AFP



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newliberal 25.01.2011
1. Es sind nicht nur politische
Forderungen sondern auch auch und vor allem wirtschaftliche Forderungen. Mehr Arbeitsplätze in Tunesien, höherer Mindestlohn in Ägypten. Die Wirtschaftskrise hat vor allem Schwellenländer ohne Rohstoffe hart getroffen, die Nahrungsmittelpreise steigen. Depressionen machen sich immer zuerst in der Peripherie bemerkbar bevor sie auf das Zentrum übergreifen und dort zu politischen Verwerfungen führen.
joga_bonito 25.01.2011
2. Der Punk geht ab
Guten Abend spon, du titels "Krawalle in Ägypten".hmmm SECHS.Setzen!! Nix aus Tunesien gelernt!
Yabanci Unsur 25.01.2011
3. Zahnlose Tyrannen
Der Greis von Kairo hat seine Trumpfkarte verloren. Die Stabilität des status quo sticht nach der Vertreibung des Despoten von nebenan nicht mehr. Niemand braucht einen Diktator und niemand vermisst ihn. Schlimmer noch: mit jedem verjagten Tyrannen wird die Scheinheiligkeit ihres Herrschaftsanspruchs und die Schäbigkeit ihrer Herrschaft offensichtlicher. Ein positiver Kreislauf setzt ein... Loyalitäten sind vielschichtiger und durch die neuen Medien leicht kommunizierbar und transparenter geworden, auch die der Transmissionsriemen der Macht. Sie können sich vorausschauend nach dem neuen Wind richten und sind nicht unbedingt auf Gedeih und Verderb an ihre Führer gebunden. Völker lernen, sich den Herrschenden immer effektiver zu verweigern. Und man kann sie auch nicht mehr so einfach zusammenkartätschen, weil der Zustand des Landes immer auch ein Abbild der Potenz oder Impotenz ihrer Potentaten ist. Vielleicht brauchen moderne Despoten auch den Anschein, tatsächlich ein Lebenswerk geschaffen zu haben? Wenn diese Lebenslüge offenbar wird, vielleicht verlieren sie dann ihren Biss...
lbm1958, 25.01.2011
4. Naja,
30 Jahre lang warten ist eine lange Zeit. Das kommt mir bekannt vor. Im Alter wird man weise sagt der Volksmundt. Warum tritt der alte Mann in Ägypten nicht einfach ab ? Vorher verspricht er faire Wahlen, egal wer gewinnt. So zerstört er vieleicht nicht sein historisches Andenken.Die Frage ist natürlich ob die islamophoben Geldgeber in den USA und Israel dies zulassen würden.
2010sdafrika 25.01.2011
5. Tunesien als Vorbild!
Es ist durchaus so, dass sämtliche arabische Völker dem Regimesturz in Tunesien mit viel Respekt und Wertschätzung begegnen. Die Jasminrevolte ist ein Vorbild für den Volkswiderstand, die nicht nur in Ägypten seine Anhänger findet, sondern auch in Staaten wie Lybien: http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/01/16/burgerkrieg-droht-in-tunesien-lybiens-blogger-mobilisieren-volk/.
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