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Krawalle in Frankreich: Quittung für Sarkozys uneingelöste Versprechen

Von , Paris

Frankreichs Präsident Sarkozy macht große Politik in China - zuhause erwartet ihn ein ungelöstes Problem: Die Krawalle in Pariser Vorstädten treffen das Staatsoberhaupt ins Mark. Er wollte längst Pläne gegen die Unzufriedenheit in den Banlieues vorlegen.

Paris - Die Visite in der Volksrepublik begann mit dem geplanten Bilderreigen der Elysée-Strategen: Präsident Nicolas Sarkozy beim Austausch von diplomatischen Freundlichkeiten mit der Pekinger Führung, Sektglas-Geklingel zum Abschluss eines 20-Milliarden-Euro Geschäfts (Atomanlagen und Airbus), und ein paar vorsichtige Mahnungen zu Umwelt und Menschenrechten – Frankreichs Staatschef auf Augenhöhe mit den kommunistischen Kadern der neuen Weltmacht.

Zunächst also Glorie für die Heimat und Glanz für den ersten Mann im Elysée – selbst der unselige zehntägige Streik der Eisenbahner, Gasversorger und Elektrizitätswerker war wie vergessen. Und dann wurde Sarkozy im fernen China ausgerechnet vom Krawall der Vorstädte eingeholt: Nach dem Unfalltod zweier Jungen in Villiers-le-Bel am vergangenen Sonntag, mehren sich rund um die Schlafstadt im Norden von Paris Aufruhr-ähnliche Szenen.

Während die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass die beiden Jugendlichen, Moushin 15, und Larami 16, Schuld an dem Zusammenstoß ihres Mini-Motorrads mit einem Polizeiwagen haben, sind ihre Kumpel aus den umliegenden Wohnvierteln überzeugt, dass die Gendarmen die beiden Jungen nach dem Aufprall auf der Straße liegen ließen: "Die Bullen wollten den Tod", sagt einer der Halbwüchsigen, die sich heute am frühen Abend unweit der Unfallstelle versammelten.

Hasserfüllte Wut der Jugendlichen

Sicher ist - die hasserfüllte Wut auf Polizei, Feuerwehrleute und Symbole der Jugendlichen entlud sich, gleich nachdem die Neuigkeit vom tragische Tod der beiden Jungen die Runde machte: In der Nacht zu gestern gingen Autos in Flammen auf, dann flogen auf der kleinen Einkaufsstraße gegenüber vom Bahnhof Villiers-le-Bel Steine auf Fensterscheiben von Banken, Bäckereien, Friseurläden und Immobilienbüros.

Am Abend danach eskalierte der "Schweigemarsch" von Angehörigen und Freunden als neue Konfrontationen mit rund 160 Mann Bereitschaftspolizei: Dieses Mal kamen die Beamten in Bedrängnis, rund 60 wurden verletzt, fünf von ihnen schwer. Und erstmals warfen die Randaliere dabei nicht nur mit Steinen, Flaschen und Schrauben, sondern benutzten offenbar auch Schrotflinten bei ihren Attacken.

Es bleibt nicht nur bei Zusammenstößen in dem bukolischen Villier-le-Bel, wo ein Müllwagen angesteckt wird und die örtliche Bücherei in Flammen aufgeht; die Unruhen greifen inzwischen auf fünf weitere Nachbargemeinden des Departements Val-d’Oise über: 70 Autos wurden abgefackelt, Läden geplündert, Auslagen eingeworfen.

"Szenen einer Stadtguerilla" titelt das Blatt "Le Monde" in der heutigen Abendausgabe, während die Versicherungen versuchen, ihre Schäden zu beziffern. Folgenreicher freilich könnte noch der politische Fall-out des Aufruhrs sein: Denn erstmals seit dem Aufstand der Vorstädte - bei dem im November 2005 die Empörung über den Tod zweier Jugendlicher (im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois) landesweit in wochenlangen bürgerkriegsähnlichen Unruhen gipfelten – droht auch jetzt wieder eine Eskalation zwischen gewaltbereiten Gangs und den Sicherheitskräften.

Plan zur Sanierung der Vorstädte steht noch aus

Der Konflikt trifft Staatsmann Sarkozy auf den Etappen zwischen Peking und Shanghai. Sarkozy, der - 2005 noch Innenminister – sich damals vor allem als "oberster Polizist Frankreichs" verstand und mit martialischem Auftreten und markigen Sprüchen über das "Gesindel" der Vorstädte zur Verschärfung der Atmosphäre beitrug, der später Präsident Jacques Chirac wie Premier Dominique de Villepin allzu zaghaftes Auftreten vorwarf. Im Wahlkampf hatte sich Kandidat Sarkozy dann erst recht als durchgreifender Mann von "Gesetz und Ordnung" empfohlen, zugleich aber auch einen "Marshall-Plan" für Frankreichs Vorstädte angekündigt – also ein grundlegendes Reformpaket für die sozial Ausgegrenzten Bewohner der sogenannten "sensiblen Viertel".

Vorerst ist es bei diesen Versprechen geblieben. Sarkozy ernannte zwar mit Fadela Amara eine engagierte Linke zur Staatssekretärin für Städtepolitik, aber die Streiterin für Frauen- und Minderheitenrechte wird erst zum Jahresende ihren Entwurf zur Sanierung der Vorstädte vorlegen. "In diesen Vierteln hat es in den vergangenen zwei Jahren keine Fortschritte gegeben", sagt der Soziologe Laurent Mucchielli. Er ist Co-Autor einer Studie über die Vorstädte ("Wenn die Vorstädte brennen"), der Versäumnisse bei Sicherheit, Schulen, Arbeitslosigkeit und Status der Immigranten zu den zentralen Problemen der dortigen Bevölkerung zählt.

Derweil nimmt in den Randzonen der Metropolen die Misere zu. Angesichts von Arbeitslosigkeit (Villiers-le-Bel: 40 Prozent) und steigenden Preisen bei den Grundnahrungsmitteln, trifft es dort vor allem die Menschen am untersten Ende der sozialen Rangordnung. Und die einzige Lösung bei sozialen Konflikten bleibt der Einsatz der oft brutal und diskriminierend auftretenden Sicherheitskräfte. "So lange sich die die Lebensbedingungen und das Vorgehen der Polizei nicht ändert", meint Soziologe Mucchielli, "können sich diese Vorfälle stets wiederholen".

Während in Villiers-le-Bel und in den benachbarten Gemeinden die Gendarmerie mit starker Präsenz aufmarschierte, empfahl Präsident Sarkozy von China aus Ruhe als erste Bürgerpflicht. "Ich wünsche, dass jedermann sich abkühlt und dass man es der Justiz überlässt festzustellen, wer bei den einen wie bei den anderen die Verantwortung trägt."

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