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Krawalle in Großbritannien: Studenten stürmen Tory-Zentrale

Tausende britische Hochschüler haben gegen die drastische Erhöhung der Studiengebühren protestiert. Die Demonstrationen mündeten in Krawalle: Dutzende stürmten das Hauptquartier der britischen Regierungspartei in London. Sie warfen Scheiben ein und entfachten ein Feuer vor dem Gebäude.

Studentenprotest: Krawall in London Fotos
AP

London - Britische Studenten müssen künftig deutlich mehr für ihr Studium bezahlen. Die Betroffenen sind wütend - so wütend, dass Dutzende in ein Gebäude eingedrungen sind, in dem sich auch die Parteizentrale der regierenden konservativen Tories befindet. Protestierende warfen Fensterscheiben ein, demolierten Möbel und schleuderten Wurfgeschosse auf Polizisten.

Einigen Studenten gelang es, das Dach zu erklimmen, wo sie Transparente entrollten. Laut BBC warfen sie von dort aus Gegenstände. Vor dem Bau am Themseufer entfachten die Demonstranten ein Feuer.

Die Polizei wurde von der Gewaltbereitschaft der Demonstranten überrascht und war zunächst weitgehend machtlos. Die Protestierenden rissen ihnen Dienstmützen und Helme vom Kopf. Zwei Beamte wurden der Zeitung "Guardian" zufolge verletzt. Die Polizei ging später mit Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor; auch auf Seiten der Studenten gab es Verletzte. Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben acht Menschen in Krankenhäusern behandelt.

Der Vorsitzende der nationalen Studentenvereinigung NUS, Aaron Porter, verurteilte die Gewalt. "Das war nicht Teil unseres Plans", sagte er der BBC zufolge. Protestierende zogen auch vor die Zentrale der mitregierenden Liberaldemokraten.

Studiengebühren könnten sich an einigen Unis verdreifachen

Zuvor hatten Polizeiangaben zufolge 20.000 Studenten friedlich demonstriert, die Veranstalter sprachen gar von 50.000 Teilnehmern. Berichten zufolge waren junge Menschen aus ganz Großbritannien angereist. Es war die größte Demonstration gegen die Regierung seit dem Amtsantritt von Premier David Cameron im Mai.

Die Regierung will den Universitäten erlauben, die derzeit erhobenen Studiengebühren von umgerechnet maximal 3780 Euro pro Jahr zu verdoppeln oder unter "außergewöhnlichen Umständen" fast zu verdreifachen. Die Liberaldemokraten von Vize-Premierminister Nick Clegg tragen die Pläne mit, obwohl sie im Wahlkampf eine Erhöhung der Studiengebühren ausgeschlossen hatten.

Die radikale Universitätsreform ist Teil eines umfassenden Sparplans der liberalkonservativen Regierung. Das nach der Bankenkrise hoch verschuldete Großbritannien kämpft gegen Staatsverschuldung und Rekorddefizit. In den nächsten vier bis fünf Jahren sollen im Staatshaushalt 81 Milliarden Pfund eingespart werden. Hunderttausende Jobs im öffentlichen Dienst stehen auf dem Spiel.

Die Erhöhung der Studiengebühren verkauft Camerons Regierung als alternativlos in Zeiten knapper Kassen. Schon Labour-Premier Tony Blair hatte so argumentiert, als er 1998 zum ersten Mal Studiengebühren von 1000 Pfund pro Jahr einführte und diese 2006 auf 3000 Pfund erhöhte. Neben der erodierenden Finanzbasis des Staates wird auch noch ein zweites Argument angeführt: Die Studenten sollen wie in den USA mehr als zahlende Kunden auftreten - und so den Qualitätsdruck auf die Unis erhöhen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Tausende Studenten seien in das Gebäude mit der Parteizentrale eingedrungen. Tatsächlich waren es Dutzende. Wir haben diesen Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. xxx
Schleswig 10.11.2010
Zitat von sysopTausende Hochschüler haben das Hauptquartier der britischen Regierungspartei in London gestürmt. Die Demonstranten warfen Scheiben ein und entfachten ein Feuer vor dem Gebäude. Der gewalttätige Protest richtet sich gegen die drastische Erhöhung der Studiengebühren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728399,00.html
Da nehmen sich doch die hiesigen 500 € Studiengebühr wie Peanuts aus. Kommen jetzt die Briten hierher zum studieren?
2. Najo...
distributer 10.11.2010
Ruthless Cu*Ts, der fehlende Buchstabe ist "n". Wenn man mal vergleicht: Deutschland ~€500 England ~£3000 Wobei wohl Schottland eine hoechstgrenze von £2048 hat und deshalb den groessten Anstieg an Studenten in ganz UK. Das soll nun nochmal angehoben werden...
3. Man kann halt nicht mehr über seine Verhältnisse leben
digitalturbulence, 10.11.2010
Zitat von sysopTausende Hochschüler haben das Hauptquartier der britischen Regierungspartei in London gestürmt. Die Demonstranten warfen Scheiben ein und entfachten ein Feuer vor dem Gebäude. Der gewalttätige Protest richtet sich gegen die drastische Erhöhung der Studiengebühren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728399,00.html
Jetzt muss GB halt seine Schulden abzahlen.
4. ein Sturm fegt durchs Land
gue5003 10.11.2010
Ja, Studiengebühren rauf, dann sind die besten und würdigsten unter sich.
5. Ende der Geduld
Spiegel-trhekrev 10.11.2010
Man hat sich ja schon seit langem gewundert wie leidensfähig oder gleichgültig die Briten denn eigentlich seien, angesichts der gnadenlosen, sozialen Ungerechtigkeiten, unter denen das Land seit Thatcher ächzt, ohne wirklich auseinanderzubrechen. Nicht erst seit der Finanzkrise konnte man das englische Bildungssystem wohl nur als hochgradig asozial bezeichnen. Viele Eltern haben sich bis auf ihr Lebensende verschuldet, um den Nachwuchs in die teuren Privatschulen und Universitäten zu bringen, die ihnen später eine reale Chance auf dem Arbeitsmarkt ermöglichen. Der Glaube in die hässliche Fratze des angelsächsischen Kapitalismus und das damit verbundene Vorrecht des finanziell besser Gestellten scheint trotzdem ungebrochen. Umso wohltuender ist daher eine Meldung wie diese. Zu sehen wie die unheilige Allianz aus Torys, fetten Katzen und den Restbeständen der Gutsherren ihren langverdienten Tritt in die Fresse erhält, lässt einem wohlige Schauer über den Rücken laufen. Einen Toast auf euch, liebe Nachbarn auf der Insel, auf dass die Wut nicht abflaut, good luck!
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