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Krawalle in Israel: Wie aus einer friedlichen Stadt eine Hochburg des Hasses wurde

Aus Akko berichtet Ulrike Putz

Aufruhr in Akko: Nach den tagelangen Krawallen hat sich die israelische Stadt radikal verändert. Bis vor kurzem galt sie als Symbol einer friedlichen Koexistenz zwischen Juden und Arabern - jetzt feinden sich Nachbarn offen an, bespucken sich. Die Radikalisierung wird zum Massenphänomen.

Akko - "Juden, kauft nur bei Brüdern", steht in hebräischen Schriftzeichen auf dem Betttuch, das zwischen zwei Verkehrsschilder gespannt ist. "Soll heißen: Juden, kauft nicht bei Arabern", erklärt der jüdische Israeli Schimon Ben Schuschan. "Der Slogan ist super, wir haben ihn auch per SMS-Kette verschickt."

Szenenwechsel: "Die Juden wollen uns vertreiben, sie wollen uns umbringen. Deshalb schlagen wir zurück", sagt Walaa Ramal im Restaurant eines arabisch geführten Hotels. "Wenn die Juden nicht mit uns Arabern leben wollen, sollen sie dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind: nach Deutschland, Russland, in die USA."

Willkommen in Akko: Touristenmagnet, Unesco-Weltkulturerbe und Schauplatz der jüngsten Gewalttätigkeiten zwischen Juden und Arabern im Heiligen Land. Strategisch günstig auf einer Landzunge gelegen, ist sie eine der ältesten Städte der Levante – die Jahrtausende lang umkämpft wurde. Viele Größen der Weltgeschichte haben Akko belagert, eingenommen, als Stützpunkt benutzt. Richard Löwenherz machte die Stadt zum Stammsitz seiner Kreuzritter. Später wurde Akko Festungsstadt des osmanischen Reiches, dann scheiterten Napoleons Truppen an ihren Mauern.

Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, sollte die arabische Stadt zu Palästina gehören. Doch im folgenden Krieg eroberte Israel Akko, drei Viertel der Bevölkerung wurden vertrieben oder flohen. Eingewanderte Juden siedelten sich in der Stadt an, die Bewohner arrangierten sich. Akko wurde zur Vorzeigestadt, in der Juden und Araber weitgehend friedlich miteinander lebten – bis zum vergangenen Mittwoch.

Vier Tage und Nächte dauerte die Straßenschlacht

Mit Sonnenuntergang begann der Jom Kippur, das Versöhnungsfest. Am höchsten Feiertag des Judentums ruht traditionell der Verkehr in Israel. Trotzdem fuhr Tauwik Dschamal mit dem Auto nach Hause, in das vor allem von Juden bewohnte Kleine-Leute-Viertel Burla. Seine Fahrt verletzte die religiösen Gefühle seiner Nachbarn, aufgebrachte Juden bewarfen sein Auto mit Steinen, steckten es in Brand. Dschamal wurde verletzt, konnte sich aber in die im achten Stock gelegene Wohnung von arabischen Bekannten flüchten.

Von dort aus beobachtete er, was seine Autofahrt angerichtet hatte: Die Straßenschlacht, die sich Juden und herbeigeeilte Araber lieferten, dauerte vier Tage und Nächte. Mehrere Hundertschaften brauchte die Polizei, um die Lage am Sonntag endlich unter Kontrolle zu bekommen. Zu spät für einige arabische Wohnungs- und viele jüdische Autobesitzer - ihr Hab und Gut ist verloren, in Brand gesteckt von jeweils Andersgläubigen.

Seit Sonntag zieht nun eine Karawane der Betroffenen durch die mühsam befriedete Stadt. Israels Präsident Schimon Peres predigt die Notwendigkeit des friedlichen Zusammenlebens, Rabbis und muslimische Würdenträger reichen sich telegen die Hände.

Doch auch wenn nun viel davon geredet wird, dass es auf beiden Seiten bloß kleine Gruppen von Extremisten gewesen seien, die die Jom-Kippur-Randale veranstaltet hätten - die Ereignisse von Akko sind ein Zeichen dafür, dass der Graben zwischen Juden und Arabern in Israel tiefer wird. Die Radikalisierung ist ein Massenphänomen, sie ist nicht auf die Hamas im Gaza-Streifen beschränkt, und auch nicht auf ein paar fanatische Siedler im Westjordanland. Der fast völlig zum Stillstand gekommene Friedensprozess hat auch Wohlmeinende enttäuscht. Dass in Akko nun bewusst Einigkeit demonstriert wird, entspringt der Angst vor der Zukunft: Was, wenn Akko nur der Anfang war?

Rechtsextreme rufen nach Vertreibung

Die brennenden Häuser und Autos von Akko haben ein Problem beleuchtet, das in Israel ungern behandelt wird, weil es fast unlösbar ist: 20 Prozent der Bevölkerung Israels sind muslimische oder christliche Araber. Ihre Geburtenrate ist so hoch, dass sie den Juden irgendwann die Stellung als größte Bevölkerungsgruppe streitig machen werden. Der jüdische Charakter des Staates Israel wird so auf Dauer nicht gehalten werden können. Einige wenige rechtsextreme jüdische Politiker und Aktivisten rufen deshalb nach der Vertreibung der Araber.

Die breite Masse der Gesellschaft hingegen hat - in stummer Übereinkunft mit der politischen Spitze in Jerusalem - beschlossen, das Problem erst einmal zu verdrängen. Hauptsache, der alltägliche Friede ist gewahrt. Mit allem anderen will man sich lieber erst später beschäftigen. In der Zwischenzeit jedoch wächst der Unmut der israelischen Araber: Obwohl sie auf dem Papier gleichwertige Bürger sind, lebt die Mehrheit von ihnen schlechter als ihre jüdischen Mitbürger.

Für diese - von rechten Israelis manchmal angezweifelte - Tatsache haben Muslime und Christen neuerdings einen prominenten Kronzeugen. "Es ist keine Frage, dass die arabische Bevölkerung viele Jahre lang aus verschiedenen Gründen sehr bewusst diskriminiert worden ist", sagte der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert am Sonntag in Jerusalem.

"Araber sollen in einem Ghetto wohnen"

In Akko strickt sich derweil jede Konfliktpartei aus Gerüchten und Halbwahrheiten ihre Version der Ereignisse zusammen, gegen die Fakten keine Chance haben. "Die muslimischen Geistlichen haben über die Lautsprecher der Moscheen dazu aufgerufen, Juden zu jagen", ist zum Beispiel Schimon Ben Schuschan überzeugt. Mit diesem - längst widerlegten Gerücht – begründet der Offizier der Luftwaffe seinen Aufruf zum Boykott arabischer Geschäfte. Da nützt es auch nichts, dass der Polizeichef von Nordisrael, Schimon Koren, am Montag deutlich sagte, vor allem jüdische Aufwiegler hätten die Krawalle angeheizt.

Es gibt viele Indizien dafür, wie verhärtet die Fronten in Akko sind. Da ist Uriel Abekasis, der glaubt, dass die Araber nicht in jüdische Viertel ziehen sollen dürfen. Abekasis sagt, Araber sollten in der Altstadt wohnen, "in einem Ghetto. Ich weiß, dass sich das furchtbar anhört, aber es ist die einzige Lösung."

Dann ist da der arabische Halbwüchsige, der sagt, dass es niemals zwei getrennte Staaten für Juden und Araber geben darf. "Wir haben einen Anspruch auf ganz Palästina, das ist unser Ziel. Wenn die Juden bleiben wollen, bitte, aber dann müssen sie unter unserer Regierung und nach unseren Gesetzen leben." Und dann ist da noch die radikal-islamische Hamas, die die Palästinenser angesichts dieser "ethnischen Säuberungen" auffordert, alle Friedensverhandlungen zu stoppen.

Verlierer sind wie immer die kleinen Leute. Alle 20 arabischen Familien im umkämpften Stadtteil Burla mussten noch in der ersten Nacht unter Polizeischutz aus ihren Häusern und Wohnungen fliehen. Seitdem harren sie im arabischen Teil der Stadt aus und wissen nicht, ob sie je zurückkehren werden. "Zwei Mal haben wir in den vergangenen Tagen versucht, nach Hause zu gehen und ein paar Sachen zu holen", sagt Walaa Ramal. Immer hätten jüdische Jugendliche sie in die Flucht geschlagen und die Polizei-Eskorte gleich dazu. Ramal glaubt, dass die Juden zurück nach Europa sollen, wenn sie sich als Gäste in Palästina nicht benehmen.

Es war die Wohnung der Familie Ramal, in die sich der Autofahrer Dschamal in der Unglücksnacht geflüchtet hatte. "Es war entsetzlich", sagt die 20-Jährige. Fünf Polizisten standen gegen einen Mob von Hunderten. Stundenlang fürchtete die Familie, im nächsten Moment gelyncht zu werden. Am schlimmsten jedoch war der Augenblick, als die Polizei die Familie in den Polizeiwagen geleitete: "Wir wohnen seit zehn Jahren über einer Familie aus Russland. Die haben schon bei uns gegessen und uns Geld für Zigaretten und Kaugummi geliehen", sagt Ramal.

Als sie an der Wohnung der Russen vorbeigekommen sei, habe ihre Nachbarin in der Tür gestanden. Auf ein aufmunterndes Wort hoffte Ramal vergeblich. "Stattdessen hat sie mich angespuckt."

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