Krawalle in Kairo Ägypten wendet sich gegen die Revolutionäre

Seit Tagen erschüttern blutige Straßenschlachten Kairo, 33 Menschen sollen dabei gestorben sein. Doch viele Ägypter haben kein Verständnis für den Protest gegen die Macht der Militärs. Sie sehen Unruhestifter am Werk - und fürchten eine Verschiebung der anstehenden Wahlen.

Aus Kairo berichtet Ulrike Putz


In der Innenstadt Kairos formiert sich eine neue Front: "Geht nach Hause, ihr Nichtsnutze!", ruft einer. "Lasst mich arbeiten, meine Kinder haben Hunger!", schimpfte ein anderer. Passanten und im Stau stehende Autofahrer attackieren die auf dem Tahrir-Platz Protestierenden, teilweise kommt es zu Gerangel.

Die Auseinandersetzungen sind ein Indiz dafür, dass die Demonstranten, die sich seit drei Tagen in Kairos Innenstadt Straßenschlachten mit der Einsatzpolizei liefern, den Rückhalt in der Bevölkerung verlieren. Denn die Protestkundgebungen, die etwa 5000 meist jugendliche Revolutionäre dort abhalten, legen die 20-Millionen-Stadt in großen Teilen lahm.

Der Tahrir-Platz ist der große Verkehrsknotenpunkt Kairos. Alles, was in der Innenstadt herumfährt, muss dort früher oder später vorbei. Doch der Tahrir-Platz ist derzeit Krisengebiet: Seit Samstag starben nach Angaben des ägyptischen Gesundheitsministeriums 20 Menschen bei den Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Rund 1750 Menschen wurden verletzt. Am Montag berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Quellen aus dem größten Leichenschauhaus der Stadt von 33 Todesopfern.

Es sind die schwersten Zusammenstöße seit dem Aufstand gegen den früheren Staatschef Husni Mubarak. Am Montagmorgen ging es weiter: Rund 3000 Protestierende, die sich gegen die amtierende Militärregierung wenden, besetzten den Platz, obwohl die Polizei mit Tränengas und Knüppeln gegen die Menge vorging.

Krawalle gefährden die Wahlen

Derweil stehen Leben und Verkehr in Kairo still. Bis zu 25 Kilometer lang sind die vom Krawall in der Innenstadt ausgelösten Rückstaus auf den Ausfallstraßen. Das Wirtschaftsleben, das sich noch nicht von der Revolution im Frühjahr erholt hat, bekommt einen neuen Dämpfer. Aus den ohnehin schon nur spärlich gebuchten Luxus-Hotels am Nil reisten am Wochenende übereilt die Gäste ab. Der ägyptische Börsenindex schloss am Sonntag mit einem Minus von 2,5 Prozent.

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Kairo: Wieder Proteste auf dem Tahrir-Platz
Doch es sind nicht nur die Sorgen um die Wirtschaftslage, die viele Ägypter jetzt gegen die Revolutionäre auf dem Platz aufbringen: Das Chaos in der Innenstadt gefährdet die ersten freien Parlamentswahlen, die am kommenden Montag beginnen und in einem komplizierten Verfahren bis Januar gehen sollen. "Wenn wir nicht wählen gehen können, dann wegen dieser jungen Männer", schimpfte am Sonntag ein Mann in der Kairoer U-Bahn.

Ausgebrochen waren die Krawalle am Samstagmorgen, als die Polizei ein friedliches Sit-in auf dem Platz mit übermäßiger Gewalt auflöste. Bei Protesten gegen die Aktion gab es Verletzte, dann auch den ersten Toten. Die Gewalt hält an, schon aus Trotz wollen die Demonstranten nicht weichen.

Demonstrationen könnten dem Militärrat nützen

Politisch fordern sie die sofortige Abdankung des Militärrats, der Ägypten derzeit führt, und genau mit dieser Forderung haben viele Ägypter Probleme: Denn jeder Wechsel an der Spitze würde die anstehenden Wahlen in weite Ferne rücken. Das wiederum könnte ganz im Sinne des Militärrats sein, dem viele unterstellen, er wolle sich die Macht auch langfristig sichern. Wenn also die Jugendlichen durch ihren Protest die Wahlen verzögern, könnten sie unfreiwillig den Generälen einen Gefallen tun, befürchten Beobachter.

Das Militär weist den Vorwurf, den Urnengang verzögern zu wollen, weit von sich. "Jede Verschiebung der Wahlen wird die Lage verschlimmern, das nützt niemandem etwas", sagt Mohammed Kadri Said, ein dem Militärrat nahestehender Analyst. Denn noch herrsche kein völliges Chaos in Ägypten, gebe es nur "ein bisschen Chaos". "Doch wenn die Wahlen verschoben werden, kann das zum Aufstand führen", sagte Said SPIEGEL ONLINE. Daran habe die Armee kein Interesse.

Auch die konservative Muslimbruderschaft, deren Partei "Freiheit und Gerechtigkeit" die meisten Stimmen auf sich vereinen dürfte, drängt darauf, dass die Wahlen wie geplant abgehalten werden. "Die Menschen haben die Freiheit gekostet, sie werden es nicht zulassen, dass ihnen diese wieder weggenommen wird", sagt der Sprecher der Muslimbrüder, Mahmud Ghoslan. Sollten die Menschen nun daran gehindert werden, eine neue Führung für Ägypten zu wählen, rechnet Ghoslan mit "einem Blutbad". "Das wird die Armee nicht zulassen."

Dennoch fordern Teile der Zivilgesellschaft die sofortige Ablösung der Militärs durch eine neue Übergangsregierung. Am Sonntag brachte sich der ehemalige Vorsitzende der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed ElBaradei, als Chef einer solchen Führungsriege ins Gespräch. "Einige Leute rufen nach mir, um eine solche Regierung zu repräsentieren, und ich werde tun, was immer notwendig ist, um unser Land vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren", sagte ElBaradei dem britischen "Guardian". Er war während der ägyptischen Revolution im Frühling immer wieder öffentlich aufgetreten und gilt seither als politisch gemäßigter Vertreter der Interessen des Volkes. Nun warnt er vor einem "Absturz Ägyptens". Dass er selbst der Retter in der Not sein könnte, daran zweifelt ElBaradei offensichtlich nicht im geringsten.

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aramcoy 21.11.2011
1. Wahlen?
War es nicht so, dass in Ägypten sowieso in 8 Tagen Wahlen sind/geplant waren? - Warum also jetzt demonstrieren - habe ich nicht wirklich Verständnis dafür.
steamiron 21.11.2011
2. .
Zitat von sysopSeit Tagen erschüttern blutige Straßenschlachten Kairo, 33 Menschen soll dabei gestorben sein.*Doch viele Ägypter*haben kein Verständnis für den Protest gegen die Macht der Militärs. Sie sehen Unruhestifter am Werk - und fürchten eine Verschiebung der anstehenden Wahlen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798952,00.html
Das sind sicher Rebellen die dringend unterstützung brauchen. Spiegel, du hast dich mit Lybien lächerlich gemacht!
Koana 21.11.2011
3. Lieber satt im grauen Staub...
den hungrig im Hoffnungstal. Die Mehrheit der Ägypter möchgte nur eines, Ruhe und Ordnung. Die Mehrheit geht erst auf die Straße, wenn der Magen länger als sechs Monate - sechs Jahre - sechs Jahrzehnte - knurrt - in Frankreich hat es fast ein Jahruhundert gedauert. 100 Jahre Irrsinn in Versailles und Hunger in den Hütten - Ägypten ist noch lange nicht soweit! Was in Tunesien und Lybien kommt - abwarten!
G-Kid 21.11.2011
4. Lächerlich
Zitat von steamironDas sind sicher Rebellen die dringend unterstützung brauchen. Spiegel, du hast dich mit Lybien lächerlich gemacht!
Sie haben zwar im gewissem Sinne recht, aber mit Ihrer Schreibweise von Libyen machen Sie sich leider auch lächerlich...
Yossarian22 21.11.2011
5. Wirklich anders als im Fruehling?
Also, es ist schon etwas verwunderlich wie Spiegel-Online seine Titel wählt. „Ägypten wendet sich gegen die Revolutionäre“ ist eine sehr starke Aussage – die vor allem im Kontrast zu den pro-revolutionären Meldungen vom Frühling steht. Worauf basiert diese Aussage? Anekdotische Kommentare von Passanten und Taxifahrern… Interessant wäre eine Umfrage, die man mit Ergebnissen vom Frühling vergleichen könnte… Diese liegt aber nicht vor – sollte man da nicht ein bisschen vorsichtiger mit den Formulierungen solcher entschlossener Aussagen sein? Auch während der Anti-Mubarak-Revolte im Frühling war ein großer Teil der Bevölkerung aus ähnlichen Gründen gegen die Aktivitäten der Protestierenden – Sicherheit, öffentliche Kommunikation, Geschäftsleben, Tourismus, Nahrungsversorgung, aber auch die Berechenbarkeit von Karrieren und Privilegien sind bei Revolten und Umstürzen bedroht, und obwohl der Charme und die sozialrevolutionäre Ästhetik eines geschundenen Volkes dass sich gegen korrupte Machthaber erhebt ansteckend ist, zahlt die Bevölkerung erstmals einen hohen Preis, als eine unsichere Investition in eine bessere Zukunft… gerade Menschen die sich mit den Bestehenden arrangiert haben, sind dann nicht unbedingt enthusiastisch… und ganz bestimmt nicht Taxifahrer… Es scheint als würde sich die Sprache der Berichterstattung in deutschen Medien, auch SPON, aus anderen Gründen verändert haben… Die letzten 6 Monate haben gezeigt, dass von der Revolte am meisten die Muslimbrueder profitierten, während der Organisations- und Mobilisierungsgrad der liberalen politischen Kräfte nach westlichem Vorbild extrem zu Wünschen übrig lässt… Somit scheint momentan der Militärrat die Interessen westlicher Länder besser zu repräsentieren als die revoltierende Jugend... Guter Journalismus der seine Leser ernst nimmt, sollte aber genau diese Tatsache und dieses Dilemma thematisieren – anstatt die Leserschaft nach einer monatelangen Erziehung zur Unterstützung der Revolte jetzt langsam davon wegzuführen… Ich wünschte mir den Sieg der liberalen Kräfte in den aufkommenden Wahlen und hoffe, dass die Moslembruderschaft von demokratischen Kräften eingezäunt wird – aber die manipulative Art der Berichterstattung enttäuscht mich dann doch… Man sollte seinen Lesern mehr zutrauen, sonst geht das noch nach hinten los!
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