Krawalle in Pariser Vorstädten Randalierer schießen auf die Polizei

Die seit einer Woche anhaltende Gewalt in den Pariser Einwanderer-Vorstädten hat eine neue Stufe der Eskalation erreicht: Nach Polizeiangaben wurden Beamte von Randalierern beschossen. Mehr als 300 Autos gingen in Flammen auf.


Paris - Die französische Regierung bekommt die Krawalle in den Pariser Vorstädten nicht unter Kontrolle. Wie die Polizei heute mitteilte, seien Polizisten und Feuerwehrbeamte in La Courneuve und zwei weiteren Vorstädten mit scharfer Munition beschossen worden. Verletzungen habe es dabei nicht gegeben. Die Sicherheitskräfte werteten die Schüsse dennoch als weitere Stufe der Eskalation. Die Regierung berief eine Krisensitzung ein.

Am siebten Tag in Folge lieferten sich mit Steinen und Molotow-Cocktails bewaffnete Jugendliche in der Nacht Straßenschlachten mit der Polizei. Allein im Département Seine-Saint-Denis, das im Nordosten an Paris grenzt, wurden 177 Autos in Brand gesetzt. Dort kam es in rund 20 der insgesamt 40 Gemeinden zu Ausschreitungen. Vermummte Randalierer verwüsteten ein Einkaufszentrum sowie Geschäfte, Schulen und eine leere Polizeiwache. Neun Menschen wurden verletzt, darunter ein Feuerwehrmann, der einen Molotow-Cocktail ins Gesicht bekam. Insgesamt gingen im Großraum Paris 315 Autos in Flammen auf, auch ein Autohaus, eine Turnhalle und ein Supermarkt wurden in Brand gesetzt.

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Paris: Aufruhr in den Satellitenstädten

Mehrere Randalierer im Alter zwischen 18 und 28 Jahren wurden in Schnellverfahren zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Nach Angaben des Präfekten von Seine-Saint-Denis, Jean Jean-François Cordet, wurden in seinem am schwersten betroffenen Département in der vergangenen Nacht 29 Personen festgenommen. 23 befanden sich heute noch in Polizeigewahrsam.

Auslöser der Gewalt war vor einer Woche der Tod zweier 15 und 17 Jahre alten Jungen gewesen, die sich vor der Polizei in einem Transformatorhaus verstecken wollten und dort einen Stromschlag erlitten hatten. Die Staatsanwaltschaft eröffnete deswegen heute ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung.

Die französische Polizei legte heute einen Bericht zum Tod der beiden Jugendlichen vor. Der Polizeidarstellung zufolge ergriffen am Abend des 27. Oktobers drei Fußball spielende Jugendliche in Clichy-sous-Bois die Flucht, als wegen eines Einbruchs alarmierte Polizisten eintrafen. Der 15-jährige Traore Bouna, der 17-jährige Zyed Benna und der ebenfalls 17-jährige Muttin Altun seien weggerannt, obwohl die Polizisten sie gar nicht verfolgt hätten.

Sie hätten sich in einem Transformatorenhäuschen versteckt, obwohl sie sich nach Aussage des schwer verletzt überlebenden Altun der Gefahr bewusst gewesen seien, hieß es in dem vom Pariser Innenministerium veröffentlichten Bericht über die Ereignisse des 27. Oktober. Bouna und Benna erlitten einen tödlichen Stromschlag, Altun überlebte mit schweren Verbrennungen. Altun habe am Tag danach zu Protokoll gegeben, dass er keine Polizisten während ihrer Flucht noch in der Nähe des Transformators gesehen habe.

"Erhebung in rechtsfreien Zonen"

Die seitdem anhaltenden Unruhen lösten eine heftige Debatte über die Verantwortung der Regierung und die Einwanderung aus. Der Führer der rechtsradikalen Nationalen Front, Jean-Marie Le Pen, erklärte, Frankreich werde "von ausländischen Horden attackiert", die man per Gesetz nicht mehr als Ausländer bezeichnen dürfe. Die Regierung sei machtlos gegen diese "Erhebung in rechtsfreien Zonen". Der neogaullistische Bürgermeister von Aulnay-sous-Bois rief dagegen die Bürger zu einem Schweigemarsch gegen die Gewalt auf. Polizeigewerkschaften kritisierten die "politische Instrumentalisierung" der Gewalt durch die Parteien.

Islamische Würdenträger riefen die Jugendlichen zur Mäßigung auf. "Die islamische Gemeinschaft muss geachtet werden, weil sie selbst die anderen achtet", erklärte der Rektor der Pariser Moschee, Dalil Boubakeur. Die Einwanderer müssten menschenwürdig untergebracht und behandelt werden. Präsident Jacques Chirac sei "ein Freund der Muslime", versicherte Boubakeur.

Regierungschef Dominique de Villepin hielt eine Reihe von Krisensitzungen ab. De Villepin kündigte gestern Abend im Parlament an, er werde bis Ende des Monats einen Aktionsplan zur Beschäftigung arbeitsloser Jugendlicher in Seine-Saint-Denis vorlegen. Am Morgen beriet er mit Innenminister Nicolas Sarkozy, Sozialminister Jean-Louis Borloo und den Bürgermeistern mehrerer Vorstädte über weitere Maßnahmen. Ein weiteres Treffen war für den Nachmittag geplant.

Sarkozy trifft Familien der getöteten Jungen

Sarkozy traf inzwischen die Familien der getöteten Jungen. Der aus Tunesien stammende Vater des 17-Jährigen sagte anschließend, er sei mit dem Gespräch "zufrieden". Sarkozy habe versichert, dass Licht in die Umstände des Todes seines Sohnes gebracht werde. Die Angehörigen hatten sich zunächst geweigert, Sarkozy zu treffen, der kurz vor dem Vorfall bei einem Besuch in einer anderen Vorstadt randalierende Jugendliche als "Gesindel" bezeichnet hatte und in dem Konflikt auf einer harten Linie besteht.

Der Fernsehsender France 2 kündigte an, seine Berichterstattung über die Krawalle auf den Prüfstand zu stellen, nachdem ein Auto des Senders in Brand gesetzt wurde. Das Programm wolle nicht als "Weitergabestation für Provokateure" dienen, die es nur darauf anlegten, "Aufmacher in den 20-Uhr-Nachrichten zu werden", sagte Informationschefin Arlette Chabot. Es gebe offenbar "eine Art Wettbewerb" unter gewaltbereiten Jugendlichen verschiedener Vorstädte, mit ihren Aktionen das größte Echo in den Medien zu finden.



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