Krawalle in Tibet Chinas Polizei gibt Schüsse auf Demonstranten zu

Tagelang wies China jede Gewaltanwendung gegen tibetische Demonstranten weit von sich, nun gibt es eine Stellungnahme, die das Gegenteil beweist: Sicherheitskräfte haben bei Protesten in der Provinz Sichuan das Feuer eröffnet. Die Polizisten hätten aber in Notwehr gehandelt.


Peking - Nach dauernden Dementis nun das Eingeständnis: Erstmals hat China eingeräumt, dass Sicherheitskräfte bei Protesten in einer an Tibet grenzenden Provinz Gewalt angewendet haben. Polizisten hätten am vergangenen Sonntag in der südwestchinesischen Provinz Sichuan auf Demonstranten geschossen, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Donnerstag. Bei dem Einsatz "zur Selbstverteidigung" seien vier Demonstranten verletzt worden, hieß es unter Berufung auf Polizeiquellen.

Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen wurden mindestens acht Menschen getötet, als Sicherheitskräfte am Sonntag auf Demonstranten in Ngawa in Sichuan schossen. China hatte zuvor erstmals Angaben über die Proteste außerhalb Tibets gemacht. Es habe seit Samstag in verschiedenen Bezirken der Provinzen Sichuan und Gansu Unruhen gegeben, meldete Xinhua. Die chinesischen Behörden hätten "mit massiver Zurückhaltung" auf die Proteste außerhalb Tibets reagiert, hieß es in dem Bericht weiter.

Das chinesische Staatsfernsehen CCTV strahlte am Donnerstag einen 15-minütigen Sonderbericht über die Ereignisse in Tibet aus. Darin wurden Angaben über die Anwendung von Gewalt durch die Polizei zurückgewiesen. Die chinesischen Sicherheitskräfte seien mit "größter Zurückhaltung" und ohne den Gebrauch tödlicher Waffen gegen die Demonstranten vorgegangen. Der Beitrag richtete sich offenbar ans Ausland, da er zeitgleich zur chinesischen Version auf anderen Kanälen auf Englisch, Französisch sowie Spanisch gesendet wurde. Der Großteil des Bildermaterials wurde bereits zuvor ausgestrahlt und zeigte Mönche und andere Demonstranten bei gewaltsamen Protesten in der tibetischen Hauptstadt Lhasa.

Der Dalai Lama befürchtete eine möglicherweise hohe Zahl an Opfern. "Wir kennen die genauen Zahlen nicht - manche sprechen von sechs, andere von hundert", sagte er im indischen Exil. Nach staatlichen Angaben kamen bei den Protesten in Lhasa zum 49. Jahrestag eines Aufstandes gegen die chinesischen Besatzer vergangene Woche 13 Menschen ums Leben. Die tibetische Exilregierung spricht von rund hundert Toten.

Dennoch erklärte sich der Dalai Lama zu einem Treffen mit Präsident Hu bereit, sollte es "konkrete Hinweise" für Gesprächsbereitschaft Pekings geben - nach dem Ende der Krise um Tibet "in ein paar Wochen, ein paar Monaten". Chinas Regierungschef Wen Jiabao hatte sich am Dienstag ebenfalls gesprächsbereit gezeigt - allerdings nur, wenn der Dalai Lama seine Bemühungen um eine Unabhängigkeit des Tibet aufgebe. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter hat immer wieder betont, ihm gehe es lediglich um mehr Autonomie.

ffr/AP/AFP

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