Krawalle nach umstrittener Wahl Polizei richtet Blutbad in Kenia an

Blutige Krawalle in Kenia: Mehr als 185 Menschen sind bei Unruhen nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses getötet worden. In der Hauptstadt Nairobi und in anderen Teilen des Landes schoss die Polizei auf Sympathisanten des Oppositionsführers Raila Odinga.

Von Thilo Thielke, Nairobi


Nairobi - Nairobi erlebte eine blutige Nacht: In Kangemi stürmten Sicherheitspolizisten durch den Slum und zerrten Angehörige des Luo-Stamms, dem der Oppositionsführer Raila Odinga angehört, aus ihren Wellblechhütten. Selbst Hochschwangere wurden mit Holzknüppeln zusammengeschlagen. Der kleine Marktplatz, direkt an der Ausfallstraße nach Naivasha gelegen, ging in Flammen auf. Andernorts offenbar viele Tote: In Nairobis Kibera-Slum oder in Kisumu, im Westen Kenias.

Es ist eine gespenstische Stimmung im Land: Seit die Live-Berichterstattung des Fernsehens von der Regierung des vermeintlichen Wahlfälscher Mwai Kibaki verboten wurde, läuft auf dem kenianischen Sender NTV das Programm von CCN, und der andere Kanal, KTN, zeigt Zeichentrickfilme. Dafür kursieren wilde Gerüchte: Die Regierung wolle demnächst das Telefonnetz lahmlegen, den Notstand ausrufen und Raila Odinga verhaften.

Sein Haftbefehl soll bereits unterzeichnet sein. Grund: Odinga hatte geplant, sich heute auf dem Uhuru-Platz in der Stadtmitte Nairobis zum Präsidenten ausrufen zu lassen. Da Präsident Kibaki bereits Sonntag abend in aller Eile vereidigt wurde, wäre das der Versuch eines Staatsstreichs. Seitdem ist die Rasenfläche weiträumig abgesperrt, Bereitschaftspolizisten, zum Teil mit Pferden sind aufmarschiert.

Der Gesuchte ist derzeit immer noch auf freiem Fuß. Heute Morgen tauchte er vor dem "Orange House", dem Hauptquartier seiner Partei ODM auf, und traf sich mit Parteimitgliedern und Parlamentariern zu einem Krisengespräch. "Wir haben einen zivilen Putsch erlebt", sagt Odinga, "die Regierung wird mit dem Versuch, das Volk zu betrügen nicht durchkommen." Dann vergleicht er die Machenschaften des Präsidenten Kibaki mit denen anderer Despoten: "Was er tut, ist nichts anderes, als das, was Leute wie Idi Amin taten: sie sind Diktatoren, Wahlfälscher. Kibaki kann jetzt nur mit dem Militär regieren. Das Volk ist gegen ihn."

In etlichen Orten des Landes soll es zu ethnischen Auseinandersetzungen zwischen den Kikuyu, denen Mwai Kibaki angehört, und den Luos von Herausforderer Odinga kommen; Straßensperren werden errichtet, und Hetzjagden finden statt. Tausende verlassen seit dem Morgen den Kibera-Slum in Nairobi, sie schleppen ihr Hab und Gut mit sich. Längst flüchten sie nicht nur vor den brutalen Paramilitärs, sondern auch vor ihren kenianischen Landsleuten, die anderen Ethnien angehören.

"Im ganzen Land hat es Tote gegeben", berichtet Raila Odinga SPIEGEL ONLINE, "und die Gewalt geht eindeutig von den Polizisten aus. Sie haben unschuldige Menschen erschossen: in Kisumu, in Eldoret, in Kericho." Überall im Land sei die Stimmung jetzt extrem angespannt: "Die Gefahr eines Bürgerkriegs besteht. Die Afrikaner verlieren das Vertrauen in die Demokratie." Er selbst sehe der Gefahr, bald verhaftet zu werden, hingegen gelassen entgegen, schließlich sei er in seinem politischen Leben schon mindestens 20mal verhaftet worden. Für die Demokratie sei er sogar bereit zu sterben: "Ich würde das wertvollste, das ich habe, opfern, damit in diesem Land Demokratie herrscht."

Wie es weitergehen soll, beraten Odinga und seine Parteigänger in der Parteizentrale. Drei Möglichkeiten, so Odinga, stünden ihnen frei: "Ziviler Ungehorsam, Widerstand im Parlament und der Gang zum Gericht, um die Wahl anzufechten." Wie lange demokratische Institutionen allerdings noch funktionieren, ist unklar. Das Land befindet sich nach der Einschätzung ausländischer Beobachter auf dem Weg zu einer Militärdiktatur. Kibaki kann offenbar nur mit eiserner Faust den Zorn des Wahlvolks unterdrücken.

Denn eins hat der Wahltag sehr deutlich gezeigt: Das demokratische Bewusstsein der Kenianer ist sehr stark ausgeprägt. Der Wille nach Veränderung auch. Anders lassen sich die kilometerlangen Schlangen vor den Wahlkabinen nicht erklären, nicht die ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung von rund 70 Prozent. Teils marschierten die Menschen stundenlang, um ihre Stimme abgeben zu können. Gerade daraus resultiert nun die Gefahr. Kibaki scheint kaum eine andere Wahl zu haben, als die demokratischen Triebe in seinem Land mit aller Macht zu kappen. In Kisumu, in Odingas Stammgebiert, herrscht bereits eine Ausgangssperre.

Nun bangt das Land den nächsten Tagen entgegen. "Bleibt ruhig! Lasst das Plündern! Verfallt nicht dem Hoologanismus!", lautet Odingas Botschaft ans Volk. Ein Blutbad kann auch nicht in seinem Sinne sein. Derzeit bereitet sich die Bevölkerung auf harte Zeiten vor. Sämtliche Geldautomaten in Nairobi sind bereits geleert worden, vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen.



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