Streit um Flagge: Krawalle in Belfast

Benzinbomben, brennende Busse und Autos: In Nordirland ist die Polizei mit Gummigeschossen und Wasserwerfern gegen probritische Demonstranten vorgegangen. Mindestens 16 Beamte wurden verletzt.

Probritischer Demonstrant: "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte" Zur Großansicht
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Probritischer Demonstrant: "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte"

Belfast - Im Streit um das Hissen der britischen Flagge auf dem Rathaus von Belfast ist es in Nordirland erneut zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Am Samstag wurden bei Zusammenstößen von pro-britischen Loyalisten und pro-irischen Nationalisten im Osten von Belfast 16 Polizisten verletzt, zwei davon schwer.

In der Nacht zuvor wurden vier Beamte bei Ausschreitungen verletzt, wie die Polizei mitteilte. Die Randalierer setzten Autos und Busse in Brand und warfen mit Steinen und Feuerwerkskörpern. Die Polizei setzte Gummigeschosse und Wasserwerfer ein.

Am Samstag hatten sich rund 1000 pro-britische Demonstranten vor dem Belfaster Rathaus versammelt, um zunächst friedlich für ihre Rechte zu demonstrieren. Darunter waren viele junge Menschen. Nachdem sich der Protestzug aufgelöst hatte, kam es zu Zusammenstößen mit den Nationalisten.

Die protestantischen Loyalisten verurteilen, dass die britische Flagge über dem Rathaus von Belfast nur noch an einigen wenigen Tagen im Jahr gehisst wird. Früher wehte sie 365 Tage im Jahr. Den Beschluss hatte die katholisch-nationalistische Sinn Fein-Partei vorangetrieben. Die Katholiken wollen die Zugehörigkeit Nordirlands zu Großbritannien beenden und eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland herbeiführen. Bei den seit Wochen anhaltenden Protesten wurden inzwischen mehr als 70 Polizisten verletzt.

Viele der loyalistischen Demonstranten bezeichneten den Flaggenstreit als "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte". Die protestantischen Loyalisten, früher bestimmende politische Kraft in Nordirland, sehen sich seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 auf dem politischen Abstellgleis. "Wir fühlen uns als Bürger zweiter Klasse", sagte der Chef der unionistischen Partei PUP, Billy Hutchinson während der Demonstration. Es gehe nicht um die Flagge an sich, sondern um die Art, wie die Entscheidung zustande kam. "Wir müssen die Art ändern, wie in Nordirland Politik gemacht wird", sagte er.

In der kommenden Woche soll es ein Spitzentreffen geben, an dem neben dem nordirischen Ministerpräsidenten Peter Robinson und seinem katholischen Stellvertreter Martin McGuinness auch die britische Nordirland-Ministerin Theresa Villiers und der irische Außenminister Eamon Gilmore teilnehmen werden. Dabei soll nach Lösungen für die Probleme in der Krisenregion gesucht werden.

Nach Angaben der Polizei blockierten Demonstranten in der Nacht zum Samstag mehrere wichtige Straßenkreuzungen. Nach Informationen des "Belfast Telegraph" wurde an einer Ausfallstraße eine Rohrbombe gefunden. Die städtischen Behörden hatten den öffentlichen Nahverkehr schon am Nachmittag praktisch eingestellt. Tausende Belfaster verließen die Stadt, um den Protesten zu entgehen.

lei/dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Ein erstklassiges..
silberwolf 13.01.2013
..Beispiel dafür, dass ausufernder Nationalismus nichts Gutes nach sich zieht. Dummerweise liegen die Ursachen dieses Konflikts auch in der Geschichte. Relativ hoch industrialisierte Briten haben vor längerer Zeit den eher ländlich geprägten Norden Irlands erobert. Die Religion wird hier instrumentalisiert zur "Unterscheidung" sich gegenseitig bekämpfender Gruppen. Kleiner Korrekturvorschlag an SPON: Nordirland gehört nicht zu Großbritannien. Großbritannien besteht aus England, Wales und Schottland. Großbritannien und Nordirland bilden das Vereinigte Königreich.
2. Unvertändnis
Herr Hold 13.01.2013
Zitat von sysopBenzinbomben, brennende Busse und Autos: In Nordirland ist die Polizei mit Gummigeschossen und Wasserwerfern gegen probritische Demonstranten vorgegangen. Mindestens 16 Beamte wurden verletzt. Krawalle wegen britischer Flagge: Verletzte und Festnahmen in Belfast - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krawalle-wegen-britischer-flagge-verletzte-und-festnahmen-in-belfast-a-877216.html)
Geht es hier tatsächlich noch um eine Flagge, die nicht mehr täglich wehen soll? Sind die denn vollkommen verrückt geworden?
3. -
fördeanwohner 13.01.2013
Zitat von Herr HoldGeht es hier tatsächlich noch um eine Flagge, die nicht mehr täglich wehen soll? Sind die denn vollkommen verrückt geworden?
Zumal dieses demokratisch entschieden wurde und einen Kompromiss darstellt. Sogar deutsche Zeitungen meinen, dass dieser Beschluss falsch sei. Im Nachhinein betrachtet, weil es wieder zu Gewalt gekommen ist, kann man das vielleicht so sehen. Allerdings würde ich eher die Krawallmacher verurteilen, die noch immer nichts gemerkt haben. Nordirland hat vom Boom in Irland profitiert, die Beziehungen der beiden Länder wurden dadurch entspannter. Nun ist die wirtschaftliche Situation in der Rep. Irland nicht mehr gut, also leidet Nordirland ebenfalls. Die Demonstranten auf Belfasts Straßen sind keine Intellektuellen, sondern einfache Menschen, zumeist arbeitslos, die man leicht manipulieren und anstacheln kann, weil sie eben unter Perspektivlosigkeit leiden. Die Loyalisten nutzen das gnadenlos aus. Es ist sehr, sehr schade, was da gerade wieder abläuft, denn ich habe in Nordirland nur tolle Menschen kennengelernt, die alle froh waren, dass sich die Situation dort inzwischen entspannt hatte.
4.
dhbvfg 13.01.2013
@ silberwolf relativ hoch industrialisierte Briten ein irisches Shire ist im 13 jahrhundert an einen britischen lord gefallen. Damals gab es keine industrialisierung!! Schon heinrich der 8 hat dann gesamt irland regiert das war im 16 jahrhundert. Auch da gab es keine industrialisierung!! Der norden irland gehört zum UK da hier die Mehrheit der Bevölkerung 1922 dafür war weiterhin zum UK zu gehören (durch die mehrheit der protestanten in diesem gebiet) da gab es eine industie und handelsnation aber die industrialisierung war auch schon um. Eine demokratische abstimmung ist ebenfalls keine eroberung
5. Demographie
jochen1978 13.01.2013
durch die demographische Entwicklung (höhere Geburtenrate der pro-irischen Katholiken) geraten die pro-britischen Protestanten Stück für Stück in die Minderheit. Ich wage die Prognose, dass in vielleicht 15 oder 20 Jahren über Belfast die grün-weiß-orangene Flagge wehen wird. Ich lasse mich aber gerne von Leuten, die sich da gut auskennen, eines besseren belehren.
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Bloody Sunday: Der Tag, der Nordirland veränderte


Fläche: 70.182 km²

Bevölkerung: 4,588 Mio.

Hauptstadt: Dublin

Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Enda Kenny

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