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Krieg gegen die Hisbollah: Der unsichtbare Feind

Aus Avivim an der libanesischen Grenze berichtet

Im Krieg gegen die Hisbollah stößt Israel auf massiven Widerstand. Doch gegen die Terror-Truppe kann die High-Tech-Armee nur wenig ausrichten. Strategen und Soldaten stellen sich auf einen langen und blutigen Guerilla-Kampf ein.

Avivim - Auf der Karte sieht der Krieg so einfach aus. Rot hat der israelische Kommandeur, dessen Namen man nicht schreiben soll, die Hochburgen der Hisbollah im Südlibanon markiert - letztlich fast alle Städte nördlich der israelischen Grenze. Mit blauen Kreuzen sind strategisch wichtige Punkte, meist Straßenkreuzungen, eingezeichnet, die es zu kontrollieren gilt. "Nun müssen wir nur noch hinein gehen und uns die Hisbollah-Jungs vornehmen", sagt er während des Briefings in gebrochenem Englisch. "Vielmehr gibt es dazu nicht zu sagen."

Nur einige hundert Meter entfernt von der Basis des Bokim Battalions, das für den Kampf gegen die Hisbollah nach Avivim im Norden Israels verlegt wurde, ist der Libanon. Gleich hinter der kleinen Bergkette beginnt für die Soldaten das Feindesland. Seit einigen Tagen zieht die israelische Armee mit kleinen Kommandos dorthin, meist einige Panzer und ein paar Dutzend Männer. So soll die Hisbollah geschwächt, die Abschüsse der Raketen gestoppt, letztlich der erklärte Krieg gegen die Nasrallah-Armee gewonnen werden.

Die Mission, gleich zu Beginn "angemessener Preis" getauft, entpuppt sich als sehr viel schwieriger als gedacht - vor allem als verlustreicher. Seit dem Beginn der gezielten kleinen Bodenoperationen sterben fast jeden Tag Soldaten bei heftigen Feuergefechten. Am gestrigen Dienstag sollen es sogar neun Opfer auf israelischer Seite gewesen sein, die beim versuchten Einmarsch in Bint Dschbeil getötet wurden - mehr als an jedem anderen Tag dieses mittlerweile zweiwöchigen Krieges.

Väter, die plötzlich zu Waffe greifen

Hatten die Militäranalysten und Politiker zu Beginn der Mission von gezielten, chirurgischen Eingriffen gegen die Hisbollah gesprochen und eine Kampfdauer von etwa einer Woche geschätzt, richtet sich Israel immer mehr auf einen langen Krieg ein. Auch der Kommandeur in Avivim zuckt nur mit den Schultern, als er nach dem Ende des Krieges gefragt wird. "Wir kämpfen gegen einen unsichtbaren Feind. Gegen Väter, die plötzlich zur Waffe greifen, gegen kleine, überall im Südlibanon versteckte Stellungen, gegen in Bunkern versteckte Waffen", sagt er. "Das kann dauern."

Noch halten sich die Zeitungen mit Kritik zurück, beschreiben lediglich das Dilemma. "Zwei Wochen nach der Entscheidung, die Hisbollah auszumerzen, sind die militärischen Erfolge sehr begrenzt", schreibt Kolumnist Yohel Marcus in der "Haaretz". Kommen jedoch in den nächsten Tagen noch mehr Tote, Verletzte und kleine Siege des Gegners, könnte sich die Stimmung schnell drehen. Israel wäre nicht Israel, würde man nicht schon jetzt hinter den Kulissen nach einem Schuldigen suchen.

Die lange Strecke nach Avivim ist eine eindrucksvolle Präsentation der militärischen Überlegenheit der Israelis. Überall stehen die schweren Panzer der Armee an den Straßenseiten. Darauf Soldaten, die ihre Waffen putzen. Artillerie feuert Tag und Nacht. Immer wieder schweben schwere "Apache"-Kampfhubschrauber Richtung Norden. Von den Kampf-Jets, beladen mit Präzisionsbomben, sind nur Kondensstreifen am Himmel zu sehen. Nicht zu überhören ist es, wenn sie ihre tödliche Ladung abwerfen.

Grenzen der High-Tech-Armee

All die Technik aber hat ihre Grenzen. Trotz tagelangem Bombardement aus der Luft scheint die Hisbollah leicht geschwächt zu sein, gleichwohl aber immer noch in der Lage, täglich rund 80 Raketen gen Israel abzuschießen. Seit Tagen schwant den Militärs, dass sie ihr Ziel nur auf dem Boden erreichen können. "Wir müssen in die Dörfer hinein", sagt der Kommandeur. "Dass wir dort angegriffen werden, ist ganz selbstverständlich."

Dass es nicht bei einem Luftkrieg bleiben würde, muss den Verantwortlichen in der Regierung von Ehud Olmert bewusst gewesen sein. In den vergangenen Tagen war in israelischen Zeitungen zu lesen, dass man schon vor zwei Jahren einen Schlag gegen die Hisbollah am Reißbrett durchgespielt habe. Das Ergebnis: Allein mit Bomben aus 10.000 Meter Höhe ist die Miliz mit ihren vielen kleinen Bunkern, reichlich Waffen, einem improvisierten, aber funktionierenden Kommunikationssystem nicht klein zu kriegen.

Letztlich machen die Israelis in ihrem Krieg nun ähnliche Erfahrungen wie die USA im Irak und Afghanistan. Gekämpft werden muss gegen eine Truppe ohne Uniform, die keine Basen unterhält und eine unkalkulierbare Unterstützung in der Bevölkerung hat. "Ein Vater, der eben noch sein Kind fütterte, kann plötzlich zum Kämpfer werden und umgekehrt", beschrieb kürzlich ein israelischer General eine klassische Situation in diesem Krieg.

Haus um Haus, Straße um Straße

Im Kampf um Bint Dschbeil zeigte sich ein weiteres Problem im Feldzug gegen die Milizen. In viele Ecken der Stadt kam die Armee nicht mit ihren gut geschützten Panzern. "Wir mussten Haus für Haus, Straße für Straße einnehmen und sichern", sagte ein Militärsprecher am gestrigen Dienstag. Dieser Straßenkampf, Mann gegen Mann, ist eine Spezialität der Guerilla-Truppe Hisbollah. Ihre Kämpfer kennen Verstecke, gute Schusspositionen und Fluchtwege. Luftüberlegenheit nutzt in den Straßen der Hochburg von Nasrallahs Männern wenig.

Aus den Erzählungen der erschöpften Soldaten in Avivim entsteht das Bild eines klassischen Guerilla-Krieges, auf den sich die Hisbollah jahrelang vorbereitet hat. Ein junger Panzerfahrer, gerade mal 21 Jahre alt, beschrieb am Montag einen klassischen Hinterhalt: Zuerst gerieten die Soldaten von einem Dach eines Dorfes unter Beschuss, vermutlich MG-Feuer. Als sie das Ziel ausgemacht und angesteuert hatten, wurden sie von hinten mit drei Panzerfäusten beschossen. Einer der Panzer wurde schwer beschädigt, mehrere Soldaten verletzt. Zwei wurden getötet.

Die israelischen Soldaten, gut ausgebildet in Kampf und Strategie, beschreiben die Hisbollah-Kämpfer gern als feige - und sehr gefährlich. "Sie wissen, dass sie im direkten Kampf mit uns keine Chance haben", sagt einer. "Deshalb verstecken sie sich und versuchen, uns Fallen zu stellen." Mehrere Tage war der Mittzwanziger im Libanon unterwegs, jeden Tag kamen er und seine Männer unter Beschuss. "Die Männer, die für die Hisbollah kämpfen, haben nichts verlieren", sagt er. "Alles was sie wollen, ist so viele wie möglich von uns zu töten."

Die beste Propaganda für die Hisbollah sind Bilder wie sie heute über die TV-Bildschirme liefen: Mehrere Tote und viele verletzte Israelis, die von schwitzenden Kameraden mit angstverzerrten Gesichtern auf Tragen über die Grenze zurück nach Israel geschleppt werden. Das passt genau in das Bild der Milizen-Führer. Unser Gebiet ist nicht einnehmbar, lautet ihre Parole. Immer wieder in den vergangenen Tagen hatten sie verlauten lassen, man freue sich auf die israelischen Soldaten. Bis zu 40 von ihnen, so einer der Stellvertreter von Hisbollah-Chef Nasrallah, wolle man töten. Jeden Tag.

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