Krieg gegen Somalias Islamisten Äthiopien bombardiert Flughafen von Mogadischu

Trotz internationaler Proteste hat die äthiopische Luftwaffe Angriffe in Somalia geflogen. Premier Meles hatte kurz zuvor den islamistischen Truppen im Nachbarland Somalia den Krieg erklärt - die EU forderte das sofortige Ende der Kämpfe, um einen Flächenbrand in der Region zu verhindern.


Addis Abeba - Die äthiopische Luftwaffe hat den internationalen Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu bombardiert. Es war der erste direkte Angriff auf das Hauptquartier des Rats der islamischen Gerichte, dessen Milizionäre die somalische Übergangsregierung zunehmend in Bedrängnis gebracht haben. Außerdem griffen die Kampfjets den Flughafen von Baledogle an.

Somalische Kinder auf der Flucht (nahe der Stadt Baidoa): Erster Eingriff der äthiopischen Luftwaffe in das Nachbarland
AP

Somalische Kinder auf der Flucht (nahe der Stadt Baidoa): Erster Eingriff der äthiopischen Luftwaffe in das Nachbarland

Äthiopien hatte den islamistischen Milizen im Somalia gestern offiziell den Krieg erklärt - nachdem diese tags zuvor Muslime aus aller Welt zur Teilnahme an ihrem "Heiligen Krieg" aufgefordert hatten. "Muslime sind Brüder und helfen einander", sagte Scheich Yussuf Indahaadde und schwor, die äthiopischen Soldaten ein für alle Mal aus Somalia zu vertreiben. Die somalische Übergangsregierung, zu deren Stärkung Äthiopien in den Krieg gezogen ist, ordnete heute deshalb die Schließung sämtlicher Grenzen an. Ob sie in der Lage ist, dies zu kontrollieren, bezweifeln Beobachter allerdings. Das Welternährungsprogramm forderte die Konfliktparteien auf, keine Hilfen für die Not leidende Bevölkerung zu behindern. 1,4 Millionen Somalier würden an schwerer Unterernährung leiden.

Vor den Luftangriffen hatten sich äthiopische Bodentruppen heftige Gefechte mit den islamistischen Milizen geliefert. Die Kämpfe konzentrierten sich auf die Region südlich von Baidoa, dem Sitz der praktisch machtlosen somalischen Übergangsregierung. Am Sonntag schon wurde Belet Weyne, eine Hochburg des Rats der Islamischen Gerichte, aus der Luft angegriffen. Die Islamisten seien daraufhin aus der Stadt geflohen, berichteten Einwohner. Es war der erste Eingriff der äthiopischen Luftwaffe in den Bürgerkrieg im östlichen Nachbarland.

"Wir ziehen ab, wenn die Mission erfüllt ist"

Die EU hat die Gewalteskalation in Somalia verurteilt und ein sofortiges Ende der ausufernden Kämpfe gefordert. Äthiopien müsse seine Luftangriffe auf Stellungen der Muslim-Extremisten im Nachbarland einstellen, verlangte die EU am Sonntag in einer eiligen Stellungnahme. Die Islamisten müssten ihrerseits die Angriffe auf Truppen der international anerkannten somalischen Regierung stoppen. Zu der Einmischung Äthiopiens in den Konflikt sagte Schwedens Außenminister Carl Bildt: "Es besteht die Gefahr, dass sich der Bürgerkrieg in Somalia zu einem regionalen Krieg entwickelt." Äthiopiens Einmischung "könnte die ohnehin ernste Lage noch verschlimmern. Jetzt geht es darum, eine militärische Eskalation zu verhindern."

In seiner Kriegserklärung sagte der äthiopische Ministerpräsident Meles Zenawi, sein Land sei "durch die Umstände" und angesichts der anhaltenden Kämpfe gezwungen, in den Konflikt zwischen den Rebellen und der somalischen Übergangsregierung einzugreifen. Ziel des Militäreinsatzes sei es, die nationale Souveränität Äthiopiens zu verteidigen, sagte Meles. Er ließ offen, wann sich seine Truppen aus Somalia zurückziehen würden. "Unsere Verteidigungseinheiten werden abgezogen, sobald sie ihre Mission erfüllt haben", sagte der äthiopische Regierungschef. Äthiopiens Informationsminister Berhan Hailu teilte mit, die Angriffe am Sonntag hätten sich gegen mehrere Fronten der Islamisten nahe des Sitzes der umzingelten Übergangsregierung in der Provinzstadt Baidoa gerichtet.

Angst vor Stellvertreterkrieg mit Eritrea

Das stark christlich geprägte Äthiopien unterstützt mit den Angriffen die international anerkannte, allerdings stark geschwächte Übergangsregierung Somalias gegen die Bewegung der islamischen Gerichte. Deren Milizen haben die frühere Hauptstadt Mogadischu und weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Die Islamisten werden von Äthiopiens Erzfeind Eritrea unterstützt - dies ist der Grund, warum Diplomaten einen Krieg größeren Ausmaßes am Horn von Afrika fürchten, der extremistische Kämpfer anziehen und zu Terrorattentaten in der Region führen könnte.

SPIEGEL ONLINE

Somalia ist seit Beginn des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren ein zerfallenes Land, in dem die offizielle Staatsmacht faktisch keine Kontrolle mehr hat. Vor Monaten verlor die international anerkannte Regierung die Macht über die Hauptstadt Mogadischu und zog sich nach Baidoa zurück. Auch dort ist sie inzwischen unter Bedrängnis der Truppen der islamischen Gerichte gekommen. Ihre Macht reicht kaum über Baidoa hinaus. Das Land ist faktisch dreigeteilt: Im Süden kämpfen die offizielle Regierung und die islamistischen Truppen um die Macht. Letztere haben es geschafft, große Teile der von vielen Stammes- und Provinzfürsten bestimmten Gebiete auf ihre Seite zu bekommen und die von ihnen beherrschten Regionen weitgehend zu kontrollieren. Der Norden, Somaliland, hat sich 1991 vom Rest Somalias faktisch abgespalten und für unabhängig erklärt. Im Nordosten folgte 1998 Puntland, das inzwischen jedoch auch von den Truppen der islamischen Gerichte bedrängt wird.

Äthiopien sieht sich seit langem durch die Regierungen der Nachbarstaaten Eritrea im Norden und Sudan im Nordwesten bedroht, fürchtet Begehrlichkeiten von Nachbarstaaten auf fragile äthiopische Provinzen und will deshalb eine Machtübernahme der von Eritrea geförderten Islamisten in Somalia um jeden Preis verhindern. Ministerpräsident Meles Zenawi wird vorgeworfen, zu wenig Rücksicht auf die gefährliche Lage in der Region am Horn von Afrika zu nehmen und einseitig auf militärische Schritte zu setzen. International steht er deshalb in der Kritik.

plö/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.