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Krieg gegen Taliban: Britischer Minister drängt auf Rückzug aus Afghanistan

Es wäre eine deutliche Abkehr von der bisherigen Politik Großbritanniens - der neue Verteidigungsminister Fox stellt einen raschen Abzug aus Afghanistan in Aussicht. Begründung: "Wir sind keine Weltpolizei." Beim Truppenbesuch wurde der Politiker von Fußballstar Beckham begleitet.

Überraschende Visite: Beckham besucht britische Truppen Fotos
Reuters

Kabul - Neue Töne in der britischen Außenpolitik: Nach der Abwahl der Labour-Regierung ist Verteidigungsminister Liam Fox gerade ins Amt gekommen, nun drängt er auf einen schnellen Rückzug seiner Soldaten aus Afghanistan. Es müsse akzeptiert werden, dass für die Truppen die Grenze der Belastbarkeit erreicht sei, sagte Fox der "Times". "Ich möchte, dass die Einheiten so schnell wie möglich zurückkommen", wird der Minister zitiert. "Wir müssen die Erwartungen und die Zeitpläne überprüfen."

Die neue Regierung werde das Augenmerk nun auf die nationale Sicherheit legen, ergänzte er. Großbritannien sei keine "Weltpolizei".

Am Samstag traf Fox zu einem Blitzbesuch in Kabul ein, zusammen mit Außenminister William Hague und Entwicklungshilfeminister Andrew Mitchell. Alle drei gehören der konservativen Partei an, die nach der Wahl vor gut zwei Wochen eine Koalitionsregierung mit den Liberalen gebildet hat. In Kabul wiederholte Fox laut BBC seine Forderung: Großbritannien sei "keine Weltpolizei", die Truppen müssten "so schnell wie möglich" nach Hause.

Die Regierung werde prüfen, ob Afghanistan seine Sicherheit ab 2014 selbst organisieren könne, fügte er hinzu. Deshalb werde man ausloten, ob es Möglichkeiten gebe, die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte zu beschleunigen. "Wir sind nicht hier, um Bildungspolitik zu betreiben in einem Land, das sich auf dem Stand des 13. Jahrhunderts befindet. Wir sind hier im Interesse des britischen Volkes."

286 Briten ließen in Afghanistan ihr Leben

In Afghanistan sind rund 10.000 britische Soldaten im Einsatz. Damit ist Großbritannien nach den USA die zweitgrößte ausländische Militärmacht am Hindukusch. Die USA haben in Afghanistan 130.000 Soldaten stationiert, diese Zahl soll bis zum Sommer um weitere 20.000 Mann aufgestockt werden. Mittelfristig planen aber auch die USA einen Rückzug.

Die Briten kämpfen überwiegend in der südlichen Provinz Helmand gegen die Taliban. Seit Beginn des Einsatzes 2001 kamen 286 Briten und 1081 US-Soldaten ums Leben.

Ob sich Fox mit seiner Position in der konservativ-liberalen Regierung durchsetzen kann, ist noch offen. Entwicklungsminister Mitchell sagte in Kabul, es sei "essentiell", einen funktionierenden Staat in Afghanistan zu etablieren. Auch Außenminister Hague betonte, man plane keine "signifikanten Änderungen" in der britischen Afghanistan-Politik.

Allerdings teilen nicht alle Beobachter diese Ansicht. So interpretiert die BBC die Äußerungen von Verteidigungsminister Fox als "starke Worte". Sie deuteten darauf hin, dass die neue Koalition das Kriegsthema tatsächlich anders angehen wolle als die bisherige Labour-Regierung.

Ähnliche sieht das Richard Kemp, der frühere Kommandant der britischen Truppen in Afghanistan. In einem Radio-Interview sagte er, man könne bei der neuen Regierung durchaus eine "Änderung in der Herangehensweise" erkennen.

Fußballstar Beckham besucht die Truppe

Regierungschef David Cameron hatte im Wahlkampf erklärt, der Truppenabzug aus Afghanistan werde innerhalb der kommenden fünf Jahre beginnen. Dutzende Bürger fordern seit Tagen in einem Camp vor dem Londoner Parlament den Rückzug der Armee vom Hindukusch.

Die drei britischen Minister wurden auf ihrer Reise nach Kabul von Fußballstar David Beckham begleitet. In der umkämpften Südprovinz Helmand sagte der Mittelfeldspieler der englischen Nationalmannschaft, er wolle durch die Visite seine "Bewunderung" für die Arbeit der Soldaten zeigen. Er habe schon seit längerem nach Afghanistan kommen wollen. Die Briten müssten an die schwierige Arbeit der Armee erinnert werden.

Am Freitag war auch Bundespräsident Horst Köhler in Afghanistan, um den deutschen Soldaten einen Blitzbesuch abzustatten. Er schloss sich dabei der herrschenden Meinung an, dass es sich bei dem Einsatz um einen Krieg handle.

wal/AFP/Reuters/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
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1. .
Haio Forler 22.05.2010
Es wäre eine deutliche Abkehr von der bisherigen Politik Großbritanniens - der neue Verteidigungsminister Fox stellt einen raschen Abzug aus Afghanistan in Aussicht. Begründung: *"Wir sind keine Weltpolizei*". Vernünftige Ansicht. Respekt.
2. Der Letzte mach das Licht aus!
Rainer Daeschler, 22.05.2010
Wenn die Briten gehen wollen, stören sie empfindlich die militärische Wohlfühlatmosphäre, die sich unsere Politiker in wohltuender Frontferne um sich aufgebaut haben.
3. Demokratie
HariboHunter, 22.05.2010
Die Englaender machen gerade vor was Demokratie bedeutet: Zunaechst wird gewaehlt und dann wird etwas fuer den Buerger getan. In Deutschland gibts nach der Wahl nur immer eine Steuererhoehung.
4. Breaking news: Rice bag...
DoubleU, 22.05.2010
Zitat von Rainer DaeschlerWenn die Briten gehen wollen, stören sie empfindlich die militärische Wohlfühlatmosphäre, die sich unsere Politiker in wohltuender Frontferne um sich aufgebaut haben.
Das finde ich sehr schön formuliert. Ich habe den Artikel allerdings nicht wirklich gelesen, da ich nach dem Satz "Beim Truppenbesuch wurde der Politiker von Fußballstar Beckham begleitet." keine Veranlassung mehr dazu sah meine Zeit zu verschwenden.:-)
5. Die Briten haben Glück
slider, 22.05.2010
Leider wird in der BRD die Politik zur Zeit von drittklassigen Doubeln Karl Valentin´s und Liesl Karlstadt´s und deren entmündigten Fanclub "gestaltet". Vernünftige Forderung in Sachen AFG sind a la Britania hier nicht zu erwarten.
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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.


Seit 2001 führt der Westen Krieg in Afghanistan. Doch das Land ist weder politisch stabil, noch wird es ordentlich regiert. Bei Politikern und in der Bevölkerung in Deutschland wachsen die Zweifel an der Mission. Es gibt gute Gründe für die Fortführung des Krieges, es gibt aber auch gute Gründe für den Rückzug der Bundeswehr.

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Der Bundeswehreinsatz in Kunduz
Die Mission der Bundeswehr
AP
Die Bundeswehr engagiert sich seit 2003 in der nordafghanischen Provinz Kunduz. Im Rahmen der internationalen Sicherheits- und Aufbautruppe Isaf soll sie für ein stabiles Umfeld sorgen.

Kunduz war der erste Einsatzort der Bundeswehr in Nordafghanistan, wo inzwischen der deutsche Einsatzschwerpunkt liegt. Im Vergleich zum umkämpften Süden des Landes galt die Region lange als eher ruhig. Mittlerweile kommt es aber auch dort immer wieder zu schweren Anschlägen der radikal-islamischen Taliban.
Die Provinz Kunduz
REUTERS
Die Provinz ist mit rund 8000 Quadratkilometern halb so groß wie Schleswig-Holstein. Über die Einwohnerzahl gibt es keine genauen Angaben. Nach Schätzungen liegt sie etwa bei 850.000. Wegen seiner fruchtbaren Böden wird die Region Brotkorb Afghanistans genannt. In Kunduz werden unter anderem Baumwolle, Reis und Weizen geerntet. Der Anbau von Schlafmohn, der Basis von Heroin, ist zurückgegangen.
Die Unruhe-Region Chahar Darreh
REUTERS
Als gefährlichster der sechs Distrikte, die einen Ring um die Provinzhauptstadt Kundus bilden, gilt Chahar Darreh. Die Taliban haben Teile des Gebietes unter Kontrolle. Immer wieder greifen sie Patrouillen der Bundeswehr an, mehrere deutsche Soldaten haben bereits ihr Leben in dem Distrikt verloren. Von Chahar Darreh aus wurden in der Vergangenheit auch mehrfach Raketen auf das Bundeswehrfeldlager in Kunduz abgefeuert.
Die Kunduz-Affäre
AP
Seit 2009 wird der Name Kunduz auch mit einem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff in Verbindung gebracht. Dabei wurden am 4. September bis zu 142 Menschen verletzt oder getötet. Der Vorfall ist bis heute nicht aufgeklärt. Der Bundestag hat einen Untersuchungsausschuss eingerichtet, die Bundesanwaltschaft ermittelte gegen den Bundeswehroberst Georg Klein und seinen Flugleitoffizier wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Völkerstrafgesetzbuch.
Tod afghanischer Zivilisten
AFP
Für den Tod afghanischer Zivilisten war die Bundeswehr nach offiziellen Angaben erstmals am 28. August 2008 verantwortlich. Damals erschoss ein Soldat an einem Checkpoint der afghanischen Polizei und deutscher Isaf-Soldaten eine Frau und zwei Kinder. Vier weitere Menschen wurden verletzt. Dem damaligen Unglück ging ein Angriff voraus: Am 27. August 2008 war eine Patrouille der Bundeswehr nahe Kunduz in eine Sprengfalle geraten, ein Soldat starb.

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